Floss "Im Fluss" (Foto Samuel Bramley)

Das Publikum ist die Botschaft

Tino Krattigers Kulturfloss zählt zu Basels beliebtesten Sommerveranstaltungen. Dabei geht es dem Flosskapitän gar nicht so sehr um die Musik. Die Kultur ist vielmehr sein Vehikel zur Stadtentwicklung.

 

«Mecht i – oder mecht i nid – z’Basel an mym Rhy sy?» – Als Tino Krattiger 1997 eine schwimmende Theaterbühne vor das Klingental setzte, war der Rhein für die Basler noch ein Unort. «Der Rhein gehörte damals den Junkies», weiss Krattiger. Das störte den Theaterintendanten. Und als er seine Parkbühne nach zehn Jahren räumen musste, wurde ihm klar: Das Theater muss mitten in die Stadt und der Fluss ist eigentlich das Zentrum. Beim Klingental gab es schon eine grosse Treppe zum Fluss. «Da fehlt nur noch die Bühne», erkannte Krattiger. Nach drei Jahren Theater und Klassik auf dem Rhein erlitt sein erstes Floss aber Schiffbruch. Er flog quasi von der eigenen Bühne. Das Geld wurde gestrichen und Krattiger fand zu seiner neuen Rolle als Flusspirat. Das Floss kam wieder und lauter, mit Gitarren und Verstärkern. Der Ärger war vorprogrammiert.

 

Timo Krattiger. Bild Lukas Hausendorf

Timo Krattiger. Bild Lukas Hausendorf

 

Wem gehört der öffentliche Raum?

Wie kann der Rhein von der Bevölkerung zu­rückerobert werden? Krattiger macht sich oft, gerne und viel Gedanken über Stadtentwicklung. Als Architekt baut er Häuser um, als Theatermacher entwickelte er ein Gespür für die Inszenierung des öffentlichen Raums. Beim Floss verschmelzen die beiden Leidenschaften. So baute er seine Nische in die Basler Sommerabende. Täglich 60 Minuten Live-Musik im Fluss, gratis. «Ich wusste, das Angebot muss ganz niederschwellig sein.» Darum durfte das Floss auch kein abendfüllendes Programm sein. Man kommt, verweilt, hört zu und kann dann wieder weiterziehen. «Du musst dort­hin gehen, ohne in den Verdacht zu geraten, an einer kulturellen Veranstaltung zu sein», erklärt er. Ein Paradoxon, zumal das Floss mittlerweile seinen festen Platz im Basler Kulturkalender erobert hat. Dieser Widerspruch ist sinnbildlich für Tino Krat­tigers Wirken. Er wollte den öffentlichen Raum am Rhein neu inszenieren. Dazu brauch­te er möglichst viele Menschen. «Mu­sik war nur das Lockmittel», sagt er. Gleichzeitig wurde jeder Besucher zu einem Komplizen des Flosskapitäns, der die ersten vier Jahre mit superprovisorischen Verfügungen zu kämpfen hatte. Die feine Gesellschaft, die sich am Oberen Rheinweg und auf dem Münsterhügel eingenistet hat, duldete keinen Spass am Rhein. Das Floss entwerte gar ihre Liegenschaften. Doch mit jeder superprovisorischen Verfügung wuchs die Popularität der schwimmenden Konzertbühne. Die Leute hätten ja stets davon ausgehen müssen, dass es im nächsten Jahr kein Floss mehr geben würde, sagt Krattiger. Die Rebellion wuchs und obsiegte schliesslich vor Bundesgericht. Auf dem Weg durch die Instanzen wurde das Publikum selbst zur politischen Botschaft. «Ich stellte eine ganz banale Frage: Wem gehört der öffentliche Raum?» Das oberste Schweizer Gericht in Lausanne antwortete: «Allen.» Und teilte der Basler Regierung in seinem Urteil auch gleich noch mit, dass sie die Belebung des öffentlichen Raums sogar zu fördern habe. 
Man merkt, Krattiger hegt auch heute noch einen kleinen Groll auf die Magistraten und Verwaltungsbeamten, die sich nach wie vor gerne hinter Paragraphen verschanzen, im Sommer aber auch gerne mit dem Flosskapitän fotografiert werden wollen. Umgekehrt kann ihnen Krattiger für ihre Mutlosigkeit sogar dankbar sein. So wurde das Floss nie vereinnahmt und bleibt in seinem Charakter widerständig.

Ein Macher wird zum Politiker wider Willen

Weil das Floss zum Politikum wurde, wurde Krattiger zum Politiker. Von 2005 bis 2009 sass der heute 56-Jährige für die Sozialdemokraten im Grossen Rat. Nach einer Amts­zeit hatte er genug. Die vier Jahre im Kantonsparlament wirken aber bis heute nach. Die Öffnung des Kasernenhauptbaus zum Rhein hin ist auf seinem Mist gewachsen, und auch bei der Anpassung des Lärmempfindlichkeitsplans im Rahmen der Zonenplanrevision hatte der Unruhestifter aus der Rheingasse seine Finger im Spiel. «Wir haben der Regierung gegen ihren Willen ein Gesetz aufgedrückt. Die Freude ist gross», sagt er. Nach 18 Jahren im Fluss und einem langen Kampf gegen viele Widerstände hat er aber noch lange nicht genug. In den letzten Jahren hat er die Rheingasse belebt. – «Alles ging wieder von vorne los», stöhnt er. 
Der Wandel des Rheins vom Un- zum In-Ort ist Tino Krattigers Verdienst. Das Floss machte den Anfang, jetzt säumen Buvetten die Kleinbasler Rheinpromenade bis zur Dreirosenbrücke hinunter. Jugendliche entdecken heute das Basler Nachtleben am Rhein, treffen sich dort zum ersten Date, tauschen den ersten Kuss aus. «Das ist die Prägung, die wir erreicht haben.» – «Z’Basel an mym Rhy, jo dert mecht i sy.»
 

Text: Lukas Hausendorf, Fotos: Samuel Bramley und Lukas Hausendorf (Porträt)