Bäuerin Eveline Sprecher : Bald wird auch der letzte Nüsslisalat geerntet.

Bäuerin Eveline Sprecher : Bald wird auch der letzte Nüsslisalat geerntet. Fotos: Christian Jaeggi

Wie schafft sie das?

Die Tage von Bäuerin Eveline Sprecher auf dem Rehaghof in Aesch müssen mehr als 24 Stunden haben. Bäuerin, Mutter von vier jungen Erwachsenen, Gemeinderätin und dennoch nicht dauergestresst. Auf ihrem Hof wird viel gelacht und noch mehr gekrampft – genau wie die Chefin es auch tut.

BirsMagazin: Eveline Sprecher, war Bäuerin Ihr Traumberuf?

Eveline Sprecher: (lacht) Nein, gar nicht. Ich habe eine kaufmännische Ausbildung absolviert und in diesem Beruf gearbeitet. Mein damaliger Freund und heutiger Mann Urs ist Landwirt und mit 23 Jahren ergab sich die Chance, seinen grosselterlichen Betrieb zu übernehmen. Wir wurden eher hineingeschubst. Ich habe dann berufsbegleitend die Bäuerinnenschule absolviert und schliesslich die Meisterprüfung ab­geschlossen. Es war also eher Zufall als Berufung.

Was war das für ein Betrieb?

Der Betrieb wurde konventionell bewirtschaftet. Für uns war es aber klar, dass wir in die Bio-Landwirtschaft einsteigen wollten. Bereits im 1994 waren wir ein zertifizier­ter Bio-Knospe-Betrieb. Zuerst betrieben wir noch Milchwirtschaft und Ackerbau und wir hatten alte Hochstammbäume, welche nicht mehr rentabel waren. Die Milchwirtschaft gaben wir im 2004 auf und betreiben seither Muttertierhaltung. Der Gemüsebau ist ebenso ein Zufallsprodukt wie mein Beruf. Ich legte bei uns auf dem Hof für die Familie ein Gemüsebeet an. Den Überschuss verkauften wir über die Strasse. Schliesslich betrieben wir während zehn Jahren mit unserem Nachbarsbetrieb einen Hofladen, bis im 2007. Jetzt verkauft der Aescher Obstbetrieb Nussbaumer wie auch unser Mitarbeiter Urs-Peter Hübscher unsere Produkte auf diversen Märkten und via Bio-Kistli erhalten die Kunden unsere Ware direkt vor die Haus­türe geliefert. Wenn das Gemüse bei Hitze oder Kälte auf dem Markt herumsteht, kann es später nicht mehr verkauft werden und das Restgemüse muss oft entsorgt werden.

 

Im Dorf ist Eveline Sprecher mit dem Velo unterwegs.

Im Dorf ist Eveline Sprecher mit dem Velo unterwegs.

 

Deshalb sind Sie Bio-Kistli-Lieferantin geworden?

Ja! Die Gemüsemengen für die Bio-Kistli können ganz genau berechnet werden. Den Betriebszweig Bio-Gemüseanbau habe ich mit den Jahren auf 3,5 Hektaren Anbaufläche ausgebaut und wir konnten ein Glashaus und Folientunnels dazu pachten. Jede Woche verlassen rund 230 Bio-Kistli, bzw. Bio-Taschen, unseren Hof, gefüllt mit dem frischen, saisonalen Biogemüse. Wir haben viele langjährige Kunden und führen sogar eine Warteliste. Jeweils am Freitag mache ich eine Aufstellung, wie viel Gemüse wir in der nächsten Woche auf dem Feld ernten müssen, um die Taschen zu füllen. Mittwochs und donnerstags werden die Taschen dann zur Kundschaft nach Hause gebracht. 

Wie entscheiden Sie, welches Gemüse angebaut wird?

Bis 2006 habe ich die Gemüseplanung noch selbst gemacht, mit unserem Mitarbeiter Urs-Peter Hübscher haben wir seither einen kompetenten Bereichsleiter für den Gemüseanbau auf unserem Betrieb. Zudem beschäftigen wir sieben Mitarbeiterinnen und drei Mitarbeiter mit insgesamt 500 Stellenprozenten. 

 

In der Scheune wird das Gemüse für die Biokistli abgepackt.

In der Scheune wird das Gemüse für die Biokistli abgepackt.

 

Womit beginnt ihr jetzt im Frühling? 

Wir haben schon im Februar in den Treibhäusern angefangen, Salate-, Fenchel- und Kohlrabisetzlinge einzupflanzen. Sie werden dann mit einem Flies zugedeckt, um sie vor Kälte zu schützen. Jetzt im März können wir bereits draussen weiter pflanzen. Natürlich schützen wir auch diese mit Flies. Es ist ja auch schon vorgekommen, dass es im März nochmals richtig kalt wurde und auch geschneit hat. Alle zwei Wochen erhalten wir Salatsetzlinge, somit können wir unsere Kunden regelmässig beliefern. Zum richtigen Zeitpunkt säen wir dann auch Bohnen, Spinat, Kürbis, Zuckermais, setzen Zucchetti und in den Treibhäusern werden Tomaten, Auberginen, Peperoni und Gurken gepflanzt. Im Spätherbst sind wir erschöpft und froh, dass die Saison zu Ende geht. Interessanterweise freuen wir uns aber jeden Frühling wieder auf die neue Saison.

Haben Sie den ultimativen Tipp gegen Schneckenfrass? Die mögen Ihr Biogemüse bestimmt auch!

Ja, die mögen unser Gemüse sehr. Es ist aber selten so, dass wir grosse Schnecken­invasionen haben. Einen ultimativen Tipp habe ich nicht. Wir handhaben es so, dass wir einfach noch ein wenig mehr setzen, so dass es nicht so schlimm ist, wenn mal einige Pflänzchen gefressen werden.

Sie backen auch noch Brot? 

Ja, wir bauen zwei Hektaren Getreide an, welches zu Mehl verarbeitet wird. Übers Jahr verbacke ich 10 Tonnen Getreide. Ich lie­be das Backen. Während es draussen noch dunkel und still ist, heize ich mitten in der Nacht meine Schamottsteinöfen ein, forme die Brote und Zöpfe und geniesse die Ruhe. 

Wie kommt eine Bäuerin im Gemeinderat ausgerechnet zum Departement Hochbau? 

Ich bin eine Macherin und will anpacken. Dieses Departement stand zur Verfügung. Es ist unglaublich spannend. Die vielen Themen, die Quartierpläne, die Zonenplanrevision, die vielen neuen Grossprojekte und die gemeindeeigenen Liegenschaften. Da ich nicht vom Fach war, brauchte ich Zeit, um mich in die Materie einzuarbeiten. Ich nehme an Bausitzungen teil, führe Infoveranstaltungen durch und muss die Anträge an der Gemeindeversammlung vortragen. Das beansprucht mich sehr. 

Wie kommen Sie mit Anfeindungen zurecht? 

Als Gemeinderätin werde ich ab und zu einmal persönlich angegriffen. Ich finde es nicht einfach, damit umzugehen. Ich stehe häufig dazwischen und muss als Gemeinderätin vom Hochbau Entscheide mittragen, die nicht überall Freude bereiten. 

Und nun zur Titelfrage. Hat Ihr Tag mehr Stunden als der von anderen Leuten? 

(lacht herzlich) Nein, bestimmt nicht. Meine Regel ist aber, eines nach dem anderen zu erledigen. Ich weiss, dass ich nicht alles schaffe. Daher backe nicht nur ich, sondern auch eine Mitarbeiterin. Mein gutes Team auf dem Betrieb ermöglicht mir, genügend Freiraum für meine politische Arbeit zu schaffen. So habe ich meine Termine im Griff und kann mit der Unterstützung des Teams auf der Bauverwaltung meinen zahl­reichen Aufgaben nachkommen.

www.rehaghof.ch

 

Interview: Jay Altenbach-Hoffmann, Fotos: Christian Jaeggi