Der Studienchor Leimental bei der Aufführung von «Carmen» und «La Traviata» im Musiksaal Basel

Der Studienchor Leimental bei der Aufführung von «Carmen» und «La Traviata» im Musiksaal Basel.

Romantik neu entdeckt – das Chorwerk «Paulus»

Der Studienchor Leimental auf Entdeckungsreisen von Monteverdi bis Feigenwinter. Als jüngste Einstudierung dirigiert Sebastian Goll das Oratorium «Paulus» von Felix Mendelssohn.

Immer wieder donnerstags versammelt sich eine Hundertschaft von Sängerinnen und Sängern in der Aula des Känelmattschulhauses zwischen Therwil und Ettingen an der BLT-Tramlinie vom Birs- ins Birsigtal. Die Soprane und Altistinnen flankieren die Tenöre und Bässe. Der Leiter Sebastian Goll macht kurzen Prozess: recken und strecken, Schultern und Becken lockern, hüpfen und springen, Vokalisen (Stimmübungen auf Vo­kallauten) rauf und runter, Zisch- und Explosivlaute zur Lockerung der Stimmwerkzeuge. Gesang ist ein Instrument, das den ganzen Menschen fordert. Alle sind sie dabei. Frohsinn schon beim Einsingen. 
Seit 28 Jahren belebt der Studienchor Leimental das Chorwesen im Tal, dessen Bach im Elsass entspringt. Stark macht sich die vom damaligen Musikschulleiter Max Ziegler gegründete Chorgemeinschaft für alle Epochen: Von Monteverdi über Bach und Händel, Gounod und Orff bis zum Biel-Benkener Jazzpianisten Hans Feigenwinter, der für den Studienchor eigens eine Musik auf einen Text des Bieler Dorflehrers Hermann Hiltbrunner komponiert hat. 
Die Leimentaler Choristen sind auch stark im Ausgraben von Raritäten wie einer Erstaufführung des frühromantischen Aarauer Komponisten Friedrich Theodor Fröhlich, einem Halleluja des Lübecker Komponisten Ludwig Aemilius Kunzen oder der «Mariastein-Messe» des einstigen Kirchenmusikers zu Heilig-Geist in Basel, Henri Brunner.  
Eine kühne Kombination wagte der Chor bei seinem letztjährigen Abstecher in den Basler Musiksaal bei der Konfrontation der Titelheldinnen aus dem Opernfach: Carmen und Violetta von Bizet und Verdis «La Traviata». 

 

Probe des Studienchors Leimental unter der Leitung von Sebastian Goll

Probe des Studienchors Leimental unter der Leitung von Sebastian Goll

 

Chor-Romantik pur

Das jüngste Projekt ist die Aufführung des Oratoriums «Paulus» von Felix Mendelssohn am 13. April um 19 Uhr in der Martinskirche Basel und am 14. April um 16.30 Uhr im Goetheanum Dornach mit Solisten und dem Capriccio Barockorchester. Chor-Romantik pur. In der Probe lässt Sebastian Goll die Chöre von einer Pianistin begleiten, so die eindringliche Frage «Ist das nicht der zu Jerusalem verstörte?»; danach versöhnlich: «Die Götter sind den Menschen gleich» mit der typischen Mendelssohn-Kadenz, die nach einem Spannungsakkord in der Grundtonart Erlösung findet. 
Der Dirigent fordert unauffällig, aber unnachgiebig Genauigkeit punkto Intonation wie Flexibilität in den polyphonen Sätzen. Sebastian Goll beherrscht sein Handwerk. Er hat in Stuttgart, an der Schola Cantorum Basiliensis und in Zürich Gesang, Sprecherziehung und Dirigieren studiert. Neben dem Leimentaler Chor leitet er die Basler Vokalsolisten und die Kantorei St. Peter ­Zürich. 

Vermittlung – Vertiefung – Vertrautheit

Was will Goll mit seinem Studienchor, den er nun seit zwölf Jahren leitet? Er nennt drei Ziele: «Musik vermitteln – Erlebnisse vertiefen – den Chor mit der Materie vertraut machen.» In den Bestrebungen unterstützen ihn die Sängerinnen und Sänger mit Hingabe, darunter vier Theologen, Historiker und Germanisten. Da werden nicht nur Kehlen heiser, da rauchen auch Köpfe. Chorpräsident Urs Berger bekräftigt die hehren Ziele: «Wir wollen Kulturerlebnisse fördern und dabei einem kulturpolitischen Auftrag nachleben.»
Singen ist bei der jüngeren Generation wieder in. So bewahrheitet sich auch beim Chorgesang das Sprichwort: «Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.»

 

Infos: www.studienchor.ch


Text: Jürg Erni, Fotos: Jürg Erni (oben rechts), Hans Zwicky (unten, zVg)