Foto: Mamma Mia, zVg

Foto: Mamma Mia, zVg

Bitte einsteigen!

Der Blick fällt auf die Tramschienen. Menschen kommen und gehen, das «Mamma Mia» bleibt. Mit ihm ganz viele Stammgäste, die zum Abend bei einem Glas oder zwei einsteigen – und einfach sitzen bleiben. Ohne Billett.

 

Landesweit drohen Eventlokale mit Krokodilragout und Springbockrücken, selbst die Jakobsmuschel hat die Quartierbeiz erreicht. Blass-fade Tomaten werden das ganze Jahr als Dekor missbraucht und Weihnachts­erdbeeren kaschieren nur allzu oft den faden Industrieschokoladenkuchen. 
Täuscher gibt es an allen Ecken und Enden, solche, die entweder mit Folklorebarock oder mit rauchigen Showelementen und vielen Türm­chen auf den Tellern zu imponieren versuchen. Das Traurige am Ganzen ist, dass der Gast nur allzu oft auf ihre Lügenkonstrukte hereinfällt und dabei vergisst, dass hinter der Marzipanglasur kein Fundament steht. Diese Blender kommen und gehen, richten aber immensen Flurschaden an. 
Ganz anders die einfache Beiz, deren Reiz einem erst auf den zweiten oder dritten Blick bewusst wird oder eben gar nie. Das «Mamma Mia» ist so eine Lebensoase, 
die quer in der Landschaft im Zeitalter von Twitter und ­Facebook steht. In ihr findet das Leben in all seinen Facetten statt. Schö­ne Momente wechseln sich mit traurigen, witzige lösen schräge ab. Tagdiebe, Augenmenschen, Schwätzer, Zuhörer, Hobbypsychologen, Schöngeister, Zecher und zivilisierte Trinker, Uniformierte und Musiker treffen sich, tauschen sich aus, streiten und versöhnen sich beim nächsten Glas.

Das Leben halt

Eigentlich träumte Maria Richterich schon lange von der eigenen Beiz. Sie hat in jungen Jahren oft Partys organisiert und als Gastgeberin gerne Freunde bewirtet. Sie liebt es, wenn das Haus voller Leben ist. 2014 erlangte Maria Richterich das Wirte-Patent. Der erste Schritt war getan. Als ihre Arlesheimer Stammbeiz unerwartet die Pforten schloss, ergriff sie die Chance. So entstand nach gründlicher Planung und Renovations­arbeiten ein Speiserestaurant mit 40 Plätzen. Der Name des Lokals bezieht sich übrigens auf den Namen der Gastgeberin. Mia ist die Abkürzung von Maria, sie ist «Mamma» und ihre kreative Mutter Colette packt ebenfalls bei jeder Gelegenheit mit an. Zudem haben Mutter und Tochter stets den Abba-Song «Mamma Mia» auf den Lippen, natürlich immer mit der Folgezeile «here I go again». Bei den Weinen hat Maria bewusst auf Burgunder und Bordeaux verzichtet. Sie bietet lieber lokale und regio­nale Provenienzen an. Etwa einen Cabernet Jura aus dem Arlesheimer Steinbruch. Er wird gekeltert vom jungen Weinbetrieb «Quergut» aus der pilzwiderstandsfähigen (Piwi) Sorte Cabernet Jura, welche vom national und international bekannten Valentin Blattner im hinteren Birstal in Soyhières ge­züchtet wurde. Oder die Weine des jungen und ambitionierten Thomas Jost aus dem Riehener Schlipf, dessen Crus jetzt schon Grosses erahnen lassen und den Topgewächsen der Bündner Herrschaft Konkurrenz machen. Und natürlich Urs Jauslins sensationelle «Hohle Gasse» aus Muttenz. Hinzu kommen unbekannte oder in Verges­senheit geratene Weine, wie ein Vitrovska, ein Vin naturel aus dem Friaul, der mit Ecken und Kanten behaftete Dolcetto aus dem Piemont oder der würzige Lagrein aus dem Südtirol. Interessant ist auch die Tatsache, wie friedvoll sich im «Mamma Mia« Eltern mit ihren Sirup-Trinkern und Weinfreunden begegnen. Das muss wohl mit der Herzlichkeit der Gastgeberin zu tun haben.


Text: Martin Jenni