Krähender Hahn

General Custer

 

Dort, wo sich Fuchs und Hase «Gute Nacht» sagen, dort kenne ich mich aus. Städte sind mir suspekt. Dörfer sind mir angenehmer, Weiler sympathischer und mitten im Nirgendwo fühle ich mich zuhause. Hier sagen sich und mir Fuchs und Hase, Kauz, Wildschwein, Maulwurf, Reh, Hirsch, Dachs, Luchs (!), Wühlmaus, Siebenschläfer, Hermelin und Eichhörnchen «Gute Nacht». Und Peppone, meine piemontesische Trottoir-Mischung. Meine Gemeinde besteht aus 34 Einwohnern, das Dorfzentrum ist drei Kilometer von meinem Zuhause entfernt. Dazwischen liegen Wiesen, Wälder, Felder und eine Kapelle. Ich wohne mit zwei Nachbarn alleine auf weiter Flur. Den einen sehe ich, wenn er mir einmal jährlich mit dem Traktor das Holz für den Winter bringt, mit dem anderen bin ich im täglichen Blickkontakt. Seine Ferme nutzt er als Fluchtort vor seiner Frau, die wie meine Partnerin Städte liebt. Eigentlich sehe ich meinen Nachbarn mehr als meine Partnerin. Wenn er vor Ort ist, hackt er Holz, bastelt am Traktor und spielt mit seinen Kumpanen Karten oder er geht in der Saison mit denselben auf Wildschweinjagd. Dabei steht aber mehr der Beaujolais als das Wildschwein im Visier. Nach der zweiten Flasche erzählen sie sich Räubergeschichten, schwärmen von der schönen Bäckerin und klagen augenzwinkernd über ihre Frauen im Tal.

Besuche ich meinen Nachbarn, wirds für mich gefährlich. Spätestens dann, wenn er die Absinthe und die Gentiane aus dem Keller holt. Mein Nachbar ist ein wilder, liebenswerter Zeitgenosse, der die Politik von heute nicht mehr versteht, was ich gut verstehe. Er kocht einfach, gut und fischt die besten Frites aus der Fritteuse, bevor er mit einem Stück Entenschlegel zwischen den Zähnen über seine Rente und den Staat flucht. Glücklich ist er trotzdem oder gerade deswegen. Das ist kein verklärtes Gesäusel meinerseits, sondern Juraalltag.

Kürzlich hat er sich neun Hühner gekauft. Den Eiern aus dem Supermarkt könne er nicht mehr trauen. Da habe er sich diese Hühner zugetan. Aber was seien neun Hüh­ner ohne einen Hahn? Eben – dachte ich.

Seither sagt mir die Tierwelt nicht nur «Gute Nacht», sondern auch «Guten Morgen». Hartnäckig, pünktlich, täglich. Und ich staune, wie sich vor dem Frühstück mein Appetit auf Coq au Vin steigert. Allerdings kräht General Custer, so habe ich den Hahn getauft, viel zu schön, als dass ich ihn für den Kochtopf abmurkse und es dem Fuchs, dem ich Sitting Bull sage, in die Schuhe schiebe. Doch wer weiss.

Das Problem meines Landlebens liegt aber nicht alleine bei General Custer, sondern vornehmlich in den unterschiedlichen Vorlieben von meiner Partnerin und mir. Ich liebe frisch gemähte Wiesen, Klatschmohn, Kühe mit Hörnern, Kuhglocken, patinierte Beizen, Bellowhead und knisternde Holzfeuer in meinen fünf Holzöfen. Sie pulsierende Plätze in Barcelona, Venedig, Rom, London und Paris, schicke Restaurants und Bars am Puls der Zeit, Herbert Grönemeyer – und eine Zentralheizung.

Will ich unter Menschen sein, steige ich nicht ins Flugzeug, sondern besuche die Landbeizen zu Fuss oder mit dem Auto. Einfache Oasen, fernab von Alltag und Trend. Ideal für kleine Fluchten vor General Custers Arien. Eigentlich am liebsten mit meiner Partnerin. Eben – denke ich.

Text: Martin Jenni, Foto: iStock.com