Foto: Esther Brunner

An den Storch glauben

Wer im Frühling und im Sommer in den Himmel starrt und den majestätischen Flug eines grossen Vogels beobachtet, der glaubt an den Storch und freut sich darüber, dass Meister Adebar wieder im Aufwind ist ...    

 

Das war nicht immer so, denn um die Mitte des letzten Jahrhunderts kannte man den Storch in der Schweiz nur noch vom Hörensagen: Er war ausgestorben! Eine ausgeräumte, ordentliche Landschaft hatte ihn vertrieben. Die Wende kam, als von Altreu (SO) aus in den Siebziger- und Achtzigerjahren landauf, landab Storchen-Wieder­ansiedlungs-Stationen eröffnet wurden. So auch am Dorfrand von Allschwil (1981) und im Areal des Gymnasiums Oberwil (1982). Der Erfolg blieb nicht aus: 2015 gab es im Birseck sechs besetzte Horste: je einen in Aesch, Allschwil, Biel-Benken und Oberwil, zwei in Binningen. Auf dem Erlenhofareal in Reinach wurden im letzten Jahr ebenfalls vier Nisthilfen montiert.

 

Zentrum Erlenhof, Reinach: Das Storchenpaar nach der Ankunft Anfang April 2016. Die vier bereitgestellten Horste wurden durch das Paar eingehend besichtigt. Entschieden haben sie sich für das Weidennest beim Pferdekoppel. Foto: Walter Schluep

Zentrum Erlenhof, Reinach: Das Storchenpaar nach der Ankunft Anfang April 2016. Die vier bereitgestellten Horste wurden durch das Paar eingehend besichtigt. Entschieden haben sie sich für das Weidennest beim Pferdekoppel. Foto: Walter Schluep

 

Störche wurden schon immer beobachtet

Wie sehr Störche schon immer aufmerksam beobachtet worden sind, geht auch aus der Stadtbeschreibung hervor, die Aeneas Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., anlässlich des Basler Konzils 1438 verfasst hat: «Die Dächer sind steil ... Auf den Dachfirsten aber haben die Störche ihre Wohnung aufgeschlagen. Da nisten sie und füttern ihre Jungen. Niemand tut ihnen ein Leid an. Ja, es herrscht in Basel der Glaube, wenn man den Störchen ein Junges entwende, so legen die Alten in dem betreffenden Haus Feuer an.» Auch aus Biel-Benken erfahren wir 1908 in einem Tagebucheintrag des Pfar­rers von der Storchen-Präsenz: «Zur grossen Freude von Jung und Alt wurde, nach langem, langem Unterbruch, in diesem Jahr das Storchennest auf dem hiesigen Kirchturm wieder von einem Storchenpaar besetzt ... In Würdigung des Ereignisses der Neubesetzung unseres Storchennestes habe ich am Sonntag, 25. April eine Storchenpredigt über Jeremias 8.7 gehalten.» Und welches war der Bibeltext, den der Herr Pfarrer der Predigt unterlegte? Sein Zitat – «Ein Storch unter dem Himmel weiss seine Zeit» – rührt an eines der grossen Geheimnisse des Storchs, an die Tatsache nämlich, dass Meister Adebar jeweils nur gerade den Sommer bei uns verbringt, den Winter aber im fernen Afrika, und dass Abflugs- und Ankunftszeit bei uns in Europa und dort in Afrika zeitlich genau programmiert sind. 

Lange Zeit – bis ins 19. Jahrhundert nämlich – gab der Storchenzug Rätsel auf; man wuss­te nicht, wohin die alljährliche Reise führte. Ging der Flug tatsächlich in den Süden oder verschliefen die Störche etwa den Winter versenkt im Wasser irgendeines Sees? Systematische Beringungen setzten erst um die Wende zum 20. Jahrhundert ein. Beringt werden vor allem Jungstörche im zarten Lebensalter von vier bis sechs Wochen, zu einem Zeitpunkt, wo sie sich noch reflexartig in die Nestmulde ducken und regungslos verharren.

Die Störchin Max

Dem berühmtesten beringten Storch der Schweiz wurde zu Ehren von Max Bloesch (1908–1987), dem Begründer der Altreuer Wiederansiedlungs-Initiative, der Name Max zugedacht, wobei sich erst später herausstellen sollte, dass es sich um ein Weibchen handelte. Geboren wurde die Störchin Max am 20. Mai 1999 in der Nähe von Avenches, dreizehn Jahre später wurde sie im Dezember 2012 von Ornithologen in Spa­nien tot aufgefunden. Ihr Leben war kontrolliert: Dank einem Argos-Sender konnten ihre Flug-Stationen vom Naturhistorischen Museum Freiburg regelmässig lokalisiert werden, so dass wir über ihre vielen Reisen nach Afrika und zurück lückenlos im Bilde sind. Nicht weniger als 60000 km hat die 31-fache Mutter zurückgelegt, rund 4300 jährlich! In den ersten acht Wintern zog sie über die Meeresenge von Gibraltar nach Marokko, ab 2008 verbrachte sie die kalte Jahreszeit in Spanien. 

Die Störche und der Kindersegen

Nun wissen wir zweifelsfrei, wo Störche den Winter verbringen, noch sind wir aber im Ungewissen, wo sie die Kinder holen – etwa in einem Weiher oder bei einer Quelle? Satellitenstörche verweigern eine Auskunft, und so bleibt die Frage: Wie lässt sich die Rolle des Storchs als Kinderbringer erklären? Ist es nur eine bequeme Ausrede auf unbequeme Kinderfragen? Die Sache geht tiefer! Massgebend ist einmal das grosse Nest, das mühelos als Kinderwiege gesehen werden kann, aber auch das Erlebnis der leicht zu beobachtenden elterlichen Fürsorge wird für die Durchsetzung der abergläubischen Gleichung Kindersegen = Storchensegen gesorgt haben. 
Wie dem auch sei: Selbst im Zeitalter der Pille steht der Storch als Kinderbringer noch immer in der Pflicht: «Geburtsanzeigestörche», wie wir sie immer wieder an und vor Häusern neugeborener Kinder in reicher Bastel-Präsenz antreffen, beweisen es.

 

Text: René Salathé