Faust 1, die Bösen unter sich: Mephisto verhandelt mit Frau Marthe.

Faust 1, die Bösen unter sich: Mephisto verhandelt mit Frau Marthe.

Der neue Faust

An Ostern ist am Goetheanum die Neuinszenierung von «Faust 1 und 2» zu sehen. Die Aufführung findet auf der aufwändig renovierten grossen Bühne statt und wird wohl international auf breites Interesse stossen, denn an dieser Inszenierung ist tatsächlich fast alles neu.

 

Faust, der Tragödie erster und zweiter Teil, das grosse Drama vom modernen Menschen, an dem Goethe sechzig Jahre lang gearbeitet hat, wird am Goetheanum wieder integral aufgeführt. Ein gigantisches Projekt, das sich vom Casting bis zur letzten Aufführung über zwei Jahre erstreckt. Kostenpunkt: Sechs Millionen Franken, ohne Subventionen, finanziert aus Eigenmitteln, Spenden und Kartenverkauf.

Die Werkstattaufführung

Im Juli letzten Jahres sah ich eine Werkstattaufführung von «Faust 1»: Das Ensemble präsentierte ein Zwischenergebnis und stellte dieses zur Diskussion. Michaela Glöckler und Wolf-Ulrich Klünker ergänzten die Aufführungen mit Vorträgen. Von Wolf-Ulrich Klünker habe ich mir folgende Sätze notiert: «Die Gegenwart darf nicht verlängerte Vergangenheit sein. Es müssen mutige Schritte gemacht werden, sonst gibt es keine Zukunft. Es gibt einen Weg von der Zukunft in die Vergangenheit, aber nicht von der Vergangenheit in die Zukunft. Wir müssen an Rudolf Steiner anknüpfen, ohne ihn nachzuahmen.»
Der Regisseur Christian Peter kennt die Tradition der Faust-Aufführungen am Goethe­anum bestens, spielte er doch in der Vergangenheit sowohl den Faust wie auch den Mephisto. Mit seiner Neuinszenierung knüpft er an diese Tradition an, ohne sie nachzuahmen, denn er macht viele mutige Schritte ins Neuland. So verzichtet er auf die Sprachgestaltung, das für Aussenstehende gewöhnungsbedürftige Marken­zeichen der anthroposophischen Bühnenkunst. Dafür sucht er zusammen mit dem Musiker Florian Volkmann nach neuen Wegen, um die Musikalität von Goethes Sprache hörbar zu machen; es wird gesungen, es gibt Rhythmisierungen, die nach Rap ­tönen, und das Sprechen wird mit ungewohnten Klängen und Geräuschen untermalt. Nebenbei sei erwähnt, dass Florian Volkmann für einige explosive musikalische Einschübe verantwortlich zeichnet, die ich als besonders mutige Schritte bezeichnen möchte.
Andrea Pfaehler feilte mit dem Ensemble am schauspielerischen Teil. Ihr ist wichtig, «dass die Geschichte von Faust erschlossen und der Gedanke auch längerer Abschnitte von den Schauspielerinnen und Schauspielern erfasst wird»; damit kann sichergestellt werden, dass die Geschichte, dass die Gedanken auch wirklich beim Publikum an­kommen.
Zusammen mit Margarethe Solstadt hat Christian Peter auch das Verhältnis von Schauspiel und Eurythmie verändert. Die Eurythmie, das zweite Markenzeichen anthroposophischer Bühnenkunst, fügt sich organisch in die Handlung ein und wirkt leichter, spielerischer und heiterer, als ich das von früheren Aufführungen in Erinnerung habe. Die Eurythmie verschliesst sich auch nicht gegenüber Einflüssen von zeitgenössischem Tanz und Ballett. 
Das Bühnenbild (Roy Spahn) und die Lichtführung (Ilja van der Linden) sind nicht mehr naturalistisch, sondern folgen einer einfachen, symbolistischen Formensprache. Und manch liebgewordenes Gewand verschwand: Die Kostüme – 600 an der Zahl – wurden nach Entwürfen von Bob ­Barendsma neu hergestellt. 

Die Meinung des Publikums

An der Werkstattaufführung fand eine ausführliche Diskussion mit dem Publikum statt und es zeigte sich, dass die Neuerungen stark polarisieren: «In der alten Ins­zenierung wurde eine extreme Höhe erreicht», sagte eine Besucherin, «man war stolz, es war Weltniveau, nun ist es ein Geflüster ...» – Mit starkem Applaus wurde eine andere Wortmeldung bedacht: «Es ist vielleicht noch nicht ganz ausgereift, aber man spürt das Bemühen um Erneuerung, es muss Raum für Neuentwicklung geben ... Freiheit und Faust passen gut zueinander.»

Ich bin gespannt, wie sich die Inszenierung im letzten halben Jahr weiterentwickelt hat. Das Resultat können wir vom 25. bis 27. März 2016 im Goetheanum sehen.

 

Informationen zu weiteren Aufführungen: www.faust2016.ch


Text: Jürg Seiberth, Foto: Georg Tedeschi (zVg)