Titelbild: Barbara Erath, Köchin, Garten- und Kräuterfrau, Foto: Christian Jaeggi

Titelbild: Barbara Erath, Köchin, Garten- und Kräuterfrau, Foto: Christian Jaeggi

«Die Pflanzen lehren mich immer wieder das Staunen»

Bei Barbara Erath auf dem Bruderholz wachsen Brautsträusschen im Salatbeet und Rehe wähnen sich im Schlaraffenland. Die Kräuterfrau hat viele kleine Aufträge, doch im Rampenlicht steht sie nicht. Dennoch: Gourmetköche kennen und lieben sie.

 

Einfach loslaufen und schauen, wohin der Weg führt. Nach diesem Prinzip lebt Bar­bara Erath schon seit Jahren und hat damit mehr Erfolg, als sie es jemals hätte planen können. Sie hat viele kleine Standbeine, bezeichnet sich als Köchin, Garten- und Kräuterfrau. Auf Pflanzenspaziergängen übers Bruderholz zeigt sie den Reichtum der Natur. «Kurz vorher schaue ich mir an, was blüht und ob ich einen Schwerpunkt setzen kann», sagt die ausgebildete Naturärztin. Aber eigentlich geht es vor allem darum, die Augen offen und inne zu halten. Unterwegs zeigt sie etwa wilden Fuchsschwanz, der in seinem Innern Amaranth­samen versteckt. Oder sie bückt sich, um einen Holzapfel aufzulesen – «die stehen bei mir in einem Einmachglas auf der Fensterbank». Sie zeigt, wo sie Schlehen sammelt und Hagebutten findet; beides vitaminreiche Wildfrüchte. «Und jetzt schauen wir uns noch diesen wunderbaren Baum voller Misteln an.» Sie wisse nicht, was es für ein Wirtsbaum sei, aber sie werde es herausfinden.
Egal welche Jahreszeit, sie könne immer etwas erzählen, ist Barbara Erath überzeugt. «Denn eine Pflanze hat unzählige Erscheinungsformen.» Wer anfangs Jahr in ihrem grossen Garten den Broccoli sieht, weiss genau, was sie meint: Er wuchert und blüht in hellem Gelb. «Die Blüten kann man essen.» Stimmt, sie schmecken nach Broccoli. Eraths Tipp: Über einen Salat streuen. Ihre Gewächs-Liste umfasst weit über 100 Arten. Unter den Wildpflanzen nennt sie Labkraut, Giersch, Lichtnelken und Bärlauch. Kultiviert hat sie nicht nur Mais, Chili oder Auberginen. Zu den Obstbäumen zählen Aprikosen und Blutpfirsiche, bei den Sträuchern finden sich zahlreiche Beeren. 

 

Titelbild: Barbara Erath, Köchin, Garten- und Kräuterfrau, Foto: Christian Jaeggi

 

Gemüse als Hochleistungskuh

«Eine Wildpflanze hat viel mehr Inhaltsstoffe als kultiviertes Gemüse», sagt Barbara Erath. Niemand muss sie pflegen, die Pflanze behauptet sich selber. Eine Brennnessel-Suppe beispielsweise biete so ziemlich alle Nährstoffe, die man zum Leben brauche. Einen Blumenkohl auf dem Feld hingegen vergleicht sie mit einer Hochleistungskuh: Damit das Gewächs liefert, was man vom ihm erwartet, muss es gepflegt und gedüngt werden. 

 

Frischkäse und Kräuter harmonieren perfekt.

Frischkäse und Kräuter harmonieren perfekt.

 

Was gibts Besseres als ein taufrischer Löwenzahn von der Wiese nebenan?

Was gibts Besseres als ein taufrischer Löwenzahn von der Wiese nebenan?


Bei Barbara Erath steht schon lange nicht mehr das Ernten im Vordergrund. «Mir ist im wahrsten Sinne der Garten über den Kopf gewachsen.» Dadurch hat sie erkannt, wie hübsch Pflanzen werden können, wenn sie über das Ernte-Stadium hinausschiessen. «Die Pflanzen lehren mich immer wieder das Staunen.» Nüsslisalat zum Beispiel bekommt wunderschöne, kleine Blüten. «Die sehen fast so aus wie kleine Braut­sträusschen.» Nebenbei finden zahlreiche Insekten und Tiere ein Zuhause. 

Ernten fürs Restaurant Stucki

In ihrem Daheim auf dem Bruderholz produziert Barbara Erath Ende Jahr Kräuter­salze, Teemischungen oder Kräuterkissen, wenn möglich aus selber gesammelten Zutaten. Verkauft werden die Produkte in der Adventszeit oder in Quartierläden. Sie backe kleine Brötchen und suche stets eine neue Nische. Dies hat sich vor einigen Jahren so ergeben, nachdem sie ihren Job in der Küche der Ita Wegman Klinik in Arlesheim aus Gesundheitsgründen aufgeben musste. Auch heute noch kann Barbara Erath nur halbtags arbeiten und muss ihre Kräfte gut einteilen. Aber mit der Herstellung eigener Gewürze, mit Wildpflanzen-Schulungen und mit Aufträgen als Stör­köchin hat sie sich einen Beruf geschaffen, der sie immer wieder glücklich macht.
Manchmal macht er sie auch unsicher – ­etwa als sie die Sterneköchin Tanja Grandits für eine Zusammenarbeit anfragte. «Mich hat das viel Überwindung gekostet.» Erath fragte sich, ob ihr Qualitätsstandard wohl ausreiche. Aber Familie und Freunde haben sie dazu ermutigt und es hat sich gelohnt: Seit vier Jahren landet Barbara Eraths Wildkräuter-Ernte auf den Tellern des Restaurants Stucki auf dem Bruderholz. 

 

Barbara Erath in der Gärtnerei Allemann, wo es Garten- und Wildkräuter in Töpfen gibt.

Barbara Erath in der Gärtnerei Allemann, wo es Garten- und Wildkräuter in Töpfen gibt.

 

Feinschmecker im Garten

In ihrem Garten hat Barbara Erath immer wieder Gäste. Nebst Tanja Grandits auch den Chefkoch vom Restaurant Viertelkreis in Basel, Cyrill Baumann – zusammen mit Erath hat er nach frischen Topinambur-Wurzeln gegraben. Das «Viertelkreis» gehört zu ihren jüngsten Auftraggebern, «zusammen versuchen wir das Angebot noch saisonaler und regionaler zu machen, achten auf Bio-Qualität und tüfteln an neuen Gewürz-Kompositionen und Zutaten».
Eher ungern gesehene Gäste waren Rehe, die sich an Eraths Pflanzen satt gefressen haben, ein Zaun hält sie mittlerweile vom kultivierten Garten fern. Doch eigentlich gibt es fast kein grösseres Kompliment 
als das der Rehe – denn laut Wildhüter können sie über grosse Distanzen riechen und sind echte Feinschmecker. «Er sagte, auch Rehe gehen lieber ins Stucki essen als zu McDonald’s», erinnert sich die Kräuterfrau lachend. 
Schon immer hat die Naturärztin gerne gekocht. Eine traditionelle Lehre machte sie nie, aber sie durfte einigen Köchen über die Schulter schauen oder mitkochen. In ihrem Lebenslauf finden sich viele Berufsfelder, von Informatik bis Fotografie. Ihr längstes Engagement hat sie bei der Bio Suisse, wo sie seit vielen Jahren wöchentlich für die Mitarbeiter kocht. Lob für ihr Können gibt es auch von Tanja Grandits in einem Artikel der Coop Zeitung: Amaretti habe sie nie gemocht, «bis ich kürzlich bei Barbara, 
meiner Wildkräuter-, Blüten- und Schatzsammlerin, zu Kräutertee und ihren Amaretti eingeladen war». Sie seien ein Traum und «ein perfekter Nachmittags-Genuss». 
Und was sagt Erath dazu? Sie bleibt bescheiden: «Wenn eine Köchin des Jahres findet, diese Amaretti seien etwas vom Besten und machten sie glücklich – dann ehrt mich das natürlich.» Letztlich ist es genau das, was die Kräuterfrau tagtäglich antreibt: Sie möchte andere inspirieren.
 

Text: Sarah Ganzmann, Fotos: Christian Jaeggi