Das Ensemble bei den Aufwärmübungen zu den Proben der Wiederaufnahme

Das Ensemble bei den Aufwärmübungen zu den Proben der Wiederaufnahme

«Wir sind eine Sippe»

«Hamlet»! Mit der Tragödie von William Shakespeare um Mord und Rache, Liebe und Tod glänzte das «Theater Junges M» im April letzten Jahres im neuestheater.ch. Jetzt kommt die Truppe Ende März mit einer Wiederaufnahme nochmals auf die Bühne.

 

Als Leiterin des «Theater Junges M» geht Sandra Löwe behutsam vor: Die Arbeits- und Vorgehensweise ist bei jeder Stückerarbeitung zweispurig. Die Ensemblefindung und -zugehörigkeit ist ebenso wichtig wie die konkrete Bühnenarbeit. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten wird gespielt, improvisiert und es werden thema­tische wie persönliche Gespräche geführt. So formiert sich die Sippe, wie Löwe ihr Ensemble gerne nennt. Diese Zeitspanne ist entscheidend. Da bildet sich die Basis für eine respekt- und verantwortungsvolle Zusammenarbeit. Theaterkunst und Persönlichkeitsbildung gehen Hand in Hand. Löwe: «Wir sind eine Oase, wo man sich Zeit nimmt. Ich fordere und fördere die Spielerinnen und Spieler. Zu Beginn stelle ich die einfache Frage: ‹Wer bist du?›» Nicht wenige werden sich da bewusst, dass sie das in ihrem jugendlichen Leben noch nie jemand gefragt hat. Wichtig sind auch die Spielregeln im Miteinander. Wertungen sind tabu. Gewaltfreie Kommunikation ist oberstes Gebot. Erst nach dieser Vorbereitung geht es in die zweite Phase, d. h. zur Erarbeitung des Stücks auf der Bühne.
«Theater Junges M» gibt es seit 2005. Den Anstoss zur Gründung gab die Anfrage eines Jugendlichen an Sandra Löwe, ob sie auch Theaterkurse anbiete. Löwe entwickelte daraufhin ihre sehr persönliche, anspruchsvolle Art und Weise der Theaterarbeit mit Jugendlichen. Bislang entstanden so 16 Produktionen. Zudem ist das Jugendtheater fester Bestandteil des neuentheaters.ch. Die finanziellen Mittel für die Proben- und Bühnenarbeit muss Löwe aber jedes Mal mehrheitlich bei Sponsoren und Stiftungen zusammentragen.

 

Sandra Löwe bei der Leseprobe

Sandra Löwe bei der Leseprobe

 

Flammendes Theater

Warum die Wiederaufnahme? Sandra Löwe strahlt: «Das Publikum wünscht es!» Doch eine Zweitauflage garantiert den nochmaligen Erfolg nicht ohne Weiteres. Es sind viele Herausforderungen hinsichtlich der Ensemble-Zusammensetzung zu meistern; u. a. ist die tragende Rolle des Laertes neu zu besetzen. Beim «Hamlet» sind auch Erwachsene dabei – die Altersspanne reicht von 13 bis 58 Jahren; mehrheitlich sind aber Jugendliche auf der Bühne. Zudem ist die Wiederaufnahme (wie übrigens im Vorfeld jede Theaterproduktion!) ein logistischer Kraftakt, was Zusammenkünfte, Probenplanung, Unterbringung der teils weit verstreuten Beteiligten angeht.
«Unsere Inszenierung ist eine gerade, stringente Erzählung bis zum erbitterten Kampf am Ende. Im Zentrum des Abends stehen intensives Spiel, stimmungsvoller Gesang, eine leere Bühne – gestaltet ausschliesslich mit Licht – und mit Kostümen aus ver­schiedenen Jahrhunderten. Die Botschaft ist zeitlos. ‹To be or not to be› bleibt die ultimative Frage. Was wir wollen? Flammendes, eindringliches Theater», erklärt Sandra Löwe. Die Premiere im April 2018 lobte Thomas Brunnschweiler im «Wochenblatt»: «Für Sandra Löwe ist Hamlet ein sensibler Revolutionär. Die Inszenierung sucht eine elegante Schwebe zwischen klassisch und modern ... Im Zentrum stehen der Text, der oft schärfer ist als ein Messer, und inten­sives Spiel. Die Tragödie hat in dieser eindrücklichen Inszenierung durch das ‹Theater Junges M› eine neue Facette erhalten.»
Im Gespräch strahlt Sandra Löwe eine ansteckende Begeisterung und unbändige Leidenschaft für ihre Theaterarbeit mit jungen Menschen aus. Die Voraussetzung für das brillante Resultat auf der Bühne!

 

Text: Fredy Heller, Fotos: Christian Jaeggi