Sonntags immer – hinaus in die Natur in die Region oder etwas weiter weg

Wer therapeutisch reist, hat mehr vom Leben. Zum Beispiel am Stamm des Lieblingsbaums anlehnen, in die Ferne schweifen oder an eine alte Steinmauer blicken und die Feuersalamander beim Sonnenbad beobachten, die erste Flasche Wein köpfen, ...

 

... mit dem Partner philosophieren, ihn küssen und umarmen, gemeinsam lachen, am Naturweiher das Badeverbot ignorieren oder sich zumindest nicht darüber ärgern, sondern den Glockenfröschen zusehen, wel­che die älteren Rechte haben. Bis der Fischreiher kommt. Den Tag in der Beiz bei einer zweiten Flasche vertrödeln, ohne sinnieren geht aber auch.
An einem sehr milden Frühlingssonntag be­obachtete ich beim Frühschoppen nicht Frösche, sondern diverse Jurapilger, die sich anschickten, Porrentruy zu erobern. Nach einer Stunde Gesellschaftsstudie kam ich zum Schluss, dass hier Nebeltage im November auch ihren Reiz haben müssen. So sind mir vier lustlos flanierende Motorradfahrer in schwarzem Outfit und mit schwarz gefärbten Haaren begegnet und eine Grup­­pe reifer Herren, die Heiland­sandalen, far­bi­ge Kurzarmhemden und verblasste grüne, rote, blaue, gelbe, braune und orange Shorts trugen. Ihre übrig gebliebenen Haarsträhnen waren sorgfältig gekämmt, einer koket­tierte gar mit einer gestrickten Rastamütze und braun-beige geringelten Socken. 
Etwas später kam eine Familie des Wegs, in der Reihenfolge Vater, Lücke, Mutter, Mücke, Lücke, Lücke, Mücke, Mücke, Siruptrinker, Lücke, Siruptrinker. Die Eltern diskutierten über die lästigen Mücken und wo sie nun etwas essen sollten, die zwei Sirup­trinker murmelten etwas von einem beschissenen Sonntagsausflug. Als friedlicher Gegenpol diskutierten drei ältere Kulturgänger über Kopfsteinpflaster, geschlossene Beizen und Biberschwanzziegel, die auf einigen Dächern der Altstadthäuser fehlen würden. 
Den Höhepunkt des Frühschoppens bil­dete aber eine Horde Kampfwanderer, die in Zweierkolonne um die Ecke bogen und die zu allem bereit schienen, nur nicht zu einer Pause in der Beiz. Der Anführer, jedenfalls führte er sich so auf, ausgerüstet mit Wanderkarte, Trillerpfeife und Kompass (nicht übertrieben), lief an mir vorbei, seinen Arm gegen Westen ausstreckend. Ich sass, am Blechtisch, und nahm einen kräftigen Schluck Chasselas, bevor ich mich über die dünn aufgeschnittenen Beinschinkenscheiben und über das Weissbrot hermachte. Menschen beobachten macht Durst und verursacht Appetit. Eigenartig. Keinem der Protagonisten kam es in den Sinn, ihr Programm zugunsten meines sinnlichen Stilllebens zu unterbrechen, was ich natürlich respektiere, aber nie verstehen werde. Klischees? Zu dick aufgetragen? Nein, letzten Frühling so erlebt. Prost! 
Apropos Prost: Meine nachfolgenden drei Empfehlungen eignen sich nur für Ausflügler, die mit Zeit und Lust unterwegs sind. Vorher anrufen, einen Tisch reservieren, bitte ja, einen verplanten Tag abspulen, ­bitte nein – besteht doch bei allen Oasen Sitzbleibgefahr, was auch seinen Reiz hat. Und überhaupt, wer will schon immer pünktlich sein.

Drei sympathische Oasen

Wohlan! Die Freiberge sind ein beliebter Fluchtort im Jura. Auf der Nebenstrasse zwischen Les Bois und Les Breuleux führt auf halber Strecke ein kleiner, geteerter Weg zum Weiler Le Cerneux-Veusil-Dessus. Die Anfahrt führt durch stille Wälder, die den Glauben des Fahrers herausfordern, auf der richtigen Fährte zu sein. Am Ende des Wegs befindet sich das Hotel und Restaurant Beau Séjour von Aurélie Donzé, bekannt als «Chez Tante Eva». Zwar haben die Nachfolger von Tante Eva gründlich re­noviert, aber Geschmack bewiesen, auch wenn im Gastraum Tresen und Buffet viel zu gross geraten sind. Wer nach einer Wanderung nicht mehr Auto fahren mag, bleibt länger und quartiert sich in einem der Gästezimmer ein. Wer als Gruppe kommt, für den wird auf Voranmeldung ein Menü gekocht, das eigentlich immer mit dem Suppentopf auf dem Tisch beginnt. 
Schwimmen im Neuenburgersee wird an der Plage du Boudry leicht zur Nebensache. Die Buvette liegt am Ende einer Sackgasse, allein über dem Wasser. Manche legen hier mit dem Boot an, andere legen vom Alltag ab. Man schaut sich um oder an, redet, schweigt, isst, trinkt und träumt ins Weite. Die Auswahl ist klein, lokal und regional, Farbe und Geruch, Klang und Stimmung – die kleinen Sensationen der milden Frühlingstage vereinen sich hier. Unter der Woche und ausserhalb der Schulferien geht es beschaulich zu, Wochenende und Ferienzeit gilt es zu meiden. Betrieben wir die Oase von Françoise Masson und Anne ­Gattoni.
Im Oberbaselbiet bietet sich ein schönes Wandergebiet an, das mit Weitblick und einigen guten Gasthäusern überzeugt. So zum Beispiel der «Kallhof» von Daniela und Patrick Meury. Wer sich noch nie an eine Quittenglace gewagt hat, sollte dieses Versäumnis hier unbedingt nachholen. Schlicht genial, wie übrigens alle Hausglaces. Alles andere ist guter Durchschnitt, wie etwa die Schweinsbratwurst (die etwas poröser sein dürfte) oder das saftige Kotelett mit Kräuterbutter. Dass die Frites Industrieware sind, ist zwar bedauerlich, die exzellente Rösti macht das aber wieder wett. Übrigens, der Gemüseteller macht seinem Namen alle Ehre und präsentiert sich als unverwüstlicher Klassiker. Doch wer bestellt schon in einer Bauernbeiz einen Gemüseteller? Eben. Aber was solls, dies alles sind nur Kleinigkeiten, die nicht stören und beim ersten Biss ins Holzofenbrot eh schnell vergessen sind. Fazit: ein sympathischer Ort für Zwischendurch und immer wieder.


Text: Martin Jenni