Sonntags geöffnet. Foto zVg

99 Mal Beiz am Sonntag

Martin Jenni, Doris Reichert und Marco Aste haben sich auf die Socken gemacht und 99 Ausflugsziele auf ihre gastronomische Tauglichkeit hin geprüft. Ein Führer durch originelle Lokale und angesagte Küchen. 

 

An manchen Sonntagen tafelten wir im ­Familienkreis an leinenweiss gedeckten Tischen im alten Bahnhofbuffett 1. Klasse des Badischen Bahnhofs. Wir durften die Kerzen des Rechauds für die Silberplatte an­zünden und zum Apéro einen Sirup schlür­fen. Das Sonntagsmenu war ein Schmaus mit Braten und Saucensee im Stocki-Gebirge. Kind­heitserinnerungen. Heute wälzen sich die Kids gegen Mittag zum Brunchen aus ihren Kammern. Wenn sie endlich ausgeflogen sind, wünschen sich die Eltern, den Sonntagsbraten wieder einmal auswärts genies­sen zu dürfen. Leichter gesagt als erfüllt. Denn viele Wirte stellen sonntags die Sperr­holzfigur mit dem imperativen «Hier kocht der Chef!» vom Trottoir ins Trockene. 

Vo Schönebuech bis Soglio

«Sonntags geöffnet.» LandLiebe-Autor Martin Jenni und Co-Autorin Doris Reichert sind an 99 Orten fündig geworden. Die Fund­orte von Beizen, Gasthäusern und «Genussmanufakturen» reichen von Schönenbuch bis Soglio, von Adelboden bis Sent. Es sind «Momentaufnahmen ohne Garantieschein.» Das Vorwort warnt: «Nicht jedes Wirtshaus ist mehrheitstauglich.» Und im Jargon von Motorfans wird aufgefordert: «Legen Sie hie und da einen Boxenstopp ein, tanken Sie auf!» 
Die einlässlichen Beschreibungen der kulinarischen Pilgerorte füllen 320 Seidenglanz­seiten. Das opulent illustrierte Buch ist mehr als ein Wegweiser zur lohnenden Einkehr. Es ist ein eigentliches «Who is who» der Wirtsleute und ihrer Vergänglichkeit, der Gasthäuser und ihrer Geschichte, der Kochkünstler und ihrer Menufantasien. Auch ein Buch der Freude am Fabulieren. Jenni beherrscht das Gastro-Latein aus dem ff und lässt seiner Bilderfantasie freien Lauf. So geben im legendären Ligerzer «Aux Trois Amis»-Lokal «Cynthia und Marc mächtig Gas. Sie am Tisch bei den Gästen, er am Herd in der Küche.» Den «gepufften Quinoa über dem perfekten Onsen-Ei» entflammt der Koch vermutlich mit dem Bunsenbrenner. Den Kulinarik-Rezensenten besonders angetan haben es die «patinierten Einkehren» mit den massiven Holz­tischen, den kuscheligen Eckbänken und einem Kachelofen zum Aufwärmen. 

Bärenstark und ungefährlich

Einige Orte der Sonntags-Einkehr in der Nordwestschweiz seien herausgepflückt. Im Fisibacher «Bären» ist das Team «bärenstark», das Essen aber «ungefährlich». Im Wü­renlinger «Mina» verwöhnt eine «Damenriege» die Gäste. Im «Sternen» sind «Sternstunden» und eine «punkte- und sternefreie Zone» angesagt. Im Schönenbucher «Bad» darf sich der Gast «mit einem Schafskopf aus der Kupferpfanne auseinandersetzen» und danach «genuss- und lustvoll den Nachmittag versitzen». Im Oberdörfer «Rössli» machen der Wirt und seine Partnerin «vieles richtig und so gar nichts falsch». Im Arlesheimer «Ochsen» landet der Spatz nicht in der Hand sondern schwimmt samt Markbein im Suppenteller. Im Basler «Kuss» kommt der Gast im Liegestuhl der Elisabethenanlage beim Gratiswasser zum Handkuss. In der «ungekünstelten Oase» des Rodersdörfer «Bahnhöfli» schwingen zwei Künstler aus der dreigestirnigen «Drei Könige»-Küche den Löffel. In der Bärgbeiz «Gempenturm» hat der «holzig-heimelige Anbau Aussicht aber keine Patina und die gute Stube Stil aber keine Aussicht.» In Metzerlens «Lämmli» ist die Gaststube zum «Gunstplatz für Schlemmer und zivilisierte Zecher, für das kleine Schwarze und die Latzhose» erhoben. Die Liste der ondulierten Wortspiele ist schier endlos. 

Titelpaarungen kreuz und quer 

Zu jeder Beizen-Story gesellt sich ein Porträt der Wirtsleute. Auf den Bildern von Marco Aste strahlen sie wie Sonntagskinder, die ihrer Freude am Tag des Herrn Ausdruck verleihen. Dazu vermitteln die Fotos verwinkelte Einblicke in Gaststuben und Kammern von Küche und Keller. 
Damit sich der Sonntagsausflug nicht nur kulinarisch lohnt, sind launige Details über die Gegend der besuchten Beizen eingestreut wie «Le Sirupier de Berne», die «Treberwurst» oder die «Satu Blanc». Von Meisterköchen stammen die sieben wie das Salz in der Suppe eingestreuten Rezepte. 
Schliesslich werden unter dem Titel «Best of the Rest» weitere 33 Lokale empfohlen: von der Badener «Café Pension Frau Meise» bis zur Zürcher «Wirtschaft Ziegelhütte». 
Schwierig fällt die Orientierung auf den Landkarten, wo Hinweise auf benachbarte Orte fehlen. Diese vermisst man auch im Inhaltsverzeichnis bei den Namen der Gast­stuben. Gewöhnungsbedürftig sind die Titelpaarungen «Rein und Raus» – «Drin und Draus» – «Ich und Du» – «Speis und Trank» – «Hin und Her» – «Tag und Nacht». Gänzlich fehlen Preiskategorien für Speis und Trank, was für die sonntägliche Einkehr nicht unwesentlich ist. 
99 ist eine Schnapszahl. Darüberhinaus haben allein in der Region Basel gut zwei Dutzend weitere Beizen sonntags geöffnet. Das LandLiebe-Trio könnte sich also nochmals auf die Socken machen und weitere Sonntagsbratenküchen auf ihre Tauglichkeit hin testen.


Text: Jürg Erni, Foto: zVg