Walzwerk: Artefakt und Ort des Wandels

Artefakt und Ort des Wandels

Ein neues Buch zeichnet die Transformation des Walzwerk-Areals nach: Es bietet einen spannenden Blick in ein Stück Schweizer Industriegeschichte und einen skeptischen Blick in die Zukunft.

 

Am 8. September 1999 war Schluss und die Aluminium Münchenstein Geschichte. Ein Opfer des Strukturwandels hin zum postindustriellen Zeitalter. Die Industriebrache ist unter dem Namen Walzwerk längst zu neuem Leben erwacht. Das Areal ist heute ein buntes Biotop, in dem Handwerk-, Kultur- und Dienstleistungsbetriebe Wurzeln schlagen konnten. Gleichzeitig ist auch die Vergangenheit noch immer gegenwärtig und ein optisch prägendes Element geblieben. Der Basler Historiker Tilo Richter hat die Entwicklung des Areals im Buch «Walzwerk Münchenstein – Ein Aluminiumwerk im Wandel» facettenreich nachgezeichnet. Er beginnt ganz am Anfang im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, als im Birs- und Laufental die Industrie Einzug hielt. Dann, 1895, waren die Dornacher Metallwerke ein wichtiger Arbeitgeber, der mehr als 800 Menschen beschäftigte. Als 1897 die Elektra Birseck-Münchenstein gegründet wurde, entstand damit für das Dorf ein gewich­tiger Standortvorteil – neben der bereits bestehenden Bahnstrecke der Jura-Simplon-Bahn. Überzeugende Argumente für Giorgio Giulini, Patron des damals wich­tigs­ten europäischen Aluminium-Imperiums, hier 1918 ein Aluminium- und Presswerk an­zusiedeln. Seine Familie war bis zum Konkurs 1999 im Verwaltungsrat vertreten. Am Standort Münchenstein wurde Aluminium aus dem Hauptwerk in Martigny veredelt und die Fabrik diente Giulinis Konzern auch als Innovationslabor. Mehrere industriegeschichtliche Meilensteine der Aluminium-Materialforschung sind «made in München­stein». Das Werk florierte. In den 1960er-
Jah­ren wurden auch Arbeiter-Wohnhäuser am Süd­rand des Werksgeländes gebaut. Bis zu 600 Menschen waren hier beschäftigt. In den 1990er-Jahren schlug die Stimmung um. 1997 zählte das Werk nur noch 126 Angestellte.

Die Eigentümer im Hintergrund

Ähnliches spielte sich 1999 in Basel ab: Die Sulzer Burckhardt schliesst überraschend ihr Werk im Quartier Gundeldingen. Ein Jahr später erhielt die Kantensprung AG von Barbara Buser, Eric Honegger, Irene Wigger, Matthias Scheurer und Pascal Biedermann den Zuschlag, das Areal umzunutzen. Die Architektin Barbara Buser wurde damit zur Pionierin in der Neubelebung von Industrie­brachen in der Region. Ein Ruf, der ihr alsbald vorauseilte. 2004 erreichte sie die Anfrage des damaligen Konkursverwalters der Aluminium Münchenstein, Daniel Münger. In Richters Buch berichtet Buser ausführlich aus dieser Zeit. Zunächst war nicht klar, ob sie ihr Konzept in Münchenstein überhaupt würde verwirklichen können. Beim Verkauf des Areals kamen die Stiftungen, die mit ihr zusammenarbeiteten, nämlich gar nicht zum Zug. Die Liechtensteiner Sefer Foundation überbot alle und legte mehr als 11 Millionen Franken auf den Tisch. «Wir riefen die Verantwortlichen an und gratulierten ihnen», erzählt Buser. Und wir fragten auch gleich, ob Interesse an unseren Ideen bestünde. Das Interesse war da und nach einem Rundgang auf dem Areal stellte der Vertreter der Sefer Foundation den Mietern, die sich bereits in der Liegenschaft eingenistet hatten, Buser als neue Verantwortliche vor. 
Die Rolle der Stiftung, das wird im Buch klar, bleibt bis heute nebulös. Sie kaufte das Areal ohne inhaltliche Interessen. Vertreter liessen sich nur selten blicken. Selbst Buser wusste nicht genau, wer hinter der Stiftung steht, die ihr weitgehend freie Hand liess. Klar kommuniziert wurden nur die Renditevorstellungen. Buser spricht von «maximaler Freiheit», aber auch davon, dass ein Gegenüber gefehlt habe. 2014 wurde der Vertrag mit ihrer Firma Kantensprung Verwaltungen aufgelöst. Der Renditedruck hat seither eher zugenommen, wie man von verschiedenen Mietern hört. Buser wäre denn auch daran interessiert, das Areal zurückzukaufen.

 

Am 8. September 1999 war Schluss und die Aluminium Münchenstein Geschichte. Ein Opfer des Strukturwandels hin zum postindustriellen Zeitalter. Die Industriebrache ist unter dem Namen Walzwerk längst zu neuem Leben erwacht. Das Areal ist heute ein buntes B

 

Renditeziel stellt die Zukunft infrage

Der Kostendruck steigt derweil auf dem Walzwerk. Der Verein für Sozialpsychiatrie Baselland plant bereits den Wegzug nach Ablauf des Hauptvertrags in fünf Jahren. Eine weitere Mieterhöhung könne man sich nicht leisten, weil die Tarife für die Betreuungsplätze fixiert seien. «Es ist ein Stück meines Lebens. Hier habe ich alles hineingesteckt. Aber ich bleibe nicht um jeden Preis», sagt auch Joël Schneebeli, dessen Fahrbar sozialer Dreh- und Angelpunkt des Areals ist. Widerstände, auch das kristallisiert sich im Buch heraus, ge­hören zur Geschichte des Walzwerks. Nicht erst seit Technoparties nach der Jahrtausendwende erste Lärmklagen nach sich ­zogen. Verdankenswerter Weise wirft das Buch auch einen kritischen Blick auf die Gegenwart und Zukunft des Areals. Es lässt zahlreiche Protagonisten der Transforma­tion zu Wort kommen und dokumentiert mit zahlreichen Fotografien die Gegenwart und Vergangenheit des Walzwerks. ■
 

Text und Buchfoto: Lukas Hausendorf, restliche Fotos: zVg