Harry Schaffer bei seinem Kunstwerk «Two Circles», Kreissegmente in Stahl auf Grundplatte, Arlesheim, Durchmesser 300 cm, Gewicht ca. 1 Tonne.Foto: Christian Jaeggi

Harry Schaffer bei seinem Kunstwerk «Two Circles», Kreissegmente in Stahl auf Grundplatte, Arlesheim, Durchmesser 300 cm, Gewicht ca. 1 Tonne. Foto: Christian Jaeggi

Ein Kunstwerk aus Arlesheim für die Biennale in Venedig

Als Harry Schaffer das E-Mail erhielt, dachte er, es sei ein Scherz. Der Künstler wurde eingeladen, ein Werk für die Biennale in Venedig zu schaffen. Nach ein paar weiteren E-Mails realisierte er, dass die Anfrage echt war. 

 

Die Biennale in Venedig, L’Esposizione Internazionale d’Arte, wie sie offiziell heisst, findet alle zwei Jahre statt. Es ist eine tra­ditionsreiche Ausstellung und der «Place to be» für Künstlerinnen und Künstler sowie Kunstliebhaber. Den Kern der Ausstellung bilden die Pavillons der verschiedenen Länder in den «Giardini di Castello». Zusätzlich gibt es von Kuratoren zusammengestellte Ausstellungen zu sehen, die man im «Arsenale» besuchen kann. Im Laufe der Jahre sind weitere Ausstellungsräume und -orte dazugekommen. Das Werk von Harry Schaf­fer wird in einem Park des «European Cultural Center» ausgestellt, in einer Ausstellung, welche von der «Global Art Associa­tion Foundation» kuratiert wird. Das Motto der diesjährigen Biennale heisst «Viva Arte Viva». Die designierte Kuratorin Christina Macel erklärt ihr Konzept folgendermassen: «In einer Welt voller Konflikte und Herausforderungen, in welcher die Humanität mit Füssen getreten wird, ist Kunst der wertvollste Teil unseres Daseins. Es ist die Aufgabe der Kunst, zu reflektieren, fun­damentale Fragen zu stellen und für den Frieden einzustehen. ‹Viva Arte Viva› ist ein JA zum Leben, auch wenn ein ABER folgt. Mehr denn je liegt es an den Künstlern, sich in die Diskussionen einzubringen und Stellung zu beziehen.»

Kunstwerk aus Stacheldraht

Mit «Barbed Circle», einem 1,5 Tonnen schwe­ren Ring aus ca. 20 Kilometer Stacheldraht, möchte Harry Schaffer den Betrachter aufrütteln. Als Material für eine Skulptur erscheint der Stacheldraht zunächst abwegig, repräsentiert er doch die grauenhafteste Form dessen, was der Mensch aus Metall entwickeln konnte. Die Spitzen der Stacheln sind abgeschrägt, um zu verletzen. Als Kunstwerk wird der «Barbed Circle» im noblen Ambiente im Park Marinaressa (ca. 10 Fussminuten östlich des Markusdoms Richtung «Arsenale»), inmitten einer pulsierenden Stadt, die Menschen in eine harmlose, da bezaubernd schöne Umgebung locken. Das schimmernde Metall wird im Sonnenlicht glänzen. Das Material lässt uns erst bei näherer Betrachtung aufschrecken. Sofort hängen unsere Gedanken an schrecklichen Bildern, die sich in unser Gedächtnis eingegraben haben. Zäune, Mauern, Stacheldraht grenzen ein oder aus, in Israel, Nordkorea oder halten zurück wie auf der Balkanroute entlang von Ländern auf dem Weg nach Europa. «Aber wenn wir an das Bild des Volkspolizisten am Checkpoint Charly in Berlin denken, der mit einem beherzten Sprung über den Stacheldraht in die Freiheit geflohen ist, so wird auch klar, dass der Stacheldraht zwar abschrecken, aber nicht aufhalten kann», führt der Künstler aus. Grenzziehungen haben, wie uns die Geschichte lehrt, immer Widerstand ausgelöst. Innerhalb der Grenzen haben Menschen Zusammenhalt gesucht, um gemeinsam die Grenzen zu überwinden. Dies soll auch die Botschaft des «Barbed Circle» sein – ein Aufruf zum gemeinsamen Widerstand. 

 

«Desert Circle», Wonder Valley, 29 Palms, Kalifornien, USA 2015, Holzkonstruktion, Durchmesser 10 ft,  Gewicht ca. 150 kg

«Desert Circle», Wonder Valley, 29 Palms, Kalifornien, USA 2015, Holzkonstruktion, Durchmesser 10 ft, Gewicht ca. 150 kg

 

Mit 40 Jahren zum Master

Kunst hat beim 54-jährigen Harry Schaffer schon immer eine grosse Rolle gespielt. Nach einer Lehre als Bauzeichner wollte er die Kunstgewerbeschule absolvieren. Da sich aber bereits die erste seiner drei Töchter angekündigt hatte, wurde dieser Wunsch vorerst auf Eis gelegt. Er machte sich selbstständig und erhielt schon bald einen ersten Auftrag. Der ursprüngliche Aushilfsjob bei Jelmoli in Zürich dauerte mehr als vier Jahre. In den letzten 30 Jahren baute Schaffer diverse Häuser und gestaltete Läden neu, erstellte Messekonzeptionen und entwarf neue Produkte. Zum Beispiel entwickelte er eine eigene Möbellinie und ein elegantes, multifunktionales Gestell für Verkaufsläden. Zudem bildete er unzählige Lehrlinge und Praktikanten aus und beschäftigt aktuell sechs Mitarbeitende im «Studio Schaffer». Im Hebst 2016 gründete er zudem zusammen mit seinem Geschäfts­partner Jan Hoffmann die Firma «Eco core, concepts and realisation of sustainable projects». Mit der Firma «eco core» wollen die beiden Partner Photovoltaik-Anlagen für Privatpersonen und Firmen planen, koordinieren und installieren. Sie legen bei ihren Anlagen grossen Wert auf Nachhaltigkeit und bevorzugen Komponenten, die in Europa umweltverträglich hergestellt werden. Zudem wird ein Teil des Geschäftsgewinns für nachhaltige Projekte in Entwicklungsländern eingesetzt. «Der Kunst blieb ich aber auch im grössten Stress immer treu», betont Harry Schaffer. Von 2007 bis 2009 setzte er seinen Jugendtraum um und schrieb sich an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel ein. «Und im Jahr 2009 erlangte ich den Master of Design, Art & Inovation», erklärt er stolz. 

Fasziniert von LandArt

Bereits in jungen Jahren begann Harry Schaffer in ganz Europa Werke an LandArt-Festivals auszustellen. Seine Plastiken werden nicht verkauft, sondern den Witterungen ausgesetzt und sich selbst überlassen. Manche seiner archaischen LandArt-Kunstwerke werden noch viele Jahrzehnte be­stehen, andere integrieren sich schon Tage oder Wochen später wieder in die Natur. Seine Objekte aus geometrischen Grundformen, insbesondere Kreise und Quadrate, sind international an vielen öffentlich zugänglichen Plätzen zu finden (Frankreich, Italien, Polen, USA und rund um Basel, in Arlesheim, Langenbruck sowie in Roveredo). 

Floating Cube

Ein spezielles Kunstobjekt, an das sich bestimmt viele BirsMagazin-Leserinnen und -Leser erinnern, ist der Floating Cube in der Arlesheimer Ermitage im 2015. Der Würfel aus poliertem Chromstahl trieb während dreier Monate auf dem grossen Weiher und faszinierte das Publikum. Eigentlich ein Fremdkörper in dieser wundervollen Umge­bung, fügte sich der Cube dank seiner die Landschaft spiegelnden Kacheln wunderbar in die Ermitage ein. Ja, der Cube schaffte es sogar, selbst künstlerisch tätig zu sein und das Publikum mit immer neuen Bildern auf den Kacheln in seinen Bann zu ziehen. Welches Kunstwerk schafft das schon, indem es sich einfach treiben lässt? Ein wahrlich raffiniertes Gebilde aus 45 Kacheln, mit einer Seitenlänge von drei Metern und mit einem Gewicht von 1,5 Tonnen. 

 

«Floating Cube», temporäre Installation Ermitage Arlesheim, 2015, Würfel mit 45 Spiegelplatten aus Chormstahl spiegel-poliert, Gewicht ca. 1,5 Tonnen

«Floating Cube», temporäre Installation Ermitage Arlesheim, 2015, Würfel mit 45 Spiegelplatten aus Chormstahl spiegel-poliert, Gewicht ca. 1,5 Tonnen

 

Kunst im Bau

Weitere Werke, die originelle Ein- und Ausblicke gewähren, sind rund um sein Haus in Arlesheim zu finden. «Während der Umbauarbeiten an meinem Haus haben wir einmal eine Baupause verfügt und den Roh­bau an einem Wochenende zu einer Ga­lerie umfunktioniert. Meine Lebenspart­nerin, Sibylle Waldmann, hat ihre Bilder aufgehängt und ich habe in dieser Zeit ei­nige Kunstwerke unter dem Motto «Kunst im Bau» erstellt», berichtet der originelle Bauherr. Für dieses Jahr sei ein «Open Garden» geplant. 

 

«Pyromide», Jamel, Deutschland, Pyramide aus 50 ver­kohlten Eichenbalken einer Brandstiftung, ca. 4 m hoch, Gewicht 2,5 Tonnen

«Pyromide», Jamel, Deutschland, Pyramide aus 50 ver­kohlten Eichenbalken einer Brandstiftung, ca. 4 m hoch, Gewicht 2,5 Tonnen

 

Der Ring schliesst sich

Ein Herzensprojekt entstand im August 2016 in Jamel in Deutschland und schloss den Kreis zu «Barbed Circle». Durch seinen langjährigen Freund und Kunstpartner Wolf Warnke erfuhr Schaffer von den Pro­blemen des Dorfes in Mecklenburg-Vorpommern mit Rechtsextremen. Ein Ehepaar, welches jedes Jahr das Rockfestival «Rock den Förster» organisiert, schloss Neo­nazis explizit von der Teilnahme aus. Den beiden wurde in der Folge im Jahr 2015 die Scheune angezündet. Die Scheune mit dem Reetdach brannte bis aufs Fundament nieder. Als der Künstler davon erfuhr, entschied er sich, zusammen mit einem Team ein künstlerisches Zeichen zu setzen, ein ästhe­tisches und ein politisches: Aus den verkohlten Überresten baute er eine 4 Meter hohe Pyromide. Diese Pyramide als Urform von Macht und Stärke steht noch heute als starkes Mahnmal vor Ort und erinnert mit den verkohlten Holzresten an diese schreck­liche Tat. Auch so kann Kunst, mittels Harmonie und Schönheit, politisch agieren. 
Wir können gespannt sein auf das Werk von Harry Schaffer an der diesjährigen ­Biennale in Venedig.

 

Text: Jay Altenbach-Hoffmann, Fotos: Christian Jaeggi, zVg