Heidi Happy

Über Rasen und Mähen

 

Als ich endlich alt genug war, mein Taschengeld mit Rasenmähen zu verdienen, entschieden sich meine Eltern, unseren eintönigen Rasen in eine prächtige Blumenwiese zu verwandeln. Das fördere die Artenvielfalt, sehe schön aus, und erspare all die anstrengende Mäharbeit. So verdiente ich halt was mit Jäten von Spitz­wegerich. 
Seit ich ausgezogen bin, teilen sich meine Eltern mit zwei benachbarten Parteien einen elektrischen Rasenmäher. Daran gab es während gut zwanzig Jahren nichts zu rütteln, bis kürzlich die eine Partei von der jüngeren Generation abgelöst wurde. Man diskutierte die Anschaffung eines Mähroboters, da die Jungen Besseres vorhatten, als ihre Zeit mit Mähen zu verbringen. Doch das wäre eine kostspielige Investition. Man müsste alle paar Monate die Messer wechseln. Und der Akku hält auch nur ein paar Jahre. Und die Wartung, um die sich der eine Nachbar, der übrigens mein Onkel ist, beim Elektrorasenmäher stets liebevoll gekümmert hat, müsste von einem Fremden erledigt und dieser dafür entlöhnt werden. Hinzu kommt, dass mein Onkel über all die Jahre auch das eigentliche Rasenmähen liebgewonnen hat und ihm dieses fehlen würde. So kam man nach kurzem Hin und Her zur Vereinbarung, dass man beim Elektromäher bleibe und mein Onkel für eine gelegentliche Flasche Wein auch das Rasenstück der Jungen mähe.
Auch unseren Rasen mähen wir mit dem Elektrorasenmäher. Das Anstrengendste finde ich dabei das Gefühlschaos. Zuerst rege ich mich jämmerlich über das 30 Meter lange Kabel auf, das sich beim Abrollen ständig in der Rolle verfängt und danach überall in die Quere kommt, und kaum komme ich endlich in den Flow und genies­se es, cool mit dem Mäher zu cruisen, schlägt die Kirchenglocke zum zwölften Mal Mittagsruhe.
Da hat es unser 87-jähriges Urgrossmuetti besser. Sie hatte keine Kraft mehr, beim Benziner das Starterseil zu ziehen und hat jetzt einen Elektrorasenmäher mit Akku bekommen.

 


 

Rudolf Trefzer

Wer sucht, der findet

 

Auch in Italien ist der Frühling in der Küche grün und süss, aber er kann auch wun­derbar bitter sein. Zumindest in den Küchen der südlicheren Regionen des Landes. Da liebt man die Bitternoten von Wildkräutern wie dem Löwenzahn oder von diversen Gemüsepflanzen, von denen inzwischen viele beinahe das ganze Jahr über erhältlich sind. Nach wie vor ein ty­pisches Frühlingsgemüse sind die bei uns und auch in Norditalien noch wenig bekannten, aber von Kennern hoch geschätzten Puntarelle. 

In Italien werden sie auch als cicoria asparago oder als cimata bezeichnet und auf Deutsch tragen sie Namen wie Vulkan­spargel oder – am treffendsten – Spargel­chicorée. Denn die zartgrünen Puntarelle sind eine spezielle Varietät der Catalogna-Zichorie und umhüllt von langen, löwenzahnähnlichen Blättern ähneln die innen hohlen, noch nicht fertig ausgebildeten Blütentriebe den Spitzen von weissen Spargeln. Sie sind zugleich zart und knackig und haben einen saftig-herben, leicht bitteren Geschmack. In der Küche können sie roh oder gekocht zubereitet werden. 

Doch warum etwas kochen, das roh so einzigartig und unvergleichlich gut schmeckt? Das fragt man sich auch in Rom und Umgebung, wo man die Puntarelle traditionell als Salat zubereitet. Dabei schneidet man die Puntarelle-Stangen längs in Streifen und würzt sie mit Zitronensaft, Olivenöl, Sardellen, wenig Knoblauch, Fleur de Sel und Pfeffer. Wers puristisch-schlicht mag, lässt die Sardellen und den Knoblauch weg. Das schmeckt grossartig und zeigt einmal mehr, dass un­vergessliche Geschmackserlebnisse nicht unbedingt, wie uns die Punkte- und Sterne-Verteiler glauben machen wollen, das Resultat kulinarischer Pirouetten-Dreherei sein müssen. Das einzige Hindernis, um in den Genuss dieser knackigen Frühlings­boten zu kommen, ist die Tatsache, dass sie bei uns nur schwer erhältlich sind. Doch wer sie sucht, der findet sie: auf Wochenmärkten sowie in italienischen und türkischen Gemüseläden.

 


 

Jürg Seiberth

Man nennt ihn Frühling

 

Die Übersetzungsprogramme im Internet sollen ja immer besser werden. Ich mache einen hinterhältigen Test: Er ist immer als Erster am Treffpunkt. Deshalb nennt man ihn Frühling. Das Programm übersetzt selbstbewusst und in Lichtgeschwindigkeit: He is always first at the meeting point. That is why they call him Spring. Rückübersetzung: Er ist immer der Erste am Treffpunkt. Deshalb nennen sie ihn Spring.
Mein Freund, ein Anglist, schlägt zögerlich und in Schallgeschwindigkeit vor: That is why they call him early bird. – Rückübersetzung: Deshalb nennen sie ihn Früh­aufsteher. Testresultat: 1. Die Maschine übersetzt die Oberfläche, der Mensch die Doppeldeutigkeiten. 2. Weder Mensch noch Maschine schaffen es, Oberfläche und Doppeldeutigkeit in einen englischen Satz zu packen. 3. Wenn Oberfläche und Doppeldeutigkeit nicht zusammenspielen, funktioniert die Übersetzung nicht.
Early bird kommt übrigens von der englischen Redewendung The early bird catches the worm. – Der frühe Vogel fängt den Wurm. Eine englische Redewendung, die in unseren Ohren schon ein wenig vertraut klingt, die der Duden jedoch noch nicht anerkennt. Die sensible deutsche Übersetzung müsste wohl heissen: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Jede Sprache hat ihre reizvollen Eigenheiten, Sprachen sind mehrdeutig und flexibel. Das ist ihre Stärke, so können sie sich leicht an neue Gegebenheiten anpassen. Computerprogramme sind dagegen vorderhand noch gradlinig und logisch, mit der künstlichen Intelligenz soll sich das jetzt langsam ändern. 
Trotzdem frage ich mich: Wird sich die Maschine der Sprache oder die Sprache der Maschine anpassen? Zu befürchten ist, dass wir in naher Zukunft den Übersetzungsprogrammen zuliebe auf Sprachspielereien werden verzichten müssen und nur noch universelle, wahrscheinlich englische Redewendungen verwenden dürfen. 
Aber vielleicht höre ich ja das Gras wachsen.
 


 

Anita Fetz

Mehr Gras, weniger Vieh

 

Immer, wenn ich die ersten Schneeglöckchen sehe, kommt bei mir Fühlungsstimmung auf. Bis das erste Gras wächst, dauert es noch etwas.

Wussten Sie, dass im Inventar der schützenswerten Naturobjekte mehr als 600 Gebiete im Kanton Basel-Stadt aufgelistet sind, darunter über 30 von nationaler Bedeutung? Das ist erstaunlich, hat aber seine Gründe. In den Parks gibt es uralte Bäume, aus Rasen wurden bunte Wiesen, wie sie früher auf dem Land üblich waren. Da spriessen richtige Raritäten. Heute weiss man, dass die Städte enorm wichtig sind für die Erhaltung der Artenvielfalt. In den städtischen Gebieten leben sage und schreibe fast die Hälfte aller Schweizer Säugetiere: Schnecken-, Libellen-, Vogel- und Insektenarten. Die Biodiversität ist heute in den Städten höher als auf dem Land. Dies, weil dort die intensive Landwirtschaft dominiert. Da hat es kaum mehr Platz für Wiesen, Teiche, Büsche und Flüsse ohne Pestizidbelastung. Noch immer gibt es zu wenige Bauern, die öko­logisch produzieren. Dabei wäre das so wichtig. Die konventionelle Landwirtschaft mit ihren grossen Tierbeständen ist mitbeteiligt am Klimawandel. In der Schweiz gibt es so viel Vieh, dass wir nochmals so viel Tierfutter importieren müssen, wie unsere Böden hergeben. 

Die Forschung arbeitet mit Hochdruck daran, tierisches durch pflanzliches Protein zu ersetzen. Ein grosses Potential scheint offenbar das Gras zu haben. Das haben dänische Forscher entdeckt. Gras ist anspruchslos, wächst fast überall und ist nachhaltig. Man kann es vier Mal pro Jahr ernten und es belastet das Klima kaum, wenn man es nicht Kühen verfüttert. Das zu Pulver verarbeitete Protein kann dann in Riegel und andere Produkte verarbeitet werden. Noch ist es in der Forschungs­phase. Doch es wird Zukunft haben. Und die Schweiz als Grasland könnte da vorne mittun. Mehr Gras, weniger Vieh – das hilft der Artenvielfalt in Stadt und Land.

 


 

Zeichnung: Andreas Thiel

Zeichnung: Andreas Thiel

 

Andreas Thiel

Ruhe im Gras

 

Göttliche Geschenke wie Gras sind so unscheinbar wie spektakulär. Das macht ihren Zauber aus. Gras muss man weder essen noch rauchen, sondern begehen.

Gras lässt sich nicht ideologisieren. Gras macht uns Menschen nicht friedlicher, wenn wir es rauchen, sondern höchstens gleichgültiger. Es macht uns nicht satter, indem unsere Rinder darauf weiden, sondern fetter. Und es macht den Golfspieler nicht besser, wenn es akkurat geschnitten ist, sondern selbstzufriedener. Aber Gras verleiht der Kuh die Ruhe, für die sie steht. Die Kuh ist eine unumstössliche Kugel, denn sie hat Ecken und Kanten. Die Kuh ist die emotionale Quadratur des Kreises. Das zeigt sich darin, dass die Kuh das Gras in einer Unaffektiertheit verinnerlicht, die weder hektisch noch faul ist. Die Kuh symbolisiert weder Fortschritt noch Stillstand. Das Wiederkäuen der Kuh ist das unaufhaltsame Zeitmass der Ruhe.

Wir Menschen erfahren Gras über Augen, Nasen und Ohren, wenn Wind durch die Wiese streift. Aber die tiefsten Eindrücke hinterlässt Gras bei uns auf der Haut. Und ich denke nicht an die Grasabdrücke, die wir vom Liegen bekommen. Da hätte ich ja nichts von der Kuh gelernt, die nicht gelegene Faulheit, sondern fortschreitende Ruhe lehrt.

Gras erleben wir Menschen am eindrücklichsten über die Fusssohlen. Übers Gras gehen wir gedankenlos. Bei Hitze brennt Gras nie so wie Sand. In der Kälte schneidet Gras nicht so wie Schnee. Trocken ist Gras nicht so hart wie Erde. Und Nass ist es nicht so matschig wie Laub.

Über die Fusssohlen leiten wir Wut ab. Wir stampfen auf den Boden. Und in der Unversöhnlichkeit machen wir keinen Wank. Wir bleiben an Ort und Stelle stehen. Die Hitze des Sandes lässt uns treten ohne Fortschritt. Und die Kälte des Eises lässt uns erstarren, ohne Ruhe zu finden. Nur das Gras schiesst unaufdringlich einen unspektakulären Frieden über die Haut direkt ins Herz. Gras ist begehbare Ruhe.