Intensive pflegerische Betreuung während der Hyperthermie-Behandlung

Intensive pflegerische Betreuung während der Hyperthermie-Behandlung Foto Christian Jaeggi

Mit Wärme heilen

Den Zusammenhang von Wärme und Immunsystem macht sich die Onkologie der Klinik Arlesheim zunutze und setzt in der Behandlung von Krebserkrankungen auf die positive Wirkung von Fieber.

 

Wärme und Immunsystem hängen unmittelbar zusammen. Fieber befeuert die Aktivität sämtlicher Immunzellen und hilft so bei der Überwindung einer Infektion. Das Unterdrücken von Fieber hingegen schwächt das Abwehrvermögen. Auch bei der Entstehung einer Krebserkrankung spielt das Immunsystem eine grosse Rolle. Studien zeigen, dass fieberhafte Infektionskrankheiten im Kindes- und Jugendalter vor Krebserkrankungen im späteren Lebensalter schützen. Viele Krebspatienten berichten, schon lange kein Fieber mehr gehabt zu haben. Da stellt sich umgekehrt rasch die Frage, ob eine Krebserkrankung sinnvoll behandelt werden kann, indem der Wärme­organismus und damit das Immunsystem angeregt werden bis hin zu gezielt hervorgerufenem Fieber. Jahrzehntelange Erfahrungen in der onkologischen Abteilung der Klinik Arlesheim zeigen, dass diese Frage mit Ja beantwortet werden kann. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass seit einigen Jahren auch in der Onkologie allgemein den Immuntherapien neben Operation, Chemotherapie und Bestrahlung ein immer grösserer Stellenwert zukommt. 

Den ganzen Menschen sehen

Versteht man den Krebs nicht nur als lokales Geschehen, sondern als Erkrankung des ganzen Menschen, so sind Behandlungsansätze notwendig, die die Gesundungskräfte fördern und das Immunsystem stärken, also auf den ganzen Menschen gerichtet sind. Die differenziert angewendete Mistel­therapie ist in diesem Zusammenhang ­wesentlich hervorzuheben. 
Aber auch durch äussere Anwendungen wie Wickel, Auflagen, Einreibungen und Bäder, die in der Pflege der Patientinnen und Patienten regelmässig zum Einsatz kommen, werden die Wärmebildung unter­stützt und Beschwerden, wie zum Beispiel Schmerzen, gelindert. Künstlerische Therapien und psychoonkologische Betreuung ermöglichen eine ganz neue Selbsterfahrung und Perspektivbildung. Sie werden – ebenso wie die bewegungstherapeutischen Verfahren Heileurythmie und Physiotherapie – in der Klinik gezielt eingesetzt. Daraus ergibt sich ein umfassendes, ganzheitliches Therapiekonzept, das vorbeugen, heilen oder die Lebensqualität in fortgeschrittenen Situationen entscheidend verbessern kann.

Grosse Erfahrung in der Misteltherapie

Die Misteltherapie ist eines der am häufigsten angewandten und am besten unter­suchten Verfahren der komplementären Krebstherapien. Über 130 klinische Studien haben sich mit den Wirkungen und Nebenwirkungen der Misteltherapie befasst. Bei fast allen Krebserkrankungen kann sie mit grossem Nutzen eingesetzt werden. Sie wirkt durchwärmend und regt das Immunsystem an. Die sonst oft schwer zu beeinflussende Cancer Fatigue bessert sich bei vielen Patienten und die Lebensqualität wird erheblich gesteigert. Auch positive ­Effekte auf die Überlebenszeit bei fortgeschrittener Erkrankung konnten für einzelne Tumorarten nachgewiesen werden. Die Misteltherapie ist gut verträglich und sicher. Sie sollte so früh wie möglich zum Einsatz kommen, insbesondere vor einer geplanten Operation sowie während einer Chemo-, Antikörper- oder Strahlentherapie. Deren Wirkung wird durch die Misteltherapie nicht vermindert, im Gegenteil: In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass die Nebenwirkungen dieser Therapien durch eine begleitende Misteltherapie deutlich vermindert werden und die Lebensqualität verbessert wird.
Bei hoch dosierter Anwendung kann die Misteltherapie ein zeitlich begrenztes Fieber auslösen, wodurch das Immunsystem besonders aktiviert wird. Diese sogenannte «fieberinduzierende Misteltherapie» wird an­gewendet, um eine besonders intensive Verstärkung der Immunreaktion zu erreichen.

 

Mistel im Frühling. Foto: Jürg Buess

Mistel im Frühling. Foto: Jürg Buess

 

Wärmezufuhr von aussen

Eine weitere Möglichkeit, durch Wärme das Immunsystem zu mobilisieren, ist die Überwärmung (Hyperthermie). Die künstliche Überwärmung des ganzen Körpers (Ganzkörperhyperthermie) oder einzelner Organe (lokale Tiefenhyperthermie) haben eine vergleichbar stärkende Wirkung auf die Immunität wie das Fieber. Darüber hinaus sensibilisiert die erhöhte Körpertemperatur Krebszellen, die dann anfälliger werden für andere Therapien. Die Hitze wird üblicherweise gut toleriert und im Allgemeinen ähnlich dem natürlichen Fieber ­erlebt. 
Die Überwärmung wirkt am besten, wenn sie mit anderen Verfahren wie Chemotherapie, Bestrahlung oder Misteltherapie kombiniert wird. Auch eine fortgeschrittene Erkrankungssituation kann auf eine mit Hyperthermie kombinierte systemische Therapie gut ansprechen.

Trend zur ambulanten Versorgung

Viele Krebstherapien können heute ambulant erfolgen. Für Therapien, die mehrere Stunden dauern, wie zum Beispiel Infusionen oder die Hyperthermie, ist die onkologische Tagesklinik eingerichtet. Die Patientinnen und Patienten gehen nach erfolgter Behandlung wieder nach Hause. Dennoch ist manchmal ein stationärer Aufenthalt notwendig, etwa wenn eine stationäre Chemotherapie durchgeführt werden muss oder akute Komplikationen auftreten. Auch für die palliativmedizinische Versorgung ist bei entsprechenden Beschwerden oft eine stationäre Aufnahme hilfreich. Es geht bei der palliativen Behandlung darum, die Symptome zu lindern, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen, die Lebensqualität zu verbessern, neue Perspektiven zu ermöglichen sowie die weitere Versorgung sicherzustellen. Die Begleitung und Beratung von Angehörigen spielt dabei eine zentrale Rolle.

 

Text: Verena Jäschke, Foto: Christian Jaeggi