Die Gemeinden machen mobil gegen Eltern, die ihre Kinder bis vor die Schultüre chauffieren.

Helikoptereltern im Taxi-Dienst

Die Gemeinden machen mobil gegen Eltern, die ihre Kinder bis vor die Schultüre chauffieren. Der Taxidienst gefährdet jene Schüler, die zu Fuss unterwegs sind. Mit dem verpassten Schulweg geht auch ein wichtiges Stück der persönlichen Ent­wicklung verloren. Rolf Sommer arbeitet seit über zehn Jahren als Verkehrs­instruktor mit Schulkindern – und deren Eltern.

 

Zwei Zeichnungen aus der Hand von zwei Primarschülern wie Tag und Nacht: Die eine zeigt ein in grau und schwarz gehaltenes Strassennetz – fertig. Auf der anderen Zeichnung sind Strassen und Wege nur Beigemüse. Vor lauter Detailreichtum gehen diese völlig unter. Bäume, Blumen, Tiere prägen das kleine Kunstwerk ebenso wie ein Feuerwehrauto und zahlreiche Gebäude. Diese und weitere Zeichnungen sind der «Joker» von Rolf Sommer im Dialog mit Eltern. «Wer diese Bilder sieht, muss nicht lange überlegen, welche Zeichnung man lieber von seinem Kind erhalten würde», sagt der Verkehrsinstruktor der Polizei Basel-Landschaft, der für das Laufental sowie für die Gemeinden Aesch, Pfeffingen und Arlesheim zuständig ist. 
Die Zeichnungen entstammen der Studie «Auf der anderen Seite der Strasse ist alles grau» der Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt» in Muri. Sie illustrieren, wie sich die Wahrnehmung von Kindern, die ihren Schulweg selber bestreiten, von jenen unterscheidet, die von den Eltern zur Schule chauffiert werden.

 

Zwei Zeichnungen von Primaschülern wie Tag und Nacht: Einer wird von den Eltern zur Schule chauffiert, der andere erlebt den Schulweg zu Fuss.

 

Zwei Zeichnungen von Primaschülern wie Tag und Nacht: Einer wird von den Eltern zur Schule chauffiert, der andere erlebt den Schulweg zu Fuss.

Zwei Zeichnungen von Primaschülern wie Tag und Nacht: Einer wird von den Eltern zur Schule chauffiert, der andere erlebt den Schulweg zu Fuss.

 

Ein Teufelskreis

«Wer den Kindern den Schulweg nimmt, nimmt ihnen auch einen wichtigen Teil ihrer Entwicklung», weiss Rolf Sommer. So viel gibt es zu entdecken von der eigenen Haustüre bis zum Schulhof: Man bewegt sich, lernt Nachbarn und neue Freunde kennen, wird aber auch mit Konflikten konfrontiert, die es zu lösen gilt. 

 

Rolf Sommer widmet sich schon seit elf Jahren mit Passion der Verkehrsinstruktion.

Rolf Sommer widmet sich schon seit elf Jahren mit Passion der Verkehrsinstruktion.


Der verpasste Schulweg ist aber nicht der einzige Grund, warum sich die Polizei Basel-Landschaft gegen die sogenannten Elterntaxis engagiert. Erziehungsberechtigte, die ihre Kinder bis vor die Schule fahren, sorgen für Mehrverkehr und somit mehr Gefahr für jene Kinder, die zu Fuss unterwegs sind. So entsteht ein Kreislauf, weil der Schulweg zunehmend gefährlicher wird und weitere Eltern dazu motiviert, ihre Kinder zu chauffieren. «Eltern, die ihre Kinder zur Schule fahren, machen das oft aus Sicherheitsgründen für ihre Kinder. Die Sicher­heit der anderen wird dabei aber ausser Acht gelassen», weiss Rolf Sommer.

Viel Wertschätzung

Seit bald einem Vierteljahrhundert ist Rolf Sommer für die Polizei Basel-Landschaft tätig. Vor elf Jahren wechselte er in die Verkehrsinstruktion und hat in diesem Zusammenhang diverse psychologische Weiterbildungen absolviert. Gemeinsam mit sechs Kolleginnen und Kollegen verfolgt er das Ziel, Personen jeglichen Alters in Theorie und Praxis auf die Gefahren des Verkehrs aufmerksam zu machen. Die Hauptrolle kommt dabei Kindern und Jugendlichen vom Kindergarten bis in die 9. Klasse zu. Rolf Sommer übt seinen Beruf mit Lei­denschaft aus. «Es ist befriedigend, die Fortschritte der Kinder zu beobachten, und es kommt viel Wertschätzung zurück. Das ist für uns von der Polizei nicht gerade eine Selbstverständlichkeit», sagt der Vater zwei­er erwachsener Töchter. Nicht selten erinnern sich die Kinder noch Jahre später an Rolf Sommer und seinen «Joschi», eine Puppe, die auf spielerische Art und Weise dabei hilft, den Kindern Verkehrswissen zu vermitteln.

 

Rolf Sommer widmet sich schon seit elf Jahren mit Passion der Verkehrsinstruktion.

Rolf Sommer widmet sich schon seit elf Jahren mit Passion der Verkehrsinstruktion.

Rolf Sommer widmet sich schon seit elf Jahren mit Passion der Verkehrsinstruktion.

Rolf Sommer widmet sich schon seit elf Jahren mit Passion der Verkehrsinstruktion.

 

Loslassen

Das Phänomen der Elterntaxis gibt es im Baselbiet schon seit eh und je, es hat aber seit rund 15 Jahren eindeutig zugenommen. «Heute sind oft beide Elternteile berufstätig. Es fehlt oft die Zeit, die Kinder an den Schulweg zu gewöhnen. Es ist bequem, sie auf dem Arbeitsweg bei der Schule abzusetzen», liefert Rolf Sommer eine mög­liche Begründung. Bei den Eltern wird heute auch ein zunehmendes Sicherheitsbewusstsein wahrgenommen. In den 1990er-Jahren wurde in den USA der Begriff der Helikoptereltern geprägt, der überfürsorgliche Erziehungsberechtigte meint, die sinn­bildlich ständig über ihren Kindern und um sie herum «kreisen» und diese immer und überall behüten möchten. In diesen Kontext passt auch das Phänomen der Elterntaxis, denn viele Eltern sind in Sorge, dass ihren Kindern auf dem Schulweg etwas zustossen könnte. Trotz aller Sensibilisierung seien viele Eltern gefangen im Bestreben, ihre Kinder nicht «loszulassen». «Aber die Kinder können das!», spricht Rolf Sommer aus Erfahrung.

Prävention und Restriktion

Die Problematik der Elterntaxis beschäftigt auch die Gemeinden. Im vergangenen Jahr wurde die Kampagne «Geben Sie Ihren Kindern mehr Raum! Elterntaxi, nein danke!» lanciert, die von zahlreichen Baselbieter Ge­meinden getragen wurde. Auf Anfrage der Gemeinden begibt sich die Verkehrsinstruktion der Polizei Basel-Landschaft in den Dialog mit den Eltern und macht auf die negativen Seiten des Chauffierens aufmerk­sam. So etwa in Aesch, wo das Thema ein fester Bestandteil eines Anlasses für Eltern von Kindern ist, die neu eingeschult werden. «Wir stossen grundlegend auf Verständnis, die Verhaltensänderung können wir aber leider nicht messen», sagt Rolf Sommer. Von Zeit zu Zeit werden punktuell bei Schulen chauffierende Eltern direkt ­angesprochen. Meistens erhalten die Instruktoren dann Ausreden, dass der Chauffeurdienst nur eine Ausnahme sei. Der lang­jährige Zuwachs an Elterntaxis spricht aber leider eine andere Sprache und hat die eine oder andere Gemeinde mittlerweile dazu bewogen, mit Halteverboten und baulichen Massnahmen restriktiv gegen chauffierende Mamis und Papis vorzugehen.

 

Text: Simon F. Eglin, Fotos: zVg Verkehrsinstruktion Polizei Basel-Landschaft