Matthias Müller, Präsident Baloise Session bei der Holzbrücke über die Birs in Münchenstein.

Matthias Müller, Präsident Baloise Session bei der Holzbrücke über die Birs in Münchenstein.

«Das macht mich schon ein wenig stolz»

Als Jugendlicher träumte er von einem Festival, das im TV übertragen wird. Mit der von ihm mit seinem Team inszenierten Baloise Session wurde diese Vision Realität. Seit 30 Jahren holt der Münchensteiner Matthias Müller Jahr für Jahr Weltstars wie Eric Clapton, Pink oder Lionel Richie für intime Clubtisch-Konzerte in die Messehalle Basel. Weit weg vom Büro nahm Matthias Müller das BirsMagazin mit an seinen Lieblingsort, die Holzbrücke an der Birs und plauderte beim Spaziergang über Heimatgefühle, Stolz über das Erreichte und aus dem Festival-Näichäschtli.

 

Ein frühsommerlicher Montagmorgen. Mit dem Velo erscheint Matthias Müller (51) bei der Hofmatt in Münchenstein. Weiter gehts zu Fuss, hinunter an die Birs. Vogelgezwitscher, Sonnenstrahlen auf dem Fussweg, eine wunderbare Atmosphäre. Ziel: Die Holz­brücke, nahe der Grün 80, die Muttenz und Münchenstein verbindet.

Birsmagazin: Matthias Müller, welche Beziehung haben Sie zu dieser Holzbrücke, die Sie als Ihren Lieblingsort im Birseck bezeichnen?

Matthias Müller: Ich bin in Basel aufgewachsen und war früher bei den Wölfli. Ich verbrachte etliche Wochenenden hier in Münchenstein, an der Birs und bei dieser Holzbrücke. Es gibt viele schöne Erinnerungen an diesen Ort. Meine Mutter war zu dieser Zeit froh, wenn sie von mir und meinen Brüdern am Samstagnachmittag für einmal Ruhe hatte und wir uns draussen austobten. Ich weiss noch, wie schmutzig wir oft nach Hause kamen.

Ich sammle auch alte Postkarten, darunter gibt es viele Münchensteiner Motive. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Umgebung verändert hat, aber die beiden Holzbrücken sind geblieben.

Marco Streller, der diesen Sommer seine Aktivzeit als FCB-Spieler beendet, führte das BirsMagazin ebenfalls schon an seinen Lieblingsort. Er wählte die Ermitage, unter anderem berichtete er auch von den Partys, die er als Jugendlicher in der Ermitage feierte. Wie war es bei Ihnen?

Als ich von zuhause auszog, ging ich direkt nach Münchenstein. Da lag es nahe, dass man mit Kollegen die Umgebung unsicher machte, auch hier an der Birs unterwegs war und wir unsere Grillfestli feierten. Aber auch in der Grün 80 gab es natürlich patente Orte (lacht).

Wo fühlen Sie sich zuhause?

Münchenstein ist meine Heimat, ganz klar. Aber ich beteilige mich schon sehr stark am städtischen Leben, weiss, was in der Stadt läuft und diskutiere bei politischen Themen gerne mit. Als ich frisch nach Münchenstein kam, arbeitete ich sehr viel und hatte eher weniger Kontakt mit den Leuten in der Gemeinde. Meine Kinder gaben diesbezüglich schon nochmals eine andere Perspektive: Durch den Kindergarten oder die Schule lernte ich auf einen Schlag viele andere Eltern kennen. Das finde ich schön, solche Beziehungen haben eine integrative Wirkung.

Das Rauschen wird immer wie lauter. Wir nähern uns dem Wasserfall neben dem Wasserhausweg. Matthias Müller blickt ins Wasser, verfolgt das eindrückliche Geschehen. Trotz des Lärms meint er:

Hier kann ich abschalten. Es ist eine andere Art von Lärm. Ich habe ja immer viele Menschen und viel Rummel um mich herum. Oft wollen ja auch die Künstler etwas, haben Anliegen und Sonderwünsche, die man diskutieren muss. Aber hier fühle ich mich sehr wohl.

Apropos Künstler: Die erfolgreiche Singer-Songwriterin Amy MacDonald, die ebenfalls schon an der Baloise Session auftrat, singt im Song «Pride» über die Liebe zu ihrem Heimatland. Angenommen, Sie würden einen Song über Ihre Heimat schreiben: Welche Stichwörter müssten darin vorkommen?

Das ist eine gute Frage (überlegt). Da kommt mir das Stichwort «Familie» in den Sinn. «Basel» und «Münchenstein» sind sicher weitere wichtige Eckpfeiler und dass wir es hier «einfach schön» haben. In Bezug auf die Schweiz würde auch das Wort «Sicherheit» vorkommen. Ich bin auf der Welt doch schon etwas herumgekommen. Die Menschen, die sich hier über zu viele Einbrüche beklagen, müssten einmal sehen, was passiert, wenn sie in anderen Ländern ihr Auto einmal kurz abstellen. Diese Einstellung beelendet mich. So auch die Aussage «Das ist doch eine Katastrophe». Diese Formulierung wird sehr schnell verwendet und das finde ich schlimm. Denn anderswo gibt es wirkliche Katastrophen.

Fehlt uns in der Schweiz der Weitblick?

Es fehlt an einer gewissen Gelassenheit. Auch ich bin nicht immer gelassen. Sagen wir es so: Den inflationären Gebrauch des Wortes «Katastrophe» versuche ich bei mir selbst einzudämmen. Es rutscht mir zwischendurch raus, ich versuche es dann aber gleich zu korrigieren und abzuschwächen. In den meisten Fällen gibt es ja eine Lösung. Ein anderes Beispiel sind die Schliessungen der Clubs in Basel. Es wird so geredet, als ob es in Basel keine Beiz oder Bar mehr gäbe. Dabei zählt die Stadt 900 Lokale. 900! Ich behaupte einmal: Es gab noch nie so viele Angebote wie aktuell.

Sprechen wir noch über Ihre Arbeit für die Baloise Session. Ich habe gelesen, dass Sie gar kein Vollblutmusiker sind.

Nein. Ich habe früher ein wenig Piccolo gespielt, musste nach den ersten zwanzig Märschen aber feststellen, dass das nichts für mich ist. Ich habe schon sehr früh erkannt, dass mir das Organisieren viel mehr liegt. Mein Bruder spielt Gitarre bei der Band Groovepack. Früher habe ich mitgeholfen, seine Konzerte zu organisieren. Angefangen habe ich mit Plakataufhängen. Für ein Konzert im Hirscheneck in Basel kümmerte ich mich um alles, koordinierte und organisierte und sagte mir: «Es wäre schon noch cool, ein eigenes Festival auf die Beine zu stellen, das auch im Fernsehen übertragen wird.» Ich habe zuerst eine KV-Ausbildung bei der Firma Beiersdorf AG (Nivea) in Münchenstein absolviert, wo ich mich auch stark mit den Marketingaktivitäten beschäftigte. Der damalige Beiersdorf-Direktor Dänny Tobler war ebenfalls Konzertorganisator und gab uns viele Tipps.

Seit 2006 sind Konzerte der Baloise Session im TV zu sehen – weltweit. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie sehen, dass sich Ihre Jugendvisionen verwirklicht haben?

Ich bin schon stolz darauf. Es gibt dazu noch eine Anekdote: Ich besuchte das Swiss Economic Forum. Ein Referent fragte das Publikum: «Wer von Ihnen in diesem Saal wusste schon als Jugendlicher, dass er das machen würde, was er heute macht?» Es sassen um die 1400 Leute im Saal. Ich war der Einzige, der aufstreckte. Das hat mich schon sehr erstaunt und erfreut.

Dieses Jahr feiern Sie mit der Baloise Session das 30-Jahr-Jubiläum. Was macht das Festival so enorm stark?

Wir haben ein tolles Team mit sehr loyalen Mitarbeitenden. Ein Beispiel: Meine CEO Beatrice Stirnimann arbeitet nun schon seit 20 Jahren für die Baloise Session. Zudem heben wir uns mit dem Clubtisch-Konzept von anderen Angeboten ab. Wobei mir immer wieder prophezeit wurde, dass dieses Konzept mit Musikern wie Pink oder ähnlichen sicher nicht funktionieren würde. Schliesslich waren aber Künstler und Publikum immer begeistert.

Sie haben mit der Baloise Session Ihren Jugendtraum realisiert. Was sind heute Ihre Visionen?

Wir wollen ein weiteres gutes Festival organisieren. Wir planen aber sicher nicht ei-ne eigentliche Jubiläumsausgabe im Sinne eines Feuerwerks. Denn es steht uns deswegen ja auch nicht mehr Geld zur Verfügung. Ein Spezialevent fände ich auch nicht optimal, weil der Eindruck entstehen könnte, die Ausgaben 29 und 31 seien schlechter. Es ist jedes Jahr ein Chrampf, ein solches Festival auf die Beine zu stellen. Und jedes Jahr haben wir das Ziel, eine farbige Konzertreihe mit einer guten Mischung auf die Beine zu stellen, egal ob runder Geburtstag oder nicht.

Text: Guido Herklotz, Fotos: Guido Herklotz, zVg