Ronald Saladin arbeitet aufmerksam an einem Grossformat.

Ronald Saladin arbeitet aufmerksam an einem Grossformat.

Ein Laboratorium der Phantasie

Seit 1993 hat das Bürgerspital Basel eine Kreativwerkstatt. Was einst aus der Not heraus geboren wurde, ist heute zu einer national wie international renommierten Institution herangewachsen.

 

Im Jahre 2013 wurden im Forum Würth Arles­heim in der Ausstellung «Nasen riechen Tulpen» Bilder und Skulpturen von Kunstschaffenden der Kreativwerkstatt zu­sammen mit «arrivierten» Künstlern ausge­stellt. Es gab mehrere Ankäufe der Samm­lung Würth. Für einmal stand die Werkstatt, die sich am Rande von Basel auf dem ehemaligen «Milchsuppe»-Areal befindet, im Zentrum des regionalen Kunstinteresses. Vielen Liebhabern der Art brut wurde bewusst, welches Potenzial an authentischer, unverbildeter Kreativität in nächster Nähe zu finden ist.

 

Wächter im Eingangsbereich: Surreale Figur von Pedro Gonzales

Wächter im Eingangsbereich: Surreale Figur von Pedro Gonzales

 

Vom Minibetrieb zum Vorzeigeprojekt

Es begann im Jahre 1991. Ruedi Probst, der damalige Leiter des Wohn- und Werkstättenbereichs (WWB) des Bürgerspitals Basel, erkannte, dass viele Menschen mit einem geistigen oder starken psychischen Defizit im auf Produktion ausgerichteten Alltag der Werkstätten nicht mithalten konnten. Gegen anfängliche Widerstände im Bürgerrat wurde schliesslich eine Kreativwerkstatt bewilligt und am 1. Mai 1993 in Betrieb genommen. Als Leiter stellte das Bürgerspital den Töpfer Walter Buess an. Dies sollte sich für die Entwicklung der Werkstatt als Glücksfall erweisen. Vorgesehen war eine Gruppe von acht bis zehn Menschen, betreut von zwei Personen. Anfänglich war die Werkstatt dem damaligen Wohnheim unterstellt. 1995 trat die Kreativwerkstatt mit einer Ausstellung in der Offenen Kirche Elisabethen an die Öffentlichkeit. 1998 zog man in eine Baracke direkt an der französischen Grenze, in der vieles noch improvisiert wirkte. Die Werkstatt wuchs rasant und wurde organisatorisch und später auch räumlich mit der Textilwerkstatt zusammengelegt. Bald wurde sie von der alten Baracke ins moderne Werkstattgebäude umgesiedelt. Die Kadenz der Ausstellungen hatte unterdessen zugenommen. Die Ausstellungen wurden vom Künstlerduo «fehlerpfleger», Markus Häber­lin und Simone Kurz, kuratiert. Die Künstler konnten durch ihre gute Vernetzung viele Kontakte im In- und Ausland herstellen. 2010 wurden etwa unter dem Titel «1 + 1 > 2, Basel meets Brühl» Dada-inspirierte Werke in der Schlossgalerie und im Kunstverein Brühl (D) ausgestellt und 2016 fand eine Gruppenausstellung im Kunsthaus «Kat18» in Köln statt. Jahrelang stellten Künstle­rinnen und Künstler der Werkstatt auch Preisträger bei der Stiftung Lothar-Späth-Förder­preis. Bereits 2002 widmete die Wo­chenendbeilage der NZZ der Werkstatt einen langen Artikel und 2014 berichtete der «Kulturplatz» von Fernsehen SRF 1 direkt aus der Kreativwerkstatt.

 

Ein Meister der Art brut: Markus Buchser vor einem seiner neuesten Werke

Ein Meister der Art brut: Markus Buchser vor einem seiner neuesten Werke

 

Gabriela Meier liebt ihre Arbeit am Webstuhl.

Gabriela Meier liebt ihre Arbeit am Webstuhl.

 

Pius Gürtler behält seinen Hut auf dem Kopf und Ordnung auf dem Tisch.

Pius Gürtler behält seinen Hut auf dem Kopf und Ordnung auf dem Tisch.

 

Heute arbeiten in der Werkstatt rund 70 Menschen mit Rente und 14 Betreuende. Hinzu kommen drei Auszubildende. Die Kreativwerkstatt versteht sich als ein Ort, der Menschen mit physischen, psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen Arbeits­plätze mit verschiedenen Betreuungs- und Förderangeboten zur Verfügung stellt. Ziel ist die Förderung der fachlichen, sozialen und persönlichen Entwicklung. An erster Stelle stehen die Mitarbeitenden mit ihren Bedürfnissen und Zielen. «Neben der freien künstlerischen Arbeit gibt es einen grossen kunsthandwerklichen Bereich», erklärt Roger Zumkeller, der Anfang 2015 Walter Buess als Leiter ablöste. In einem Trakt der Kreativwerkstatt wird gewoben, gehäkelt und genäht; in anderen Räumen entstehen Töp­fereien, Zeichnungen, Malereien und Unikatkarten. Die Werkstatt präsentiert sich mit ihren vielfältigen Produkten am Herbst- und Weihnachtsmarkt und in einem werkstatteigenen Laden. 

Ganzheitliche Förderung

Wichtig ist dem Team die ganzheitliche Förderung der Menschen, die ganz unterschiedliche Beeinträchtigungen haben. Als Fördereinheiten gibt es «Atem und Bewegung», Sport, Tanz sowie Musik. Für Ken­-ner sind die Bilder von Künstlerinnen und Künstlern der Werkstatt längst mehr als ein Geheimtipp. Markus Buchsers Landschaftstableaus, Sebastian Käsers abstrakte Bilder, Bruno Hofers phantastische Fi­guren oder Ronald Saladins faszinierende Kritzeleien sind nur vier Beispiele aus einem fast unerschöpflichen Fundus von mehreren tausend Werken, die sich im Archiv der Kreativwerkstatt befinden. Mit dem Buch «Begegnungswelten in der Kreativwerkstatt» haben sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Arbeitsalltag selbst erforscht. Dafür wurde mit Unterstützung der Universität Zürich und dem Eidgenös­sischen Büro für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung eigens ein Verein gegründet, der partizipative Forschung betreibt und die Ergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. ■

Text und Fotos: Thomas Brunnschweiler