Anet Spengler Neff

Foto Christian Jaeggi

«Du sturer Bock!», «du Schaf!»    

Tiere haben es nicht einfach mit den Menschen. Sie werden oft sehr schlecht behandelt und selbst als Schimpfwort müssen sie herhalten. «Zicke», «Huhn» oder «Schafseckel». Was hat das mit Anet Spengler Neff zu tun? Nichts! Aber lesen Sie weiter!

 

Das BirsMagazin war bei der Agronomin Anet Spengler Neff zu Gast. Sie lebt in Arles­heim und arbeitet in Frick am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in der Abteilung Nutztierwissenschaften. Dort betreut sie mehrere Forschungsprojekte zur artgerechten Tierhaltung und zur Tierzucht. Sie unterrichtet Studierende und Landwirtschaftslehrlinge in den Fächern Bio-Wiederkäuerhaltung und Bio-Rinderzucht. 70 Prozent ihrer Arbeit beansprucht die Forschung, 30 Prozent der Unterricht. Zuhause hat sie keine lärmenden, sondern blökende Nachbarn, bestehend aus einer kleinen Herde Engadiner Schafen mit Lämmern, die kürzlich zu Welt gekommen sind und neugierig über die Wiese hüpfen. Tier-Schimpfwörter sind ihr fremd, das Wohl der Tiere nicht. «Nach der Matura arbeitete ich auf einem Bauernhof. Damals gab es noch wenige Biobetriebe, es waren Pioniere und einige Quereinsteiger», sagt Anet Spengler Neff. Ihr Bauer habe sie nur ausgelacht, als sie ihn nach biologischen Massnahmen fragte, was sie umso mehr anstachelte und in einem Agronomie-Studium an der ETH endete. Um den theoretischen Stoff besser verarbeiten zu können, legte Anet ein Zwischenjahr auf einem biologisch-dynamisch zertifizierten Hof ein. «Das naturnahe Leben habe ich genossen, aber mein Studium wollte ich natürlich zu Ende bringen.» Seit Jahren hat sie für sich die optimale Lösung gefunden. «Ich schätze das praktische Arbeiten genauso wie das Studieren, das Suchen nach guten Lösungen für eine Praxis, die für Tiere und für Menschen stimmig ist.»

 

Gleich gehts los. Für Freunde und Familie deckt Anet Spengler Neff den Tisch gerne schlicht und doch stilvoll ein.

Gleich gehts los. Für Freunde und Familie deckt Anet Spengler Neff den Tisch gerne schlicht und doch stilvoll ein. 

 

Von der Wiese auf den Teller

Anet Spengler Neff und ihr leider viel zu früh verstorbener Mann hatten vor 25 Jahren das Glück, ein Haus zu kaufen, das in unmittelbarer Nähe der Schafweide steht. «Zu dieser Zeit habe ich begonnen, mit Urs Kunz, der fünf andere Weideflächen besass, mit Schafen zu arbeiten.» Kunz, der Milchschafe hielt, lebte mitten im Dorf im alten Sundgauerhof. Sie teilten sich die Arbeit und sprachen über Gott, die Welt und über Schafe. «Das war eine gute Zeit mit guten Gesprächen, die mir heute fehlen.» Nachdem Urs Kunz die Arbeit nicht mehr machen konnte, stellte sie von Milchschafen auf ­Engadiner Schafe um, deren Bocklämmer nach einigen Monaten geschlachtet und zu Koteletts, Hackfleisch, Herzspiessen, Leber­terrinen oder zu Emmentaler Voressen verarbeitet werden. Aus den älteren Tieren werden auch nach zwölf Lebensjahren noch delikate Würste und Trockenfleisch.
Die artgerechte Tierhaltung ist für Anet Spengler Neff unabdingbar, weil sie den Tieren Bedingungen schafft, in denen sie ihre spezialisierten Organe arttypisch nutzen und ihr arttypisches Verhalten ausleben können. Die hoch spezialisierten Organe (jedes Tier hat solche) prägen stark deren Lebensweise. Zum Beispiel die drei Vormägen der Wiederkäuer. Keine andere Tierart hat die. Die Wiederkäuer können wegen dieser Vormägen mit Hilfe der Mikroorganismen Zellulose verdauen. «Ein Material, das wir nicht nutzen können, auch andere Tiere nicht, ausser Pferde und Kaninchen. Das ist ja auch wertvoll für uns, weil die Wiederkäuer uns so helfen, die riesigen Graslandflächen auf der ganzen Welt sinnvoll zu nutzen», sagt Anet Spengler Neff.

 

So klein und schon so durstig

So klein und schon so durstig

 

Statt Gras Lamm

«Welt- und schweizweit sind zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen Gras. Einerseits ist es eine tolle Fähigkeit der Wiederkäuer, Zellulose, also Gras, Heu und Blätter zu verdauen, andererseits sind ihre Verdauungsorgane für Kraftfutter ungeeignet. Einem Wiederkäuer Getreide zu füttern, ist nicht artgerecht und auch nicht effizient. Gras ist das einzig Richtige», ergänzt sie. «Die moderne Landwirtschaft macht aber gerade diese Fehler, so dass Nahrungsmittel, die wir Menschen essen könnten, an Tiere verfüttert werden, die sie gar nicht brauchen, die davon sogar krank werden können. Dabei geht es nicht darum, Bedingungen wie in der Wildnis zu schaffen, das können wir ja nicht, sondern darum, dass die Tiere ihre Organe richtig gebrauchen können. Dazu gehört auch, dass man sie grasen und Futter wählen lässt.»
Kein Gras, sondern ein vorzügliches Tradi­tionsgericht wird uns aufgetischt: Emmentaler Lammvoressen, das mit Safran gewürzt und mit Gemüse gekocht wird. Zum Aperitif serviert uns Anet Spengler Neff das Zwerchfell (Onglet) vom Lamm. Sie wäscht es gut, befreit es von allen Häuten, was dauert, legt es mit Suppengrün in die Bouillon und lässt es 20 Minuten ziehen. Danach schneidet sie das weiche Stück in dünne Scheiben, würzt es mit Salz und Pfeffer, richtet es mit einem halben Suppenlöffel Bouillon und mit frisch geriebenem Meerrettich an und serviert es mit ­einem Sauerteigbrot. 

Kühe, Hörner und vegan

Anet Spengler Neff entkorkt eine Flasche Cabernet Jura vom Arlesheimer Weingut Quergut. «Alles bio, alles von hier, statt von dort», sagt sie und erzählt nach einem ersten Schluck, warum sie Kühe ohne Hörner traurig machen. Sie bedauert es sehr, die Hornkuh-Initiative, die sie als Mit-Initiantin unterstützt hat, verloren zu haben. «Ein Hauptgrund lag sicher darin, dass vor der Abstimmung nur noch über die Verletzungen, die Kuhhörner verursachen können, polemisiert wurde. Dabei verletzen sich hornlose Kühe genauso, oft noch massiver, wenn sie Rangauseinandersetzungen haben. Und leider gab es da noch eine falsche Argumentation des Bundesrates, dass nach einer Annahme der Initiative wieder mehr Kühe angebunden würden, was ja faktisch gar nicht möglich ist. Wer einen Laufstall hat, kann nicht plötzlich seine Kühe wieder anbinden, das ist gar nicht praktikabel und das würde auch kein Landwirt wollen.»
Der Tisch ist gedeckt, der Wein eingeschenkt, das Essen steht auf dem Tisch, es schmeckt und regt an, darüber nachzudenken, ob eine vegane Ernährung eine sinnvolle ist. «Ich finde diese Lebensweise gar nicht sinnvoll, weil mir die Zusammenarbeit und das Zusammenleben mit den Tieren so wichtig und so unerlässlich vorkommen. Wir könnten ohne sie nicht existieren und wir übernehmen Verantwortung für ihr Leben mit einer artgerechten Tierhaltung, aber auch für ihren Tod, der tiergerecht und stressfrei sein muss. Dafür setze ich mich in einem meiner FiBL-Projekte und bei meinen Tieren ein. Ich plädiere für wenig Fleischkonsum und wenn Fleisch, dann nur von sehr guter Qualität, was eine gute Tierhaltung voraussetzt und eben auch ­unterstützt.» Finden wir auch und verabschieden uns. «Zweimal Fleisch in der Woche reicht völlig aus und auch die Verwertung des ganzen Tieres gehört dazu», gibt sie uns mit auf den Weg. Wir nehmen es uns zu Herzen.

 

Text: Martin Jenni, Fotos: Christian Jaeggi