Ein Männchen – erkennbar am dunklen Unterschnabel – mit fetter Beute. Foto Kurt Hamann, Laufen

Ein Männchen – erkennbar am dunklen Unterschnabel – mit fetter Beute. Foto Kurt Hamann, Laufen

Das schillernde Juwel an der Birs

Auf Äusserlichkeiten legt die Nachtigall keinen Wert, mit ihrem braunen Kleid ist sie vollauf zufrieden, punkten kann sie mit ihrem Gesang. Der Eisvogel hingegen verlässt sich auf «Kleider machen Vögel» und beeindruckt mit seinem wunderschönen Gefieder. 

 

Und das kam so: Gemäss einer Legende entdeckte der heilige Martin einst an einem Bach einen hässlichen Vogel. Er rief ihn zu sich und als Belohnung für den Gehorsam verwandelte Martin die Flügel des Vogels in das strahlende Blau des Himmels und seine Brust in das Rot der untergehenden Sonne. Seit diesem Tag darf das farbenprächtige Tier in allen Bächen und Flüssen Fische fangen. «Martinsfischer» heisst der Eisvogel darum in südlichen Ländern. Noch weitere Geschichten erklären die Schönheit des Eisvogels, stimmen tut wahrscheinlich aber keine – wie das halt so ist mit den Legenden.

 

Das Männchen im Anflug zur Paarung. Das Weibchen ist am orangefarbenen Unterschnabel zu erkennen. Foto Kurt Hamann

Das Männchen im Anflug zur Paarung. Das Weibchen ist am orangefarbenen Unterschnabel zu erkennen. Foto Kurt Hamann

 

Die Jungen fahren Karussell

Das ganze Gesangsrepertoire des Eisvogels besteht aus einem kurzen, scharfen, hohen Ruf oder Triller. Mit etwas Glück sieht man den Vogel pfeilschnell über die Wasserober­fläche flitzen. Und manchmal kann man ihn auf einem Zweig über dem Wasser sitzen sehen. Plötzlich stürzt er sich ins Wasser, um gleich darauf mit einem Fisch im Schnabel wieder aufzutauchen. Mehrmals schlägt er das zappelnde Wesen auf einen Ast, bis es die Gegenwehr aufgeben muss. Geschickt dreht der Vogel nun den Fisch, damit er ihn Kopf voran verschlingen kann. Fische bis neun Zentimetern Länge kann er am Stück verschlucken! 
Der Lebensraum des etwa buchfinkengrossen Eisvogels sind klare Fliessgewässer und Seen, wo er sich vorwiegend von Fischen, aber auch von Wasserinsekten und Kaulquappen ernährt. Die meisten Eisvögel sind Standvögel und verbleiben das ganze Jahr über am gleichen Ort. Je nach Zustand des Gewässers und dessen Fischreichtum belegt ein Brutpaar eine Flussstrecke von zwei bis sieben Kilometern. Als Brutplatz werden senkrechte Steilwände aus Lehm oder festem Sand direkt am Wasser benötigt. Dort graben die Vögel im oberen Teil eine etwa 50 bis 80 cm tiefe Röhre mit einer runden Erweiterung am Ende, die als Kinderstube dienen wird. Je nach Beschaffenheit des Bodens dauern die Bauarbeiten zwei bis drei Wochen. Ende März/Anfang April ist die Wohnung bezugsbereit. Das Weibchen legt nun täglich ein Ei, bis das Gelege mit meist sieben weissen Eiern komplett ist. Erst jetzt beginnen Weibchen und Männchen abwechslungsweise mit dem Brüten der viereinhalb Gramm leichten Eier, bis nach ungefähr drei Wochen 
die Jungen praktisch gleichzeitig schlüpfen. Nun beginnt das Karussell-Fahren: Die Altvögel bringen kleine, der Altersstufe der Kinderschar angepasste Fische, die von den Eltern im Schnabel so gehalten werden, dass sie den Happen Kopf voran verfüttern können. Das bediente Junge rückt nun zur Seite, damit beim nächsten Fisch auch der nächste Nestling an die Reihe kommt. Und so dreht sich das Karussell weiter, bis alle satt sind und die nächste Runde beginnt. Nach knapp vier Wochen verlassen die Jungen die Höhle, werden von den Eltern im Fischen geschult und verlassen dann das Revier, um sich eine neue Bleibe zu suchen. Die Eltern beginnen dann mit einer zweiten, manchmal sogar dritten Brut.

 

Das Männchen auf Kontrollflug in seinem Revier. Foto Kurt Hamann

Das Männchen auf Kontrollflug in seinem Revier. Foto Kurt Hamann

 

Gefährdet oder nicht?

Trotz seiner auffälligen Färbung ist der Eisvogel nicht einfach zu entdecken, er lebt vor allem während der Brutzeit gerne zurückgezogen und versteckt. Der Bestand gilt gemäss Roter Liste als «verletzlich», in der Schweiz brüten nur etwa 300 bis 350 Paare, vorwiegend in den Niederungen der Alpennordseite, in unserer Region vor allem an Birs und Ergolz. In harten Wintern, wenn Uferränder und Teiche zufrieren, verhungern viele Eisvögel, es kann sein, dass 80 bis 90 Prozent der Population die Kälteperioden nicht überleben. Zum Glück sind solche Verhältnisse selten, und der Bestand kann dank der hohen Reproduktionsrate in den nächsten Jahren wieder ausgeglichen werden. Mit Flussrenaturierungen hat man zwar bessere Bedingungen für Eisvögel – und auch für andere wasserliebende Tiere – geschaffen, aber auch der Erholungswert für uns Menschen ist gestiegen. Das führt während der Brutzeit zu erheblichen Störungen. Auf Lärm, Lagerfeuer und badende Hunde können Eisvögel empfindlich rea­gie­ren und ihr Revier verlassen. Hinweise auf Brutplätze könnten zwar manche Menschen veranlassen, Rücksicht zu nehmen, sie würden aber auch aufdringliche Beobachter und Fotografen anziehen.
Lassen Sie sich bei Ihrer nächsten Flusswanderung Zeit, beobachten Sie aufmerksam, verinnerlichen Sie auf der Website der Vogelwarte den Ruf des Eisvogels – mit etwas Glück werden Sie mit einem seltenen und beglückenden Erlebnis belohnt!

 

Text: Toni Lerch, Fotos: Kurt Hamann, Laufen