Foto ©: iStock.com, Korvit78

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Der Kelch

«Cinderella, Fuss!» Natürlich hörte Cinderella nicht zu und stürzte sich wild kläffend in die Ufervegetation. Auf der anderen Seite des Schilfs flog eine Ente auf und quakte entrüstet. 
Zum Glück war es noch sehr früh morgens, und zu dieser Zeit waren noch keine anderen Spaziergänger in der Ermitage unterwegs, die Frau S. mit gehässigen Blicken hätten eindecken können, weil sie ihre ­Cockerspaniel-Hündin verbotenerweise von der Leine gelassen hatte. Die Uhr zeigte gerade mal zehn nach sechs, Samstagmorgen, die Vögel zwitscherten, als ginge es um Leben und Tod, und bei den Weihern gab es nur die Enten, die Fische, Cinderella und sie. 
Die Sommerluft lag noch kühl im Tal, und alles war friedlich – bis zu dem Moment, als weiter hinten vom Hornichopf her ein Schrei die morgendliche Idylle zerriss. Frau S. zuckte zusammen, und es dauerte einen Moment, bis sich das Adrenalin, das blitz­artig ihre Adern überschwemmt hatte, wieder verflüssigte. Kurz darauf folgte ein weiterer Schrei: ein langgezogenes Brüllen. Was um Himmels willen war das?
Sicherheitshalber nahm Frau S. ihren Hund nun doch an die Leine. Als sie das Geräusch eilender Schritte auf dem Weg hörte, fand sie sich schneller hinter einer Holzbeige ver­steckt wieder, als sie überhaupt denken konnte. Hier rannte jemand um sein Leben! Undeutlich sah sie mehrere Gestalten durch die Äste. Und dann wieder ein Schrei ... Jetzt hätte Frau S. viel darum gegeben, von einer Seniorenwandergruppe, einer Kindergartenklasse oder gar von einer ganzen Banntagsrotte begleitet worden zu sein. Alles, nur nicht allein und gottverlassen neben einem Hund kauern, der nichts Besseres zu tun hatte, als laut zu knurren.
Als Frau S. schon hoffte, der Spuk neige sich dem Ende zu, kamen die Unbekannten nochmals näher. Es waren vier. Ihre Kleidung wirkte irgendwie altertümlich, und es klapperte metallen bei jeder Bewegung. Konnte es sein, dass sie Ritterrüstungen trugen?
Das Herz von Frau S. drohte auszusetzen, und in jenem Moment, als die drei Verfolger den flüchtenden Vierten erreichten und einer von ihnen ihm mit der Breitseite seines Schwerts auf den Helm hieb, wurde ihr vor lauter Angst schwarz vor Augen – so, als hätte sie selber den Schlag abbekommen. 
Später, als sie erwachte, konnte sie nicht sagen, wie lange sie ohnmächtig hinter der Holzbeige gelegen hatte. Cinderella hatte ihr das Gesicht jedenfalls tropfnass geleckt. 
In der Ermitage herrschte wieder idyllische Ruhe. Alles war wie vorher. Hatte sie sich am Ende alles nur eingebildet? Als Frau S. sich endlich aus ihrem Versteck traute, entdeckte sie eine kleine Blutlache auf dem Wanderweg. In den Brennnesseln am Weg­rand lag – beim Kampf offenbar heruntergefallen – ein verbeulter Kelch. Verwundert hob Frau S. ihn auf. Er sah sehr alt aus. 
Sicher war er einmal schön gewesen. 
Wenn Frau S. nicht ausgerechnet heute ihr Handy zuhause gelassen hätte, hätte sie sofort die Polizei gerufen und die Schlägerei gemeldet. Oder zumindest hätte sie ihrer Freundin Rosmarie telefoniert und berichtet, wovon sie zufällig Zeugin geworden war ... 
Als Frau S. mit Cinderella zurück in der Wohnung und in Sicherheit war, stellte sie den Kelch erst einmal in die Wohnwand, um ihn als Fund- und Beweisstück gleich am Montagmorgen um neun auf den Polizeiposten von Arlesheim zu bringen, wenn dieser öffnen würde. Übers Wochenende änderte sie ihre Meinung allerdings und beschloss, den Kelch zu behalten.
Wer sich heute also fragt, weshalb die verzweifelte Suche nach dem sagenumwo­benen heiligen Gral von König Artus und seiner Tafelrunde in der Ermitage (und übrigens auch im Rest der Welt) nie von Erfolg gekrönt war, der müsste eigentlich nur bei Frau S. vorbeigehen. Theoretisch wenigstens. Denn sicherheitshalber räumt sie den verbeulten Kelch, dessen magisches Leuchten ihr Wohnzimmer in ein dezentes Licht taucht, immer weg, wenn jemand zu Besuch kommt. Damit verhindert sie, dass all die Gralsjäger davon Wind bekommen, wer dessen neue Hüterin ist. Oder die Kantons­archäologie. Oder Ritter Parzival persönlich. Und Cinderella verrät es auch nicht.
 

Von Barbara Saladin