Dreispitz, das urbane Tor zur Birsstadt

Dreispitz, das urbane Tor zur Birsstadt 

Die Birsstadt jenseits der Behauptung

Vor neun Jahren schrieben Raumplaner das Birsstadt-Manifest. Eine kühne Vision mit pragmatischem Fundament. Wo steht sie heute? Das BirsMagazin sprach mit Birsstadt-Protagonisten.

Eine Fahrt mit dem 11er-Tram ist eine kleine Lehrstunde in Raumplanung oder vielmehr in einer fehlenden, nicht über die Gemeindegrenzen hinausgehenden Raumplanung. Ob es die Tramlinie war, die zum Ausfransen der Siedlungen beitrug oder ob es die ausgefransten Siedlungen waren, die zu den vielen Tramhaltestellen ausserhalb der Ortskerne führten, sei dahingestellt. Fakt ist: Zwischen 1960 und 1980 erlebte die Agglomeration einen Wachstumsschub, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat. Kraft der Gemeindeautonomie habe jede Gemeinde stets nur bis zur Ortsgrenze geplant, hält die Architekturkritikerin Rahel Marti in der Zeitschrift Hochparterre fest. Die Zeitschrift stellte 2007 den Begriff Birsstadt in den öffentlichen Diskurs, aber nicht, um damit eine neue Stadt zu postulieren. Im fusionsskeptischen Baselbiet eine Provokation. 

«Letztlich funktioniert es nur bei einem ­Zusammenschluss», sagt der ehemalige Baselbieter Kantonsplaner Hans-Georg Bächtold, der heute als Geschäftsführer des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins amtet. Er war zusammen mit Raumplanerin Susanne Fischer Co-­Autor des Birsstadt-Manifests, das 2007 in Hochparterre publiziert wurde. Damals zählte die Birsstadt rund 68000 Einwohner, etwa gleich viel wie St. Gallen. Diese Analogie mag seltsam anmuten. Man kann doch nicht einfach sieben Gemeinden zu einer mittelgrossen Schweizer Stadt addieren. Aber just dieses Gedankenspiel ist der Ausgangspunkt des Birsstadt-Manifests. Denn vieles im dicht überbauten Birstal ist schon längst städtisch – vor allem sind es auch die Probleme. Der Verkehr, der Lärm, der Siedlungsdruck, die intensive Nutzung der Erholungsgebiete. «Die Birsufer sind übernutzt, von Idylle keine Spur», stellten Bächtold und Fischer fest. Die Lösung aller Probleme? «Die Gemeinden müssen gemeinsam vorgehen, indem sie ihre Zusammenarbeit auf die strukturellen und funk­tionalen Gegebenheiten ausrichten.» Kurz: Sieben Gemeinden müssen anfangen, als Stadt zu denken. 

 

Birsregion und Basel von Süden

Birsregion und Basel von Süden

 

Dem Kanton voraus

Das Manifest blieb nicht ohne Folgen. Anfang Februar dieses Jahres wurde die Re­gionalplanung Birsstadt lanciert, zeitgleich mit der Überstellung des neuen Gemeinderegionengesetzes der Regierung an den Landrat. Kern des Gesetzes ist der Paradigmenwechsel von Bezirken zu Regionalkonferenzen, wobei das Birstal eine von sechs im Kanton bildet. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt bei der Aufgabenteilung zwischen Kanton und Gemeinden. Das Gemeinderegionengesetz ist Ausdruck der Bemühungen der Regierung, den hohen Zentralisierungsgrad des Kantons zu reduzieren und den Gemeinden mehr Autonomie zu geben, aber auch mehr Aufgaben zu delegieren. Das wird besonders in strukturschwachen Regionen des Baselbiets den Druck erhöhen, Verwaltungen oder gar ganze Gemeinden zu fusionieren. Dafür stellt die Regierung nun sogar finanzielle Anreize zur Verfügung.

Die Regionalplanung der Birsstadt geht aber noch weiter. Ihr erster grosser Wurf ist ein gemeinsames Raumkonzept. Unter dem Vorsitz des Reinacher Gemeindepräsidenten Urs Hintermann arbeiten die sieben Gemeinden Birsfelden, Münchenstein, Arlesheim, Reinach, Dornach, Aesch und Pfeffingen an einer Pionierleistung im Kanton. Gemeinsam wollen sie definieren, wie sie mit ihrem Land umgehen wollen und wie sie Infrastrukturprobleme lösen können. Damit wird im Baselbiet Neuland betreten. «Die regionale Zusammenarbeit in der Raumplanung und entsprechende In­strumente sind im Kanton inexistent», sagt Hintermann. Das Raumkonzept Birsstadt ist ein Quantensprung. Vor neun Jahren begegnete man der Vision mit viel Skepsis. «Das Feuer, der Wille zur gemeinsamen ­Zusammenarbeit fehlt», konstatierte Arlesheims Gemeindepräsident Karl-Heinz Zeller damals. Am besten, schlug er vor, probiere man das vorerst mit einem Thema aus, das «niemandem weh tut». Zum Beispiel mit der Renaturierung der Birs. Daraus wurde dann tatsächlich das erste Birsstadt-Projekt. Der Birspark thematisiert den gemeinsamen Umgang mit Grünflächen und Erholungsräumen in den sieben Gemeinden. Die Anstrengungen der Gemeinden zeigten Früchte. 2012 wurde der Birspark von der Schweizerischen Stiftung für Landschaftsschutz zur Landschaft des Jahres auserkoren. Die Gemeinden konnten das Projekt auch erfolgreich bei der Internationalen Bauausstellung IBA Basel 2020 anmelden. Dabei zeigte sich die wahre Krux der Vision Birsstadt. 

 

Wachstum zwingt Gemeinden, städtisch zu denken.

Wachstum zwingt Gemeinden, städtisch zu denken.

 

Ein Vorzeigeprojekt

«Ich sage es klar und deutlich: Dem Kanton fehlt das Bewusstsein, dass solche Projekte vorankommen müssen. Er wollte nichts finanzieren und nicht an der IBA partizipieren», sagt Bächtold. Dem widerspricht sein Nachfolger in Liestal, Martin Kolb. Man fördere die Birsstadt und vergleichbare Projekte «mit einer Fülle von Aktivitäten». Man sei auch in den Regionalplanungsgruppen vertreten. Auch Hintermann anerkennt, dass ein Umdenken im Gange sei. Aber auch er hält fest: «Es passiert sicher nicht genug.» Die Gemeinden sind bei der Umsetzung der Vision Birsstadt, die primär raumplanerische Fragen aufwirft, mehr oder weniger auf sich alleine gestellt. Aber nicht ganz: Immerhin der Bund erkannte die Relevanz des Projektes und unterstützte die Birsstadt finanziell.

«2017 soll ein zweites Heft erscheinen, Titel: Die Birsstadt: sieben Gemeinden – eine ­Realität», liess sich Bächtold 2007 zitieren. Das wäre also in einem Jahr. Und wo steht die Vision heute? «Wir sind noch weit entfernt von diesem Titel. Ich habe das wohl überschätzt.» Das klingt ernüchtert. Bäch­told hat die Inkubationszeit, die so eine Idee braucht, um in der politischen Realität anzukommen, wohl etwas unterschätzt. Nichtsdestotrotz wird es nächstes Jahr ein neues Birsstadt-Heft geben. Er sei daran, mit Herzog & de Meuron etwas zu entwickeln, verrät er. Dass das weltbekannte Basler Architekturbüro Interesse an dieser Idee zeigt, hat seinen Grund. Die Star-Architekten haben auf dem Dreispitz-Areal ihr eigenes Schaulager und damit eines der markanten Wahrzeichen des neuen Quartiers gebaut. Damit sind sie Teil eines Vorzeigeprojekts der Birsstadt. Im Grenzgebiet von Basel und Münchenstein wird Stadt gebaut, hier verwischen die Grenzen zwischen City und Agglomeration. Es ist eines der Paradebeispiele für die zunehmende Urbanisierung des Speckgürtels. Das sei eine hervorragende Leistung der beiden Kantone, meint Bächtold. Das ist ein Vorgeschmack auf den Verstädterungsprozess, der dem Birstal noch bevorsteht. In Münchenstein wird das Gstad einen Entwicklungsschub erleben und zusammen mit der Umnutzung des Van Baerle-Areals dem Ortsteil ein neues Gesicht geben. Die De-Industrialisierung macht auch in Dornach Platz für urbane Siedlungsräume. Die Swiss­metal-Werke werden in Dornach aufge­geben. Das über 120000 Quadratmeter grosse Areal wurde bereits von der HIAG Immobilien AG übernommen. Auch hier wird unter dem Namen Birsbogen ein neues Quartier entstehen. «Das Quartier ist Teil der Vision Birsstadt und Teil des Dialogs rund um die Entwicklung der südlichen ­Agglomeration Basel», ist dem Beschrieb der Planer zu entnehmen. 

 

Baustelle auf dem Dreispitz

 

Geordnetes Wachstum statt Wildwuchs

Auf diesen Flächen lernen die Gemeinden städtisch zu denken. Das ist ein Gebot der Zeit. Die Agglomeration wird weiterwachsen. Der Kanton liess im Rahmen der Entwicklungsplanung Leimental–Birseck Szenarien für die Bevölkerungsentwicklung ausarbeiten. Im mittleren Szenario wird dieser Raum bis 2030 um 12000 Einwohner und 15000 zusätzliche Arbeitsplätze wachsen. Der Kanton rechnet aber eher mit einem höheren Szenario, das ein Wachstum von 27000 Einwohnern und 25000 Arbeits­plätzen im selben Zeitraum veranschlagt. Es spielt keine Rolle, welches Szenario eintreten wird, die Verkehrsinfrastruktur im Birstal ist heute schon am Anschlag und die Landreserven sind spärlich. Die Revision des Raumplanungsgesetzes des Bundes (RPG) hat die Problematik des haushälte­rischen Umgangs mit dem Boden zusätzlich akzentuiert. Gemeinden können nicht mehr nach Belieben Bauland einzonen. Viel­mehr müssen sie mit den Baulandreserven klarkommen, die jetzt noch vorhanden sind. «Das RPG ist ein Korsett, das dazu führt, dass Bauen verstärkt mit den Nachbarn angeschaut werden muss. Es ist ein Impuls für die Regionalplanung», sagt Kantons­planer Martin Kolb. Diesen Impuls hat der Bund gegeben. Die Gemeinden im Birstal haben darauf reagiert, sie wollen diese Herausforderung nun anpacken und fühlen sich imstande, nach neun Jahren sanfter Annäherung die Raumplanung gemeinsam anzupacken. Die Vision ist eine Stadt der kurzen Wege: Wohnungen und Arbeitsplätze sollen entstehen, wo es am sinnvollsten ist. Die räumlichen Gegensätze von Berufs- und Privatleben sollen verschwinden. Nachdem man lange über Themen, die nicht weh tun, redete, ist das nun die Reifeprüfung. «Da gab es schon Abwägungen. Das gemeinsame Raumkonzept ist kein Wunschkonzert aller sieben Gemeinden. Da hiess es auch einmal nein, das geht aus Sicht der Birsstadt jetzt nicht», sagt Urs Hintermann.

Sieben Gemeinden, eine Vision, neun Jahre später: Noch keine Realität, aber sie ist in Arbeit. Auf ihrem ganz eigenen Weg. Bottom-up, wie man in der Wissenschaft sagen würde. Das Birsstadt-Denken ist mitt­lerweile etabliert. «Gäbe es keine Kantonsgrenze, wären wir vermutlich Teil der Gross­stadt Basel. Nicht nur, aber auch wegen der Kantonsgrenze bildet die Birsstadt heute eine eigene Einheit», sagt Hintermann.

 

Text und Fotos: Lukas Hausendorf