Lesebändchen. Foto: iStock.com

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Lob des Lesebändchens

Ohne geht eigentlich nicht. Es fehlt das Entscheidende. Eine Katze ohne Schwanz. Eine Suppe ohne Salz. Ein Velo ohne Klingel. Oder ganz persönlich: ein Mann ohne Schnauz. Man kann sagen: eine Amputation. Das Buch ohne Lesebändchen.

 

Mit dem Einzug des Taschenbuches in den 1960er-Jahren hat alles angefangen. Kosten­minimierung. Kein richtiger Einband mehr. Ein plastifizierter Karton musste genügen. Und gleichzeitig kamen alle Verleger auf die Idee, auch das Lesebändchen einzusparen. Wahrscheinlich ohne den Besitzer, das Buch, zu fragen, ob es mit diesem Verlust einverstanden sei und auch ohne weiterleben könne. Der Buchinhalt allein sollte den Ansprüchen der Leserschaft genügen. Eine Anforderung – nebenbei bemerkt –, bei der nach meiner leidigen Erfahrung etliche Bücher, ob mit oder ohne Bändchen, kapitulieren müssten ...
Ein Buch ist ein Lebewesen. Wie sonst könn­te man es als Freund bezeichnen? Ob es ihm gefällt, anstelle des Lesestopps durch das weich-anschmiegsame Lesebändchen mit einer MIGROS-Einkaufsquittung voll nichtssagenden Beträgen oder mit einem textlich unverständlichen Ausriss aus der Basler Zeitung oder einem sperrigen, kalt-glänzenden Cailler-Schokoladenpapier­chen vorlieb nehmen zu müssen? Ich glaube nicht.
Ich bin sogar überzeugt, dass das Buch seinen Widerwillen dergestalt äussert, dass es diese Fremdkörper selbsttätig ausstösst. Die Leserin oder der Leser ist dann beim ­Feststellen des Verlustes seines grobschlächtigen Eingriffs ins Buchinnenleben der irrigen Meinung, sein Zettelchen oder Fötzel­chen sei einfach herausgefallen.
Mitnichten! Das Buch hat es abgestossen, so wie die Katze den lästigen, haarigen Grasklumpen herauswürgt ...
Ich höre Ihren Einwand: Aber es gibt doch als Ersatz diese beim Buchkauf schon eingelegten, praktischen, schmalen Karton­streifen. Ich bitte Sie! Diese sind eine Frechheit gegenüber dem Buch, handelt es sich doch zumeist um aufdringlich grell bedruck­te Werbeträger für andere Bücher des Verlags. Das ist wie Fremdgehen. Stellen Sie sich das doch einmal vor: Das Buch, das Sie soeben mit Absicht und Wissen gekauft haben, wirbt in seinem Innern für ein anderes Buch! Wie wenn es sagen wollte, ich bin ein Nichts, kaufen Sie bitte sofort das andere Buch! Das ist eine frevelhafte Zumutung.
Heutzutage ist das Lesebändchen ja fast ausgestorben. Ein echter Exote in der Buchbranche. Selbst richtige Bücher mit festem Einband, Titelprägung und Schutzumschlag haben nur noch selten diese buntfarbigen, geschmeidigen, neckisch-verführerisch herausguckenden Bändchen. Um dieser vernachlässigten Büchergattung zur verdienten Aufmerksamkeit zu verhelfen, plädiere ich dafür, dass in den Buchhandlungen neben den Abteilungen Wissen, Humor,  Kunst, Sexua­lität, Politik, Natur, Geschichte, Hobby, Region, Sport, Lyrik, Tiere, Biografie, Wein, Velo, Essen, Alter, Kinder, Garten, Esoterik, Gesundheit, Pubertät, Handwerk, Reisen auch eine Abteilung mit der Affiche Lesebändchen eingerichtet wird. Für echte Lieb­haberinnen und Liebhaber.
Das würde dem Lesebändchenbuch, den Bücherwürmern und mir gut gefallen.


Text: Fredy Heller