Benedikt Rudolf von Rohr an der Orgel der Basilika Mariastein

Benedikt Rudolf von Rohr an der Orgel der Basilika Mariastein

Herr der Füsse auf Orgeln und Pilgerreisen

«In der Kirche mit Gefühle sass vor seinem Orgelspiele ...» Wie einst Wilhelm Busch sich seinen Reim über Lehrer Lämpel machte, so betastet Benedikt Rudolf von Rohr auf seiner Orgel gefühlvoll die Manuale und tritt kräftig in die Pedale. In seiner Freizeit nimmt er auf Pilgerreisen Weitwege unter die Füsse. Er beherrscht das «toccare l’organo», so wie er seine Buss- und Fuss-Gänge zum Lebensinhalt gemacht hat. 

 

«Dein Wort ist meines Fusses Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.» Der Psalm-Spruch könnte für den Mariasteiner Titular­organisten ein Losungswort sein. Mit den Füssen hat er es mehrfach zu tun. 
Zu Füssen tippt er mit leichtem Tritt das Pedal. Mit den Händen streichelt und schlägt der Klangmagier auf den drei Manualen die Tasten und zieht die Register seiner «Königin der Instrumente», der Herrscherin über ein Meer von Pfeifen, die vom Gebläse-Wind in Wallung versetzt werden. Im leisen Soloregister kann sie säuseln, wie sie im Tutti mit rauschenden Mixtur- und Zungenregistern die Mauern der Basilika zum Zittern bringt. 
Im alten Fuss-Mass ist die Länge der 2800 Pfeifen angegeben. Sie reichen vom höchsten 1-Fuss-Register bis zur tiefsten – über zehn Meter hohen – 32-Fuss-Pfeife. Das Klos­ter Mariastein beherbergt drei Orgeln: die 1978 vom Schweizer Orgelbau Metzler erbaute grosse Orgel mit 38 Registern, die 2001 von Roman Steiner aus Fehren erbaute Chororgel mit 16 Registern und eine kleine Orgel in der Gnadenkapelle mit 8 Re­gistern. 
Das Orgelspiel ist die eine Leidenschaft des Herrn der Füsse. Eine andere ist das Pilgern auf tagelangen Fussmärschen.

Kirchenmusiker ohne Zölibat

1951 in Pfeffingen geboren, studierte Be­nedikt Rudolf von Rohr an der Akademie für Schul- und Kirchenmusik in Luzern Chor­leitung, Schulmusik und Orgel bei Monika Henking bis zum Konzertdiplom. In Wien absolvierte er ein Aufbaustudium in Orches­ter- und Chorleitung bei Hans Gillesberger, dem Kapellmeister der Wiener Sängerknaben. Rudolf von Rohr war Musikdirektor am Kollegium St. Fidelis in Stans und Organist an der Marienkirche in Basel. Gleichzeitig unterrichtete er als Musiklehrer am Gymnasium Leonhard. Seit 2002 ist er Haupt­organist der Basilika Mariastein. Er leitet das Vokalensemble der Klosterkirche und organisiert die Mariasteiner Konzerte, die heuer unter dem Motto «Mit Fried und Freud» stehen. 
Der klösterliche Kirchenmusiker ist kein Mönch. Er ist verheiratet und Angestellter bei der Benediktiner Mönchsgemeinschaft. Ihr gehören noch 20 Patres an, die die strengen Regeln des Benediktinerordens mit täglichen «Horae» befolgen. Stündlich beten sie im Chor von den «Laudes» um 6.30 Uhr bis zur «Complet» um 20.00 Uhr. 

Sonntag ist Tag der Arbeit

Ein Tag im Leben eines Basilika-Organisten: Der Tag des Herrn ist sein Tag der Arbeit. Frühaufstehen ist angesagt. Um 8.00 Uhr wird der erste Gemeinde-Gottesdienst gefeiert, um 9.30 Uhr folgt das Hochamt mit den Mönchen und ihrem Gregorianischen Choral auf Lateinisch. Um 11.15 Uhr beschliesst ein Wallfahrtsgottesdienst die Sonntagmorgen-Feiern. 
Die drei Gottesdienste bedeuten fast eine halbe Stunde Orgelspiel mit meist thematisch gefassten Stücken. So wählte Benedikt Rudolf von Rohr an einem regnerischen Mai-Sonntag für seine Vor-, Zwischen- und Schluss-Spiele Musik von Mozart, Orgelspiel vom Feinsten. Vor und nach dem Hoch­amt spielt er noch Musik zur Erbauung der Gläubigen. 
Der Ablauf einer Messe samt Einschüben – wie ein Proprium – ist dem Orgelspieler in Fleisch und Blut übergegangen. Oft gilt es auch zu improvisieren, um die Austeilung der Kommunion zu untermalen. Sobald aber der Priester am Altar seinen Kelch trockengewischt hat, muss der Organist zur harmonischen Schluss-Kadenz finden.  

Massgeschneiderte Schuhe auf Pilgerreisen

 

Pilger Benedikt auf dem Camino de la Plata  von Sevilla nach Santiago de Compostela

Pilger Benedikt auf dem Camino de la Plata von Sevilla nach Santiago de Compostela

 

Orgelspiel-Dirigieren-Unterrichten: Das Pen­sum des Titularorganisten ist ausgefüllt. Das Schulamt hat Benedikt Rudolf von Rohr mittlerweile aufgegeben. Mit 67 Jahren ist Ende 2018 auch Schluss mit dem monatlich zweimaligen Orgeldienst im Wall­fahrtsort. 
Was nimmt er sich nach der verdienten Pensionierung vor? Er behält die Oberhand über seine Füsse, trägt massgeschneiderte Schuhe und ist Experte in Sachen Weitwander-Schuhe. Schon über 2000 Kilometer hat der passionierte Pilger auf weit verzweigten Jakobswegen nach Santiago de Compostela zurückgelegt. Einsames Wandern, das er ohne seine Gattin unternimmt und das ihn «geradezu süchtig» macht, wie er bekennt. Wenn der Pilgerreisende mit Stab und Muschel eine schöne Orgel antrifft, spielt er sie oder organisiert ein Konzert. Da kann er auch schon mal barfüssig ins Pedal treten. 
Die Füsse zeigen ihm den Weg zur Erleuchtung durch Hellhörigkeit und Weitsichtigkeit. Das Pilgern ist eine Lebenserfahrung der ausserirdischen Art. Davon kann der Or­ganist ein Lied mit vielen Strophen singen. 
Benedikt Rudolf von Rohr will das Pilgern praktizieren, solange ihn die Füsse tragen, der Geist wach und das Fleisch willig ist. Ein Leben für die Musik und die Spiritualität.
 

Text und Fotos: Jürg Erni