Marktfrauen auf dem Heimweg, Indochina 1952. Foto: ©Werner Bischof / Magnum Photos

Marktfrauen auf dem Heimweg, Indochina 1952    Foto: ©Werner Bischof / Magnum Photos

Licht und Schatten

Werner Bischof gilt zu Recht als einer der bedeutenden Schweizer Fotografen des letzten Jahrhunderts. Sein 100. Geburtstag ist der äussere Anlass für Ausstellungen an verschiedenen Orten der Schweiz, die sein fotografisches Schaffen und Werk präsentieren, so auch hier in der Region: vom 3. September bis 13. November 2016 in der Klinik Arlesheim. 

 

Maler hatte er werden wollen, der 1916 geborene Werner Bischof. Doch da in der graphischen Klasse kein Platz war, kam er in die neu gegründete Photoklasse der Zürcher Kunstgewerbeschule. Dieser «Zufall» bescherte der Welt einen herausragenden Fotografen, der als Klassiker der Schwarzweissfotografie bekannt wurde. 

«Ich suche nach dem Schönen»

Sein besonderes Markenzeichen sind die faszinierenden Kompositionen aus Licht und Schatten, die er zunächst vor allem in der Studiofotografie anwendet. Während rings um die Schweiz der Zweite Weltkrieg tobt, konzentriert er sich auf die Studiofotografie. Es entstehen Bilder, Stillleben und sachfotografische Experimente von bezaubernder Schönheit. Seine Motive setzt er kunstvoll ins Licht.
Als er sich nach dem Krieg auf den Weg durch das verwüstete Europa macht, wird ihm deutlich: Es kommt nicht darauf an, aus der Fotografie wie im alten Sinne eine Kunst zu machen, sondern auf die tiefe so­ziale Verantwortung des Fotografen, der mit den gegebenen elementaren fotogra­fischen Mitteln eine Arbeit leistet, die mit anderen Mitteln nicht zu leisten wäre. Diese Arbeit muss das unverfälschte Dokument der zeitlichen Realität werden. In diesem Sinn schafft er Bilder aus einer humanitären Haltung der sozialen Solidarität gegenüber den Leidenden, Rechtlosen; Bilder, die zwar bittere Armut und tiefes Leid zeigen, doch auch Dokumente einer inneren Kraft und Willensstärke der abgebildeten Menschen sind. Politische Dokumentationen liegen ihm absolut nicht, aber er will das soziale Leben zeigen, die Not, den Aufbau nach dem Krieg und wie viel menschlich Schönes auch in der grössten Not vorhanden ist.

Der Mensch ist das zentrale Thema seines Werkes

In der Frühzeit des Fotojournalismus ver­öffentlicht Werner Bischof seine Bilder in den wichtigsten Zeitschriften der westlichen Welt. Die verschiedenen Ausgaben der Kulturzeitschrift «Du», an denen er mitarbeitet, machen auf den jungen Fotografen aufmerksam. Seine 1951 im «Life» publizierte Bildreportage über den Hunger in Indien macht ihn international bekannt. Er wird erstes Mitglied der legendären Fotografengruppe «Magnum Photos». Der Instinkt für den richtigen Augenblick, die perfekten Kompositionen, der Sinn für Szenerien abseits des Naheliegenden machen Werner Bischofs Bilder zu eindrücklichen Dokumen­ten, die den Betrachter auch noch nach Jahrzehnten in ihren Bann ziehen. Das Gesicht der leidenden Menschen wurde zum Mittelpunkt, notiert er in sein Tagebuch. 
Während seiner Arbeit in den Kriegsge­bieten von Korea und Indochina 1951/52 beginnt er am Fotojournalismus zu zweifeln. Die Oberflächlichkeit und Sensationslust des Redaktionsgeschäftes stossen ihn rasch ab, er sieht sich nicht als Reporter, 
der Action und Sensationen in die Medien bringt. Er ist und bleibt Zeit seines Lebens Künstler. 

 

Knabe in Pusan, Korea 1952 ©Werner Bischof / Magnum Photos

Knabe in Pusan, Korea 1952. Foto: ©Werner Bischof / Magnum Photos


Trotz der äusseren Umstände werden in seinen Aufnahmen immer die Liebe zum Menschen und die Liebe zur Sache sichtbar. Ästhetisches Gefühl, elementare Formkraft und humanes Engagement verbinden sich bei ihm zu einer inneren Einheit. Werner Bischof setzt in den wenigen Jahren seiner Tätigkeit neue Massstäbe für Qualität und Ethik in der Fotografie, wie er selbst schreibt: Es trieb mich hinaus, das wahre Gesicht der Welt kennenzulernen. Unser gutes, ge­sät­tig­tes Leben nahm vielen den Blick für die unge­heure Not ausserhalb unserer Grenzen.
Nach Arbeiten in New York und verschiedenen Staaten Südamerikas bereist er Peru, er ist fasziniert von der Inkakultur und der Magie, zu der die Menschen, Tiere, Kultstätten und Natur hier verschmelzen. Viel zu früh kommt er bei einem Autounfall in den Anden 1954 ums Leben.


Text: Verena Jäschke