Diskussionen laufen im Verlag Fingershop geräuschlos ab.

Diskussionen laufen im Verlag Fingershop geräuschlos ab. Foto: Christian Jaeggi

Reden mit den Händen

Viele Kinder wachsen bilingual auf und lernen so «kinderleicht» eine zweite Sprache. Was aber, wenn die Mutter gehörlos ist und sich nur in Gebärdensprache verständigen kann? Marina Ribeaud löste diese Aufgabe nicht nur kreativ, sondern hat dabei auch gleich ihre Lebensaufgabe gefunden: In ihrem Verlag «Fingershop.ch» produziert und vertreibt sie Bücher, Spiele und Lehrmittel in der Gebärdensprache.

 

Als Marina Ribeauds (46) erster Sohn zur Welt kam, stand sie vor dem Problem, ihm die Gebärdensprache zu vermitteln, um mit ihm kommunizieren zu können. Gemeinsam mit ihrem hörenden Mann Patrick Lautenschlager (51) machte sie sich auf die Suche nach Literatur zur Gebärdensprache, fand aber nichts, was altersgerecht gewesen wäre. So begannen die beiden, Bilder von Tieren zu sammeln und kombinierten sie auf A4-Blättern mit vorhandenen Illu­­-
s­trationen der entsprechenden Gebärden. «Dem Junior hat das gefallen – er hat sich die laminierten Blätter so oft angeschaut, bis sie auseinanderfielen», erinnert sich der Vater. Also musste etwas Stabileres und Längerfristiges her: Kinderbücher in Gebärdensprache. 

 

Die Videos produzieren Ribeaud und Lautenschlager in ihrem bescheiden eingerichteten Studio selber.

 

Die Videos produzieren Ribeaud und Lautenschlager in ihrem bescheiden eingerichteten Studio selber.

Die Videos produzieren Ribeaud und Lautenschlager in ihrem bescheiden eingerichteten Studio selber.

 


Das Ehepaar aus Allschwil machte sich ans Werk, bannte die Gebärden, die als Bilder noch nicht existierten, auf Videos und liess sie von Illustratoren kindergerecht zeichnen. Keine leichte Aufgabe, denn wie in der deutschen Lautsprache zum Beispiel die Worte «Wut» und «Mut» nahe beieinan­der liegen, gibt es auch Gebärden, die sich sehr ähnlich sind. Manche Illustrationen mussten zigmal zur Verbesserung zurückgeschickt werden. Während Ribeaud als Ge­bärdensprachlehrerin dafür sorgt, dass die Gebärden korrekt und verständlich dargestellt sind, ist Lautenschlager für den Vertrieb und die Geldbeschaffung zuständig. 

Gebärdensprache als Unterrichtsfach

Mit ihrem Nischenprodukt und den beschei­denen Auflagen war es dem Duo von Anfang an klar, dass ihre Produkte weder für konventionelle Verlage noch für die Buchhandlungen interessant sind. Also beschlos­sen sie 2006, den Verlag «Fingershop.ch» zu gründen und die Produktion ihrer Produk­te mit Stiftungsgeldern zu finanzieren. Mit jährlichen Verkaufszahlen zwischen zwanzig und fünfhundert Stück, je nach Buch, werden sie nicht reich. «Unsere Arbeit ist grösstenteils ehrenamtlich», so Lautenschla­ger, und seine Frau macht, auf die Einnahmen angesprochen, die Gebärde für «klein». Aber dabei lacht sie. Viel wichtiger als ein grosses Einkommen ist ihr, dass die Gebärdensprache als vollwertige Sprache akzeptiert wird und dass sie an Gehörlosenschulen als Fach unterrichtet wird. Sie hat am eigenen Leib erfahren, was es heisst, als Gehörlose nur in der Lautsprache unterrich­tet zu werden und Lippen lesen zu müssen. «Als ich fragte, was ein bestimmtes Wort bedeute, wurde es mir nur in Lautsprache erklärt und schon sah ich wieder Wörter auf den Lippen, die ich auch nicht verstand.» Deshalb macht sie sich dafür stark, dass in Klassen mit gehörlosen Kindern in beiden Sprachen unterrichtet wird.
Um ihre Produkte bekannt zu machen und Kontakte aufzubauen, sind Ribeaud und Lautenschlager viel an Anlässen anzutreffen; dieses Jahr zum Beispiel an der MUBA am Stand der Behinderten-Organisationen. Viele Jahre waren sie an der Buchmesse ­Olten vertreten und haben dort auch ein Café betrieben, in dem man nur in Gebärdensprache bestellen konnte. Sie waren die ersten in der Schweiz, die Lesungen übersetzt haben. Neben den Lehrbüchern bietet der Verlag auch Kinder- und Jugend­literatur an sowie Spiele, Lernkarten und kostenlose Arbeitsblätter für den Gehörlosenunterricht. Momentan arbeitet Ribeaud an der Serie «Die Welt in Gebärden», kleine Bücher für Kinder, die nicht nur Gebärden beinhalten, sondern auch Wissen vermitteln. «Kleinkinder können zwar noch keine Sätze bilden, aber Bilder können sie verstehen», so Ribeaud. Die Fertigstellung eines solchen Büchleins dauert etwa ein Jahr, da es manchmal für einen Begriff zwei oder drei verschiedene Gebärden gibt. Für gewisse Begriffe müssen gar neue Gebärden gefunden werden, zum Beispiel für einige Lebensmittel. Hier gilt es, in Zusammenarbeit mit Gehörlosenlehrern eine passende Gebärde festzulegen, respektive zu kreieren und so den Wortschatz zu erweitern.

 

Die Abenteuer der gehörlosen Hexe Maga – eines der vielen Bücher aus dem Verlag Fingershop

Die Abenteuer der gehörlosen Hexe Maga – eines der vielen Bücher aus dem Verlag Fingershop

 

«Was machbar ist, setzen wir um»

Neue Projekte entwickeln die beiden immer gemeinsam. 2017 etwa öffnete die erste Deafmesse in Basel die Türen, an der Gehörlose ihre Produkte ausstellen können. «Wir hofften auf etwa 250 Besucher – es kamen über 500!», erzählt Lautenschlager. «Es war ein absolutes Highlight für uns.» Auch die Lern-App, die zum zehnjährigen Bestehen des Verlags herauskam, hat mit über 100000 Klicks für einzelne Videos eine gute Resonanz. Als nächstes wartet «ausgefuchst» auf den Startschuss, ein Magazin für Jugendliche zwischen neun und dreizehn Jahren, dessen wichtigste Artikel in Gebärdensprache übersetzt und als Gebärdensprachfilme auf der Webseite gezeigt werden.
Doch wichtiger als diese Erfolge ist den beiden, dass Marina Ribeaud in ihrer Rolle als gehörlose Verlagsleiterin für andere Gehörlose ein Vorbild ist und Mut macht. Und dass, nicht zuletzt durch das Bereitstellen des entsprechenden Materials, die Akzeptanz der Gebärdensprache in der Gesellschaft in den letzten Jahren einen massiven Sprung vorwärts gemacht hat.
 

 

Text: Sabina Haas, Fotos: Christian Jaeggi