Pfarrwahlstreit in Oberwil und Allschwil 1835.

Pfarrwahlstreit in Oberwil und Allschwil 1835. Als die Bevölkerung zwei von der Regierung eingesetzte katholische Priester nicht akzeptieren will, kommt es zu Ausschreitungen, bei welchen zwei Landjäger erschossen werden. Die Gemeinde Oberwil wird militärisch besetzt.

Kantonstrennung und Kulturkampf

1815 teilte der Wiener Kongress das ehemalige Fürstbistum Basel den Städten Bern und Basel zu. Damit wurde das Birseck schweizerisch. In dieser Ausgabe des BirsMagazins berichtet Reinhard Straumann über die Auswirkungen dieses willkürlichen Entscheides auf das Leben im Birseck im 19. Jahrhundert.

 

Am 20. März 1815 hat der Wiener Kongress das Birseck zur Schweiz geschlagen und damit eine Erfolgsgeschichte begründet. Die prosperierende Entwicklung unserer Gegend im 20. Jahrhundert darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie schwierig die Integration in den ersten Jahrzehnten verlief. Der Unterschied der Konfessionen machte sie konfliktreicher, als man sich heute vorstellen kann.

Die Gemeinden Arlesheim, Reinach, Aesch, Ettingen, Pfeffingen, Therwil, Oberwil, Allschwil und Schönenbuch stellten nach 1815 im Kanton Basel als katholisches Gebiet einen Fremdkörper dar. Überdies war es krisenhaft, durch Krieg und Fremdherrschaft ausgelaugt. Es fehlte die traditionelle Bindung an die Stadt wie im Baselbiet, wo die städtischen Bändelherren die Arbeitgeber waren und auf die Unterstützung der Kirche zählen konnten. Von Münchenstein bis Anwil waren die reformierten Pfarrherren samt und sonders Söhne baslerischer Familien, die sich als geistliche Fraktion der Obrigkeit verstanden und ihren Bauern bei Bedarf die Leviten lasen. Demgegenüber waren die katholischen Priester von Schönenbuch bis Arlesheim fern von jeder weltlichen Herrschaft nur dem Bischof verpflich­tet. Die Bevölkerung, die seit Jahrhunderten Freiheiten genossen hatte, kam mit der Anbindung an Basel nicht gut zurecht. Als im Winter 1830/31 eine Volkserhebung im Baselbiet eine liberale Verfassung forderte, stammten mit Stephan Gutzwiller (Therwil) und Anton von Blarer (Aesch) die Wortführer aus dem Birseck. Die Birsecker Elite mit ihrer in Klosterschulen erworbenen Bildung machte die Kantonstrennung überhaupt erst möglich.

Wie würde dem Kanton Baselland die Integration des Birsecks gelingen? Die wirtschaftlichen Herausforderungen waren enorm; sie schufen Spannungen, die sich immer wieder auf der konfessionellen Ebene entluden. Die Kantonsbevölkerung stieg von 1833 bis 1900 von 40000 auf 70000, jene im Birseck von 6000 auf 20000, sie wies also ein deutlich stärkeres Wachstum auf als der Gesamtkanton. Die Durchmischung der Konfessionen verunsicherte die Katholiken. In den neun katholischen Gemeinden sank ihr Anteil und betrug 1900 im gesamten Bezirk Arlesheim gerade noch die Hälfte. Schweizweit schritt die Industrialisierung voran und brachte die katholischen, strukturschwachen Gegenden ins Hintertreffen. Die Bundesverfassungen von 1848 und 1874, Meilensteine der bundesstaatlichen Entwicklung, wurden gegen den Widerstand der katholischen Kantone durchgesetzt. Ganz allgemein überrollte die fortschrittsgläubig-liberale Welle die konservativen und katholischen Positionen noch und noch. Der Vatikan reagierte provokativ, verweigerte sich dem Zeitgeist und hielt der liberalen Welt das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes (1870) entgegen.

 

Tod des baslerischen Obersten Lukas Landerer

Das (unhistorische!) Bild von Jakob Senn zeigt den Tod des baslerischen Obersten Lukas Landerer durch den Baselbieter Oberst Jakob von Blarer anlässlich der Schlacht an der Hülftenschanze 1833. Landerers Tod war der Ausgangspunkt für mancherlei Mythenbildung und Feindschaft zwischen Reinach, wo Landerer gelebt hatte, und anderen Birsecker Gemeinden.

Eskalation im Birseck

Unvermeidlich erzeugte der Zusammenstoss der Kulturen auch im Birseck Wirkung, wo die lokale katholische Mehrheit als kantonale Minderheit zunehmend in Bedrängnis geriet. Die unerfahrene Regierung des jungen Kantons stand vor heiklen Fragen, zunächst betreffend der Bestellung der Geistlichen. Ging man im Baselbiet vom staatskirchlichen Modell aus, in welchem die Pfarrer Beamte waren und von der Regierung ernannt wurden, war das im Birseck komplizierter. Kirchlich-katholisch gehörte Baselland zum Bistum Basel und war damit in das Konkordat aller Diözesan-Kantone eingebunden, welches mit dem Vatikan abgestimmt werden musste. Die komplizierten Rechtsfragen eskalierten 1835, als die Bevölkerungen von Oberwil und Allschwil zwei von der Regierung neu eingesetzte katholische Priester ablehnten und ihnen die Kirchen versperrten. Aufruhr, militärische Besetzung und zwei in Oberwil erschossene Landjäger zeugen von der Heftigkeit, mit der solche Fehden ausgetragen wurden.

Die verstärkte Mobilität der Bevölkerung im Industriezeitalter vermehrte die konfessionellen Spannungen sukzessive. Die in der Bundesverfassung garantierten Grundrechte der Niederlassungs-, der Glaubens- und Gewissensfreiheit erforderten eine To­leranz, zu welcher die Kirchen noch kaum fähig waren. Mit dem Unfehlbarkeits­dogma schüttete Papst Pius IX. zusätzlich Öl ins Feuer. Die Regierungen der Diözesan-Kantone Baselland, Aargau und Bern untersagten dem Bischof von Basel, dem aus dem Berner Jura stammenden Eugen Lachat, das Dogma verkünden zu lassen; als er sich darüber hinwegsetzte, nutzte man das als Anlass zu seiner Entlassung. Diese Massnahme spaltete die katholische Kirche in einen romtreuen, konservativen Flügel und eine liberale Gruppe, die sich gegen den Papst stellte und die Schaffung der christkatholischen Landeskirche anstrebte.

Deren basellandschaftliche Sektion sollte anlässlich eines Kirchentags am 20. April 1874 in Arlesheim gegründet werden, zu welchem die liberal-katholische Fraktion eingeladen hatte – inakzeptabel für die romtreuen, «ultramontanen» Hardliner aus Reinach und Ettingen, die, mit Schlagstöcken bewaffnet, von Musikkapellen begleitet, in militärischer Formation anrückten und die gewalttätige Auseinandersetzung suchten. Wiederum konnte nur das Baselbieter Regiment helfen. Die militärische Besetzung Arlesheims verhindete Schlimmeres, sehr zum Leidwesen zahlreicher Schlachtenbummler aus Basel, die eigens zum erwarteten Spektakel angereist waren.

Sonderfall Reinach

Aber auch in diesem Fall war der konfes­sionelle Konflikt ein Reflex tiefer liegender, sozialer und wirtschaftlicher Fragen, was der Blick auf die Gemeinde Reinach beispielhaft zeigt. Reinach, in fürstbischöflicher Zeit noch wichtige Grenz- und Zollstation und während der französischen Zeit Hauptort eines cantons, litt unter dem Verlust der früheren Bedeutung. In der ersten Trennungs-Abstimmung 1832 hatte die Gemeinde als einzige im Birseck für den Verbleib bei Basel gestimmt, und zwar wegen vielfacher Abhängigkeiten von den Basler Familien Landerer und Wieland, die in Reinach viel Land besassen und auch dort lebten. Die Loyalität zur Stadt bezahlte Gemeindepräsident Joseph Feigenwinter mit seinem Leben, als er am 4. August 1833, nach der Schlacht bei der Hülftenschanze (wo die Basler Offiziere Landerer und Wieland gefallen waren), von einer Therwiler Meute erschossen wurde. Therwil, als Wohn­ort Gutzwillers ein Zentrum der Sezession, und Reinach blieben auf Jahrzehnte verfeindet.

Der Sonderfall Reinachs bestätigte sich noch Jahrzehnte später. Im Anschluss an die Birskorrektion unterlag die Gemeinde 1870 in einem langjährigen Rechtsstreit um ihren Kostenanteil; sie musste annähernd 20 000 Franken nachzahlen und, um den Betrag aufzubringen, der Arlesheimer Firma Schappe Land verkaufen, das sie rechts der Birs besessen hatte. Wenig später verlor Reinach auch den Kampf um die Linienführung der Jura-Bahn, die auf das rechte Birsufer gelegt wurde. Just da, wo man eben Land hatte abtreten müssen, sorgte jetzt die Linie Basel-Delsberg (Eröffnung 1875) für die Allokation von Industriebetrieben. Kein Wunder, dass man sich in Reinach geprellt und von den Segnungen des modernen Zeitalters abgeschnitten fühlte. 1907 erhielt man zwar die Tramlinie Basel-Reinach-Aesch, aber auch hier war man gegenüber der Linie Basel-Münchenstein-Arlesheim-Dornach um zehn Jahre verspätet, weil deren Betreiber eine von Reinach angestrebte Ringbahn abgeblockt hatten. Auf vielfache Weise der wirtschaftlichen Stagnation ausgeliefert, verschrieb sich Reinach, befeuert von einem fanatischen Dorfpfarrer, bis tief ins 20. Jahrhundert einer radikalen Modernisierungsverweigerung.

Heute ist von alledem nichts mehr zu spüren; der Kulturkampf ist ausgestanden. Der Arlesheimer Dom erinnert noch an die Zeiten des Domkapitels, ein paar Gemeindewappen zeigen den Stab des Fürstbischofs, und an der Fasnacht scheint etwas auf vom Birsecker Katholizismus, von Herren und Bauern, von den Kämpfen zwischen Therwil und Reinach, Aesch und Ettingen. Aber auch die Fasnächtler sind sich kaum bewusst, welche historischen Hintergründe sich hinter ihren Rivalitäten verbergen. So ist denn die Säkularisierung auch ein Kulturverlust – aber einer, der das Leben entspannter macht.

 

Text: Reinhard Straumann, Abbildungen: Jakob Senn (1790–1881)