Wider das Klischee

Wider das Klischee

Rund zwei Drittel aller Jugendlichen in der Schweiz wählt den sogenannten dualen Ausbildungsweg, absolviert also eine Lehre. Obwohl den jungen Frauen und Männern grundsätzlich die gleichen Ausbildungsgänge offenstehen, wählen die meisten von ihnen noch immer geschlechtstypische Berufe. Wir stellen zwei junge Menschen vor, die sich gegen dieses Klischee entschieden haben.

 

Noch immer gelten in unserer Gesellschaft feste Vorstellungen, was typisch weibliche oder typisch männliche Tätigkeitsfelder sind. Der Mann gilt noch immer als Haupternährer und für viele Mädchen ist es keineswegs selbstverständlich, ein Leben lang berufstätig zu sein. Selbst junge Menschen, die sich mit der Berufswahl beschäftigen, orientieren sich oft an überholten Werten und Vorstellungen von Frauen- resp. Männerrollen. 
Auch Jessica Armbruster wählte nach einigen Schnupperlehren zuerst eine Tätigkeit, die auf der Rangliste der Mädchenberufe weit oben steht: Detailhandelsangestellte. Heute weiss sie, dass sie sich bei der Berufswahl vom nahenden Ende der Schulzeit hat unter Druck setzen lassen. Mutig entschied sie sich daher zum Abbruch der Lehre und ging noch einmal zum Berufsberater. Dass sich dort der Beruf «Steinmetz» herauskristallisierte, erstaunte sie nicht son­derlich. Als Kind hatte sie ihren Vater, der als Schreiner arbeitet, oft in die Werkstatt begleitet und bald einmal selber «Sachen zusammengebastelt». Und so war ihr Vater auch sofort mit der neuen Richtung einverstanden. Ein Glück für Jessica, denn viele Jugendliche, die einen atypischen Beruf wählen, werden von den Eltern nicht unterstützt, weil sie sich ihre Tochter oder ihren Sohn nicht in diesem Beruf vorstellen können. Aber auch in ihrem weiteren Umfeld hat Jessica viel Unterstützung gefunden – «alle fanden es cool». 

Das Laufental hat Steinhauer-Geschichte geschrieben

Da viele Steinmetze – nicht zu verwechseln mit den Bildhauern – heute Einmann-Betriebe sind, sind die Lehrstellen dünn gesät. Jessica wurde in Nenzlingen bei der Schnell Natursteine AG fündig und nahm den langen Arbeitsweg von Böckten im Oberbaselbiet gerne in Kauf. «Das Laufental war einst eine Steinhauer-Hochburg und hat heute noch zwei Steinbrüche. Laufener Kalk­stein ist sehr bekannt», so Jessicas Lehrmeister Stefan Schnell. Er ist unter den Steinmetzen mit seinen insgesamt sechs Angestellten inkl. Lehrlingen beinahe schon ein «Grossbetrieb». Vor Jessica hatte er bereits zwei Lehrtöchter ausgebildet und damit nur gute Erfahrungen gemacht. Als erstes musste Jessica lernen, aus einem rohen Stein eine Fläche zu hauen. Später folgten Profilierungen, Ornamente, Masszeichnungen und Schriften. Bei Renovationen geht sie auch mit auf die Baustelle. Einzig beim Anheben und Tragen von sehr schweren Lasten müssen ihre männlichen Kollegen einspringen. Aber das tut der Akzeptanz im Betrieb keinen Abbruch. «Anfangs hatte ich schon etwas Bedenken, dass ich jetzt plötzlich nur noch mit Männern zusammenarbeiten würde», erinnert sich die 22-Jährige, aber heute fühlt sie sich in der familiären Atmosphäre wohl.
Das Klischee, dass Frauen für fürsorgliche Tätigkeiten und Männer für körperliche und technische Arbeiten besser geeignet sind, widerlegt auch Bryan Kabashi, der im Sommer sein einjähriges Praktikum in der Kita Laufen beenden wird. Danach beginnt er die dreijährige Ausbildung als «Fach­mann Betreuung» (FABE) mit Fachrichtung Kinder. «Meine Mitarbeiterinnen finden es alle sehr bereichernd, einen Mann im Team zu haben», erklärt die Leiterin Stephanie Preiswerk. Auch für die Kinder sei es wichtig, nicht nur weibliche Bezugspersonen zu haben, sondern auch miterleben zu können, wie ein Mann zum Beispiel mit Gefühlen umgeht. 

Ein Praktikum brachte die Antwort

Bryan hat selber drei Schwestern und «konn­te es schon immer gut mit Kindern», wie er erzählt. Gegen Ende der Schulzeit hat er sich für verschiedene Lehrstellen vor allem im handwerklichen Bereich beworben. «Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass ich das eigentlich gar nicht will.» Auf den Vorschlag eines Kollegen (nicht einer Kollegin!) hat er dann ein Praktikum absolviert und sich schliesslich bei der Kita Laufen um ei­ne Lehrstelle beworben, nahe seines Wohn­orts Meltingen. Auch er fand bei seinen ­Eltern Unterstützung für diese atypische Berufswahl, denn sein Vater ist quasi vom Fach; er arbeitet als FAGE (Fachmann Gesundheit) und betreut ältere Menschen.

 

Wider das Klischee


Momentan arbeitet der 19-jährige Bryan in der Kleinkindergruppe (3 Monate bis 3V Jahre). Dort gefällt ihm vor allem, dass er die Entwicklung der Kleinen mitbekommt, zum Beispiel die ersten Schritte. Bei den ­Äl­teren (bis 7 Jahre) ist die Arbeit aktiver, und er muss auch einmal verbal seinen Mann stehen. Zu den Ausbildungsthemen gehören die Gestaltung von Aktivitäten mit Kindern, die Pflege, die Hygiene und die Ernährung sowie das Umsetzen der Entwicklungspsychologie und der pädagogischen Themen, die er in zwei Tagen pro Woche in der Berufsfachschule in Basel vermittelt bekommt. Während der Lehrzeit wird er in der Kita von einer Berufsbildnerin begleitet, die alle zwei Wochen mit ihm Auf­träge reflektiert und seine Entwicklung bespricht. 
Nach der Lehre im Laufental Schwarzbubenland eine Anstellung zu finden, dazu hat er gute Chancen. Trotz re­lativ bescheidener Karrierechancen dürfte Bryan in Zukunft vermehrt Berufskollegen bekommen, denn der Berufsverband «kibe­suisse» möchte den Männeranteil bei den FABE aktiv erhöhen. Wenn er weit in die Zukunft schaut, möchte Bryan Sozialpädagogik studieren und mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen arbeiten. 
Jessica hat dies­bezüglich noch keine konkreten Pläne. Aber auch sie kann sich nach Abschluss der vierjährigen Lehre weiterbilden oder spezialisieren, zum Beispiel auf die Denkmalpflege oder im Technikum. Auch eine Berufsmatur mit anschliessendem Stu­­dium, zum Beispiel der Architektur, steht ihr offen.
Bleibt zu hoffen, dass Jessica und Bryan in der Berufswahl einen neuen Trend bekräftigen und für kommende Generationen als Vorbild dafür dienen, dass auch Klischees ir­gendwann ausgedient haben – im Laufental Schwarz­­bubenland und anderswo. ■
 

Text und Fotos: Sabina Haas