Der renovierte Sundgauerhof aus ungewohnter Perspektive – Foto des Architekten Florian Rauch

Der neue alte Sundgauerhof

Der Sundgauerhof ist fertig renoviert und setzt neue positive Akzente im Zentrum von Arlesheim. Neugierige Menschen von nah und fern strömen an diesen hellen Frühsommertagen in den offenen Hof, in die Holzofenbäckerei und in Tina Kornfelds Scheune.

 

Die Neugierigen ahnen wohl, dass der Sundgauerhof viele Geschichten erzählen könnte. Aber das Gebäude gibt seine Geheimnisse nicht ohne weiteres preis. Die historischen Quellen sind rar, weil das Haus während Jahrhunderten eine ganz gewöhnliche Behausung war, die nicht gross auffiel und von Chronisten kaum erwähnt wurde. Bedeutsam wurde es erst in den letzten Jahrzehnten, als plötzlich alle anderen gewöhnlichen Behausungen gleichen Alters verschwunden waren. Zur anerkannten Sehenswürdigkeit wurde der Sundgauerhof im Jahr 1978, als der Baselbieter Regierungs­rat ihn ins Inventar der geschützten Baudenkmäler aufnahm. Wir wissen viel über das Leben der Fürstbischöfe, der Domherren und der Landvögte, aber wir möchten doch auch wissen, wie die einfachen Leute hier einst lebten, und darüber können wir viel erfahren, wenn wir solche Gebäude studieren.

Interessant und kompliziert zugleich wird ein solches Bauwerk auch, weil es im Laufe seiner Geschichte immer wieder verändert und an neue Bedürfnisse angepasst wurde. Der Denkmalpfleger Walter Niederberger erklärt, dass es für ein solches Gebäude keinen Urzustand gibt, es gilt, seine Geschichte als Prozess zu sehen und Aspekte möglichst vieler Bauetappen zu erhalten. Und dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, denn auch heute erfüllt der Sundgauerhof zeitgemässe Funktionen.

 

  Die vertraute Ansicht des Sundgauerhofs – Zeichnung von Baptiste Kunz, der lange in dem Haus wohnte.

Die vertraute Ansicht des Sundgauerhofs – Zeichnung von Baptiste Kunz, der lange in dem Haus wohnte.

Was wissen wir?

Die Bauarchäologin Anita Spring erklärt, dass verschiedene Indizien darauf hinweisen, dass das Wohnhaus bereits im 16. Jahrhundert erstellt wurde. Im 17. Jahrhundert wurde die Raumeinteilung verändert, wurden neue Fenster angelegt und wurde am Dachstock gewerkelt. Die Kochstelle befand sich im Zentrum des Hauses und der Rauch wurde neu über einen Kamin abgeleitet. In dieser Epoche erlebt Arlesheim die schwere Zeit des 30-jährigen Krieges (1618 bis 1648) und den prunkvollen Einzug des Domkapitels (1678). Der grosse Saal im Obergeschoss mit Deckenmalerei, die ab 1700 entstand, lässt vermuten, dass das Haus in dieser Zeit wohl eine offizielle Funktion erfüllte.

Die Historikerin Berit Drechsel vermutet, dass das Haus zeitweilig Eigentum des Fürstbistums Basel war. Nach der Auflösung des Fürstbistums ging es dann ab 1816 in den Besitz Privater über, Dokumente nennen zwei begüterte und prominente Besitzer, Franz Bellot und Victor von Sury. Ab 1827 wird das Haus von verschiedenen Leuten bevölkert: Vom Zimmermann bis zum Gemeindepräsidenten, sagt Drechsel, und die meisten Besitzer hiessen Leuthardt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Wirtschaftsgebäude errichtet und zwischen den beiden Gebäuden entstand der durch eine Mauer abgeschlossene Innenhof.

Im 20. Jahrhundert lebte dann die Familie Kunz im Haus. David Kunz erinnert sich: «Oft habe ich meine Freunde um den Komfort in ihren Wohnungen beneidet. Aber alle Freunde kamen immer gerne zu uns. So merkte ich, dass ich eigentlich zu beneiden war, der ich in so einem alten Haus wohnen durfte. Ich habe dieses Haus geliebt und liebe es heute noch.»

 

  Deckenmalerei im Saal im Obergeschoss (Ausschnitt).

Deckenmalerei im Saal im Obergeschoss (Ausschnitt).

Renovieren und beleben

Die Familie Kunz lernte Danyel Martz kennen und es wurde bald klar, dass er der Richtige sei, um die Liegenschaft zu erwerben, zu renovieren und neu zu beleben. – «Danyel war es ein grosses Anliegen, eine für den Dorfkern sinnvolle und belebende Nutzung im Gebäude zu ermöglichen», sagt Heinz Burgener, der langjährige Berater des Bauherren. Ein Jahr lang wurde vermessen, abgeklärt und untersucht. Neben den oben angeführten Erkenntnissen liessen diese Abklärungsarbeiten auch erkennen, dass es höchste Zeit für die Renovation war, insbesondere die Scheune war akut einsturzgefährdet. Dann wurde gemäss der einfühlsamen Planung und unter der umsichtigen Leitung des Architekten Florian Rauch drei Jahre lang möglichst substanzschonend gebaut. Die neuen Mieter – Tina Kornfeld für die Scheune und der Holzofenbäcker für das Erdgeschoss – wurden schon sehr früh gesucht und gefunden. Auch ihre Bedürfnisse konnten bei der Renovation von Anfang an mitberücksichtigt werden.

Im Frühling dieses Jahres waren die Arbeiten dann fertig und das Haus konnte bezogen werden. Danyel Martz, der als Bauherr die gestaltende und ermöglichende Kraft hinter dem Unternehmen war, ist leider im Januar völlig unerwartet verstorben. Bedauerlicherweise war es ihm nicht vergönnt, das Resultat seiner grossen Bemühungen zu sehen: den wunderbaren neuen alten Sundgauerhof.

 

Text: Jürg Seiberth