Charlotte Heinimann, Foto Christian Jaeggi

Charlotte Heinimann auf dem Margarethenhügel, einem ihrer Lieblingsorte in Basel.

«Es war für mich ein unerreichbarer Ort»

Die Schauspielerin und Sängerin Charlotte Heinimann führt das BirsMagazin an ihren liebsten Ort. Mitten in Basel und doch weg von der Stadt zeigt sie einen ihrer ersten Arbeitsorte, spricht über das witzigste Vorstellungsgespräch ihres Lebens und verrät, in welcher Situation sie unausstehlich werden kann.

Zuerst sieht man nur die Schuhe. In leuchtend gelben Gummistiefeln betritt Charlotte Heinimann das Beizli des Tennisclubs im Gundeli. Mit dem Velo ist sie hierher gefahren, zum «Basler Lawn Tennis Club», kurz BLTC, wo sie im Sommer bis zu dreimal wöchentlich trainiert. Sie hat versprochen, an diesem grauen Regentag etwas Farbe mitzubringen. «Und wenn ich etwas sage, dann ist es auch so.» Sie sei ohnehin nicht der dunkle Kleidungstyp. Darum musste sie die Schuhe unbedingt kaufen, als sie diese bei einer Freundin im Laden stehen sah. Angezogen werden sie, wann immer es das Wet­ter zulässt, zum Arbeiten oder Einkaufen. Oder zu verregneten Interviewterminen. 

 

Die Gummistiefel von Charlotte Heinimann


Dies ist Charlotte Heinimanns Lieblingsort. Schon als Kind war sie in dieser Gegend, entweder auf der Kunschti oder zum Spazieren auf dem Margarethenhügel. «Stets sah ich diesen Tennisclub – ein für mich unerreichbarer Ort. Und jetzt bin ich hier Mitglied», sagt sie, richtet sich auf und lacht stolz. «Wir sind fünf Frauen, die zusammen in einer Interclub-Mannschaft spielen und wir spielen nur in der dritten Liga.» Aber wegen des gemeinsamen Trainings sei diese Mitgliedschaft für sie so kostbar.

 

Charlotte Heinimann


Als der Regen kurz Pause macht, steigen wir auf den Margarethenhügel. Man denke für Spaziergänge ja immer zuerst an die ­Ermitage in Arlesheim oder an den Rhein, so die Schauspielerin. Aber hier oben, direkt neben der Margarethen-Kirche, ist der Ausblick auf die Stadt traumhaft. «Und da!», ruft sie plötzlich, während sie mit ausgestrecktem Arm auf einen Kindergarten zeigt, «da habe ich während der Ausbildung unterrichtet.» Schon immer war ihr aber klar, dass sie die Ausbildung zur Kindergärtnerin nur macht, «um etwas Anstän­diges zu lernen». Ihre Leidenschaft war das Singen und Schauspielern. Also hängte sie vor rund 35 Jahren nach nur zwei Jahren den sicheren Beruf der Kindergärtnerin an den Nagel und stürzte sich ins Abenteuer.

 

Charlotte Heinimann auf dem Margarethen-Hügel


 

«Ich habe es nicht weit geschafft»

Für ihren beruflichen Lebenslauf benötigt sie zwei A4-Seiten, aber nur, wenn sie ihn kürzt. Das Dokument beginnt mit der Schauspiel-Ausbildung 1979 im «Studio für Musik und Theater in Basel» und endet 2016 mit der Fernsehserie «Im Heimatland», dazwischen tauchen bekannte Produktionen auf wie «Kommissär Hunkeler», «Heidi-Musical» oder «Besuch der alten Dame». Trotz Engagements in Zürich und einer weiteren Ausbildung in Berlin, kam Charlotte Heinimann aber immer wieder zurück nach Basel, vor allem ihrer Freunde wegen. Heute wohnt sie nur einen Steinwurf vom Oekolampad entfernt, wo sie ihre Kindheit verbracht hat. Sie grinst: «Ich habe es wirklich nicht weit geschafft.»

 

Charlotte Heinimann und Sarah Ganzmann

 

Beruflich sieht dies anders aus. Mehrmals wöchentlich wird sie auf der Strasse als Schauspielerin erkannt, zuletzt im Allgäu. Grund dafür war die neue TV-Serie «Im ­Heimatland», welche die damaligen «Café Bâle»-Schauspielerinnen und Schauspieler wieder vereint: Rinalda Caduff, Dominique Lendi, Charlotte Heinimann und Roland Herrmann spielen die vier Bewohner einer Basler Wohngemeinschaft. Alle Folgen der elfteiligen Serie sind bereits abgedreht – ob eine weitere Staffel folgt, hängt von den Zuschauerquoten ab. Zu sehen ist «Im Heimatland» auf TeleZüri, TeleBärn, Tele M1 und TV24 oder upc cablecom – Telebasel war die Produktion zu teuer. 

Aktuell macht Charlotte Heinimann in Sachen Theater Pause. Erst ab August beginnen ihre neuen Engagements in Winterthur, Zürich und Basel. Auch für das nächste Vorfasnachtsprogramm wird sie wieder auf der Fauteuil-Bühne stehen. Weil sie derzeit so viel Zeit hat, und sich selbst in gewissen Dingen als eher pingelig bezeichnet, sammelt sie als Korrektorin bei einer Tageszeitung andere Erfahrungen. «Mich springen Rechtschreibfehler quasi an, das ist ganz schlimm. Deshalb sagte ich aus Spass, dass ich eigentlich Korrektorin sein sollte.» Das hat sich herumgesprochen und sie wurde tatsächlich angefragt. Nach dem ersten kleinen Schock – «reklamieren ist das eine, aber seriös korrigieren das andere» – ging sie sich vorstellen. Sie erlebte das witzigste Bewerbungsgespräch ihres Lebens. «Die beiden Gesprächspartnerinnen kannten mich nicht und wollten wissen, was ich denn bisher gemacht habe.» Ihre Antwort: «In dieser Beziehung nichts.» Erstaunen. Aber Charlotte Heinimann durfte sich dann doch in einem Test beweisen, bestand und merzt nun Fehler aus. «Ich liebe diesen Job, er ist ein bisschen wie ein Computerspiel.»

Das liebenswerte Fräulein Rottenmeier

Noch etwas liebt die Baslerin: das Singen. Ursprünglich träumte sie von einer Karriere als Opernsängerin. Aber sie merkte, dass es vor allem das Dramatische ist, das sie fas­ziniert. So beschloss sie, das eine mit dem anderen zu verbinden. Nebst Chanson-Abenden stand sie daher auch schon für Musicals auf der Bühne, zum Beispiel als Fräulein Rottenmeier in «Heidi». Es war ihre erste Produktion für Kinder – und sie hatte Bammel davor. «Keine Ahnung warum, irgendwie dachte ich, ich könnte Kinder nicht unterhalten. Aber da ich das Fräulein Rottenmeier immer schon super fand, auch als Kind, wollte ich diese Rolle unbedingt spielen.» Nie habe sie die Hausdame als böse empfunden. Um auch bei den kleinen Zuschauern Sympathie für Fräulein Rottenmeier zu wecken, wurden Lacher eingebaut (zum Beispiel waren plötzlich die langen Unterhosen des Fräuleins zu sehen) und in der Pause tadelte das strenge, aber liebenswürdige Fräulein Rottenmeier die Eltern. Die Kinder liebten es. Die Schau­spielerin hat selber keine Kinder. Aber das Nachbarsmädchen kommt sie immer wieder besuchen und mit ihren beiden Gottemeitli (Paula acht Jahre und Sarah 28 Jahre), geniesst sie die Zeit unter anderem im Zolli oder Kino.

Angesprochen auf das 50-Jahre-Jubiläum des Frauenstimmrechts in Basel, erinnert sich Charlotte Heinimann an ihre eigene Kindheit: An jedem Abstimmungssonntag begleitete sie ihren Grossvater ins Wahl­lokal. «Das war für mich immer sehr auf­regend.» Erst als sie zehn Jahre alt war, durften auch Frauen abstimmen. «Erst da merkte ich, dass das den Frauen bis anhin ja verboten war.» Als jemand, der geradeheraus sagt, was er denkt, wäre dieser ­Zustand heute für Charlotte Heinimann undenkbar.
Kurz nach elf Uhr spazieren wir den begrünten Margarethenhügel wieder hinunter, queren einen Wanderweg und kehren ins Tennis-Beizli zurück. Der Regen hat seine Pause beendet. Dass Charlotte Heinimann gerade jetzt wieder aufs Velo steigen muss, scheint sie nicht zu stören. Sie montiert ihren roten Velohelm, wirft die regensichere Velotasche über die Schulter und tritt mit ihren Gummistiefeln kräftig in die Pedale.

 

www. charlotteheinimann.ch

Text: Sarah Ganzmann, Fotos: Christian Jaeggi