Edith Seiberth, 1970

Edith Seiberth, 1970

«Wir erledigen mindestens die Hälfte der Arbeit, also wollen wir auch mitreden»

Meine Mutter hat mir erzählt, wie es damals war, als im Kanton Baselland das Frauenstimmrecht eingeführt wurde.

 

Auch als die Frauen noch nicht stimmen und wählen durften, ging ich immer mit ins Wahllokal. Dein Vater warf seine Stimm- und Wahlzettel ein und ich begrüsste die Herren, die hinter den Urnen sassen. Die Abstimmungen waren damals soziale Ereignisse, alle trafen sich dort im Domplatzschulhaus, auch viele Frauen. Sie regten sich nicht auf, dass sie nicht mitbestimmen konnten. Das war lange kein Thema, bis solche wie ich kamen.
Aber viele Frauen diskutierten natürlich die Wahlen und die Abstimmungen im Vorfeld zuhause mit ihren Männern. Ich war schon vor der Einführung des Frauenstimmrechts Mitglied der Freisinnig-Demokratischen Par­tei (FDP). Einmal – es war 1967 – hielt ich an einer Parteiversammlung der Arlesheimer Sektion einen Vortrag über das Frauenstimmrecht. Ich erhielt einen warmen Applaus. Nur dein Vater schaute ziemlich kritisch. 

Es war an der Zeit

Viele Politiker erkannten damals, dass es Zeit war für das Frauenstimmrecht. In der Stadt durften die Frauen ja schon seit 1966 stimmen. Und nach meinem Vortrag im Ochsen rief mich Heinrich Alioth an, der freisinnige Fraktionschef im Landrat. Er fragte mich, ob ich politisch mitarbeiten wolle, im Hinblick auf die bevorstehenden Abstimmungen über das Frauenstimmrecht (im Kanton Baselland 1968, eidgenössisch: 1971). Er wollte, dass ich in der kantonalen Geschäftsleitung der FDP mitmache. «Gerne», sagte ich, «aber ich habe ja keine Erfahrung». «Machen Sie sich keine Sorgen», sagte Herr Alioth, «dert sin alles alti Fix» (dort sind alles alte Füchse), «die zeigen Ihnen dann schon, wie es geht.»

 

Prospekt der FDP, ca. 1970

Prospekt der FDP, ca. 1970

 

Im ganzen Kanton wurden Vorträge organisiert und ich erklärte, weshalb es jetzt nötig sei, dass die Frauen mitbestimmen können. Wir Frauen wirkten in der Familie, in der Wirtschaft und in der Gesellschaft mit. Wir erledigten mindestens die Hälfte der Arbeit, also wollten wir auch mitreden. Bei den meisten Auftritten kam Werner Jauslin mit, der Ständerat. Er war natürlich das Zugpferd. Er unterstützte mich nach Kräften und ergänzte meine Ausführungen. Du wirst es nicht glauben, aber bei all diesen Auftritten war nie eine einzige Frau im Publikum, immer nur Männer. Sie machten alle freundliche Gesichter und einige machten wohl die Faust im Sack. 

Es gab auch Widerstand

Die Gegner argumentierten, die Frau ge­höre in die Familie und hinter den Herd. Es gab Leute, die den Frauen das Politisieren einfach nicht zutrauten. Einmal verschickte ich eine Einladung an mir bekannte Frauen aus allen Parteien und da rief mich ein Mann an und erklärte mir, er verbiete seiner Frau, an diese Veranstaltung zu gehen. Auch in Frauenkreisen wurde das Thema kontrovers diskutiert. Ich bin, ehrlich gesagt, gar nicht sicher, ob die Frauen Ja gesagt hätten, wenn sie über die Frage abgestimmt hätten.

Viele machten merkwürdigerweise eine Pa­rallele zum Autofahren. Sie sagten: Frauen können nicht richtig Auto fahren und folglich auch nicht richtig politisieren. Wenn ich allerdings zu den Geschäftsleitungssitzungen nach Liestal fuhr, dann musste ich immer Herrn Alioth und einen Herrn aus Münchenstein mitnehmen. Beide fuhren nicht Auto. Diese beiden Herren getrauten sich in mein Auto und sie trauten mir auch das Stimmen und Wählen zu. 1968 stimmten die Männer für das Frauenstimmrecht im Kanton Baselland und 1971 für das Frauenstimmrecht auf Bundesebene.

Mein Ehrgeiz war beschränkt

Einmal, als ich an einer Geschäftsleitungssitzung in Liestal war, empfing deine jünge­re Schwester Gäste an der Türe und sagte: «S Mammi isch bim Bundesrot.» – Soweit ging aber mein Ehrgeiz nicht. Der Präsident der Arlesheimer Sektion, Robert Piller, war damals Redaktor bei den Basler Nachrichten. Er machte ein Interview mit mir und es erschien ein grosser Artikel mit Foto. Darauf erhielt ich viele Reaktionen, positive und negative. Eine Reaktion fand ich besonders interessant, ein Mann schrieb mir: «Auch Männer brauchen Befreiung.»

Die Geschäftsleitung wollte mich auf die Liste für die Nationalratswahlen 1971 setzen. Die Herren bearbeiteten mich sehr intensiv und liessen nicht locker. Es müsse jetzt unbedingt eine Frau auf die Liste und ich solle mir keine Sorgen machen, ich würde sowieso nicht gewählt. Ich wollte aber nicht. Ich sagte, ich hätte zu wenig Erfahrung und sei zu wenig belastbar. Und ich dachte mir: Wenn ich in ein Rennen steige, dann will ich auch eine reelle Chance auf einen Sieg haben. Die Rolle als Stimmenfängerin für die männlichen Kandidaten behagte mir nicht. Ich verliess dann die Geschäftsleitung, blieb aber in der Partei und habe seither keine Abstimmung verpasst.

 

Erzählt von Edith Seiberth, aufgezeichnet von Jürg Seiberth