Das neue Gesicht des Stöcklin-Areals

Das neue Gesicht des Stöcklin-Areals. Visualisierung: E2A Architects
 

Die Birsstadt zwischen Vision und Realität

Das gemeinsame Raumkonzept skizziert erstmals konkret die künftigen Planungsschritte der Birsstadt. Darin bleibt auch noch Platz für Visionen, wie sie etwa das ETH Studio Basel skizziert. 

 

Bis 2035 soll die Birsstadt um 12000 Einwohner wachsen. Die Birsstadt soll also um die Grösse von Münchenstein wachsen, aber ohne sich dabei auszudehnen. Das bedingt eine durchdachte Planung. Zu diesem Zweck hat die Regionalplanungsgruppe Birs­stadt, zu der sich die sieben involvierten Gemeinden zusammengeschlossen haben, im März ein gemeinsames Raumkonzept ausgearbeitet. Erstmals einigten sich von Birsfelden bis Pfeffingen alle Gemeinden auf eine gemeinsame Entwicklungsvision für ihren gemeinsamen Siedlungsraum und sie wollen sich den Herausforderungen, die sich daraus ergeben, gemeinsam stellen. So ist darin die Siedlungsentwicklung abgestimmt. Die wesentlichen Umnutzungen grösserer Industrieareale, die nicht mehr gebraucht und frei werden, sind darin umrissen, genauso wie die wichtigsten Zielset­zungen zur Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur.

Sechs Leitsätze

Die übergeordneten Grundsätze haben die sieben Gemeinden in sechs Leitsätzen festgehalten, die später in die spezifischen Teilstrategien übersetzt werden können. Darin werden die Bewahrung der Vielfalt, aber auch das Wachstum, das auch eine Beschäf­tigungszunahme von bis zu 10000 Arbeits­plätzen in der Birsstadt vorsieht, festgehalten. Die Siedlungsentwicklung soll primär nach innen erfolgen, die Ortszentren aufgewertet und der Siedlungsraum nur optio­nal erweitert werden. Das Rückgrat dieser Entwicklung sind die Tram- und Bahnkor­ridore. Allerdings müsse die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut werden. Als zentrales Erholungsgebiet fungiert der Birsraum. Zu guter Letzt wird die überkommunale Zusammenarbeit erwähnt, die über planerische Aspekte hinausgehen soll. Ziel sei 
eine eigenständige, professionelle Organisationsform, welche diese Zusammenarbeit koordiniert.

Das Thema interessiert die Bevölkerung. Im Rahmen der Mitwirkung zum Raumkonzept Birsstadt gingen zahlreiche Eingaben aus der Bevölkerung ein. Deren Auswertung war zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses noch im Gang und die Ergebnisse deshalb noch nicht öffentlich. «Zusammenfassend stelle ich aber fest, dass das Raumkonzept auf gutes Echo gestossen ist», verrät Rei­nachs Gemeindepräsident Urs Hintermann. Am meisten beschäftigen offenbar die The­menkomplexe Verkehr und Infrastruktur sowie das Projekt Birspark. Dabei werden auch die Konfliktpotentiale der Planung offenbar. «Unsere Haltung, es brauche neben einer Förderung des öV auch punktuell einen Ausbau des motorisierten Individualverkehrs (MIV), wird nicht von allen geteilt», so Hintermann. Anlass zu Kritik gibt auch das Thema Landschaft, das im Raumkonzept nicht sehr fundiert abgehandelt wird. «Das hat bei einigen Leuten den falschen Eindruck erweckt, wir würden den Schutz der Birs und der dortigen Naturschutzgebiete nicht hoch gewichten», erklärt er. Das Gegenteil ist der Fall. Parallel wird bereits seit Jahren am Konzept Birs­park gearbeitet, das auch für die Internatio­nale Bauausstellung IBA Basel 2020 nominiert wurde. Im Rahmen des Raumkonzepts wird deshalb nur sichergestellt, dass es darin keine Widersprüche zu diesem Projekt gibt. 

 

Satellitenbild des Birsstadt-Raumes. Die gelben Pfeile weisen auf Münchenstein, Reinach und Arlesheim.

Satellitenbild des Birsstadt-Raumes. Die gelben Pfeile weisen auf Münchenstein, Reinach und Arlesheim. Bild: Google Earth Pro

 

Auf dem Stöcklin-Areal wird die Birsstadt konkret

Der Birspark ist das erste Birsstadt-Projekt. Über Landschaft zu reden mache niemandem weh, sagte der Raumplaner Hans-Georg Bächthold, einer der geistigen Väter der Birsstadt. Das half Brücken zu bauen zwischen den Gemeinden, die interkommu­nale Zusammenarbeit zu entwickeln und das gemeinsame Bewusstsein für die Relevanz der Birsstadt zu etablieren. An der Ortsgren­ze von Reinach zu Aesch wird nun das erste Birsstadt-Projekt konkret, das beweist, dass die Kooperation zwischen den Birstal-Gemeinden auch bei komplexen Planungen funktioniert. Das Stöcklin-Areal wird in den kommenden Jahren umgenutzt werden. Eine moderne, urbane Mischnutzung mit 270 Wohnungen, Dienstleistungs- und Gewerbeflächen soll hier entstehen, wenn die Stöcklin AG ihre Produktion vom Areal abgezügelt hat. Modellhaft am Projekt ist auch, dass es grundlegende Fragen zur Verkehrsinfrastruktur aufwirft. Die Ach­se Dornachbrugg-Reinach ist chronisch überlastet. Das Problem ist laut Hintermann der Transitverkehr aus dem Leimental, der Erhebungen zufolge 70 Prozent des Verkehrsaufkommens ausmacht. Entlastung soll ein neuer H18-Anschluss südlich des Gebiets Kägen bringen, auf den der Transitverkehr kanalisiert werden könnte. Der Ausbau des Strassennetzes alleine reicht aber nicht, um die Stauproblematik nachhaltig zu entschärfen. Es befeuert auch die Planung ­einer neuen öV-Verbindung vom Bahnhof Dornach-Arlesheim in die Gewerbezone Kägen. Die Rede ist nicht von einem Bus, sondern von einer Tramverbindung. Die über 5000 Arbeitnehmenden im Gewer­begebiet profitieren heute praktisch überhaupt nicht vom Verkehrsknoten Dornach-Arlesheim. Die Tramquerung wurde bereits in der MARDA-Verkehrsstudie 2012 thematisiert.

Die Ringstadt um den «Central Park»

Das ETH Studio Basel geht in seiner Birsstadt-Studie sogar noch weiter und wirft die Idee einer Ringbahn auf, die das Siedlungsgebiet rund um den zentralen Birs­park umschliesst. Die Autoren der Studie sind davon ausgegangen, dass die Birsstadt auch eine räumliche Einheit sein sollte. Davon ist sie heute noch weit entfernt. «Die Verbindung zum grünen Kern oder zur gegenüberliegenden Seite war in den meisten Fällen inadäquat oder fehlte komplett», heisst es in der Analyse. An vielen Stellen hätten sich die Studenten auf ihrem Rundgang isoliert und verloren gefühlt. Die Autoren konkludieren «viel Transformationspotential». Grosse Lücken wie die Brache zwischen Heiligholz und Reinacherhof sollten mit Siedlung gefüllt werden, andererseits sollten entlang des östlichen Birsufers Industrieareale geöffnet werden. Mit dem Setzen verschiedener solcher Akzente verfolgen die Architekten am ETH Studio Basel das Ziel, eine schlüssigere Siedlungsstruktur zu erhalten und die Bezüge zum Grünraum, also die Querverbindungen zu akzen­tuieren. Letzteres etwa, indem einzelne Achsen zu Boulevards mit Baumalleen umgestaltet werden.

 

Industrieareale, die öffentlich genutzt werden.

Industrieareale, die öffentlich genutzt werden. Visualisierung: ETH Studio Basel

 

Der Grünraum selbst, vom ETH Studio immer wieder «Central Park» genannt, muss durchgängiger werden. Es gebe Gebiete, wo es schwierig ist, den Grünraum zu durch­queren, ohne ihn zu verlassen, wird moniert. Zäune und Mauern von Industrieanlagen stören das Grünraum-Erlebnis und fragmentieren den Park. Die voranschreitende De-Industrialisierung birgt das Potential, diese abgeschlossenen und undurchlässigen Industrieareale zu öffnen und umzunutzen. Die industriellen Gebäude könnten als Container für Freizeit-Aktivitäten entlang des Parks funktionieren. Hallen können geöffnet werden, die Flächen für Basketballfelder, Spielplätze, Skate-Anlagen oder kulturelle Zwecke genutzt werden, die ganz­jährig und wetterunabhängig zur Verfügung stehen. Gewissermassen die Reprogrammierung der Produktion in diesen Anlagen weg vom Material, hin zur Freizeit. Diese Reprogrammierung soll an fünf Orten entlang der Birs stattfinden, fordert die ETH-Studie: In der Arlesheimer Schoren, auf dem ehemaligen ABB-Areal, in Dornach entlang der Weidenstrasse in den grossen Lagerhallen nördlich der Swissmetal, auf deren Areal selbst und entlang der Aescher Industriestrasse, wo heute Logistikbetriebe grosse La­gerflächen beanspruchen. Diese als Freizeitanlagen gedachten postindustriellen Flä­chen sollen durch die Bou­levards eine klare Verbindung zwischen Siedlungs- und Erholungsgebiet schaffen. So würde die Birsstadt zur Ringstadt um einen zentralen Park, der zum verbindenden Element wird. «Durch die Stärkung des Parks mit punktuellen Attraktionen würde eine einheitliche Situation geschaffen werden», heisst es in der Studie. Durch die Schliessung der Lücken im Siedlungsgürtel würden die Grenzen zwischen den Kommunen aufgehoben und eine vereinte Stadt wachsen, die «all about the green» sein wird.

 

Das Raumkonzept Birsstadt

Das Raumkonzept Birsstadt. Grafik: typo.d AG

 

Ein Blick über den Tellerrand

Inwieweit die Vorschläge des ETH Studios Basel tatsächlich in die Planung der Birsstadt einfliessen werden, ist offen. Überhaupt ist die Planung auf regionaler, gemeindeübergreifender Ebene die Knack­nuss in der Birsstadt. Das stark zentralisierte Planungswesen im Kanton Baselland bietet den Birstalgemeinden noch kein rechtsverbindliches Instrument für Projekte, die über die Gemeindegrenzen hinausgehen. Andere Re­gionen in der Schweiz sind diesbezüglich schon weiter. Im Gemeindeverband Luzern­Plus sind neben der Stadt Luzern 24 Vororts­gemeinden zusammengeschlossen, die sich bereits über verbindliche Teilrichtpläne geeinigt haben. Die Gebiete Ost, Nord und Süd werden von je einem Gebietsmanager verwaltet. Der Gebietsmanager ist Ansprechpartner für alle relevanten Vorhaben in seinem Gebiet und Bindeglied zwischen Eigentümern, Standort-interessierten Unternehmen und Investoren, sowie den angeschlossenen Gemeinden. In dieser Funktion koordiniert er die Entwicklung des Gebiets. LuzernPlus ist bereits seit mehreren Jahren in einer Geschäftsstelle organisiert, in der verschiedene Ressorts angesiedelt sind, die wiederum eine Schnittstelle zur Politik und zur kantonalen Verwaltung bilden. Im Kanton Zürich konkretisiert sich derweil die Glattalstadt, die auf konzeptueller Ebene, gleich wie die Birsstadt, 2007 initiiert wurde. Aus den gleichen Gründen: ausgefranste Siedlungen, unkoordinierte Kommunalplanungen und eine zunehmend überlastete Infrastruktur. Auch dort existie­ren bereits eine Regionalplanung und ein regionales Raumordnungskonzept. Von diesen Planungen andernorts in der Schweiz, die ähnliche Ziele wie die Birsstadt verfolgen, könnte der Kanton Baselland lernen und praxiserprobte, funktionierende Instru­mente für die Regionalplanung übernehmen. Der Blick über den Tellerrand lohnt sich.

 

Text: Lukas Hausendorf