Roland sichert René im Klettergebiet «Tüfleten» (zwischen Dornach und Hochwald). Foto: Karin Amsler

Roland sichert René im Klettergebiet «Tüfleten» (zwischen Dornach und Hochwald). Foto: Karin Amsler

Ein vertikales Vergnügen 

Wer einmal geklettert ist, will ihn immer wieder erleben: Den Flow am Fels, wenn alles andere nebensächlich wird und jeder Kletterzug genau überlegt sein muss. Bereits mein Vater war dieser Leidenschaft verfallen und vererbte mir diesen Klettervirus.

 

Die Luft flirrt vor Wärme, der laue Wind lässt die Blätter in den Bäumen rauschen, eine Biene fliegt geschäftig summend herum. Aus dem Wald ertönen Stimmen: «... etwas mehr Seil!», «René, Stand!» Wir, die Klettergruppe vom SAC Prättigau Basler Kameraden, geniessen die frühsommerliche Wärme und das schöne Wetter, um wieder draussen an den geliebten Felsen klettern zu können. Endlich ist die nasskalte Jahreszeit vorbei, die uns in die verstaubten, nach Magnesium riechenden Kletterhallen getrieben hat.

 

Ein altes Bild aus dem Klettergebiet Pelzli. Hier wurde noch mit schweren Schuhen und Trittleitern geklettert. Foto: Werner Amsler

Ein altes Bild aus dem Klettergebiet Pelzli. Hier wurde noch mit schweren Schuhen und Trittleitern geklettert. Foto: Werner Amsler

 

Der Basler Jura – ein Kletter-Eldorado

Bereits mit 18 Jahren suchte mein Vater im Basler Jura seine ersten Herausforderungen am Fels. Eine kleine Gruppe aus seiner SAC-Sektion traf sich regelmässig ein- bis zweimal die Woche zum Klettern; damals war diese Sportart noch nicht so verbreitet. 
Die vielen Tafelbrüche aus Kalkstein, die im Kanton Baselland (mehrheitlich im Laufental) und in den Solothurner Bezirken Dorn­eck und Thierstein zu finden sind, waren noch ganz griffig, und schwierige Stellen sowie Überhänge wurden damals noch mit schweren Schuhen und mit Leitern begangen. Bohrhaken und Schlaghammer, um die Sicherungshaken einzuschlagen, mussten am Klettergurt mitgetragen und selbst in der Wand befestigt werden. Im Vergleich zu heute ein schier abenteuerliches Unterfangen. 

 

Werner Amsler in den Dolomiten. Foto: Werner Amsler

 

Klettern in den Dolomiten. Foto: Werner Amsler

Mein Vater mit Kletterkameraden in den Dolomiten, 1965. Damals gab es noch keine Klettergurte und man sicherte sich mit dem Seil um die Brust und das Gesäss. Stürzen durfte man besser nicht. Auch die hohen (roten) Socken und die kurzen Kniehosen waren typisch für diese Zeit. Foto: Werner Amsler


Denn heute sind die Bohrhaken meist fix am Felsen montiert und wir können mit gu­ten, leichten Kletterfinken und technisch ausgereiften Seilen, die unseren Sturz dyna­misch abfangen, die Felswände bezwingen. Das Klettermaterial und die -kleidung erhal­ten das Prädikat ultraleicht und die Leitern und sonstigen Steighilfen sind zu Relikten aus vergangenen Zeiten geworden.

Ob im familienfreundlichen Pelzmühletal (Pelzli) oberhalb von Duggingen und Grel­lingen, in der Falkenflue nahe Hochwald oder bei der Schartenflue (Gempen), heute ist der Fels stellenweise speckig geworden, weil in den vielbegangenen alten Routen die Schuhe den Felsen glattgeschliffen haben. Die teils wenigen Griffe, die man zuerst finden muss, machen die steilen Felswände nicht einfacher. Trotz guter Ausrüstung muss die Route immer noch «geklettert» werden. Sie wird nicht weniger schwierig, vielleicht einfach etwas sicherer.

Volle Konzentration

Aber ganz gleich, ob damals oder heute: Klettern am Felsen macht Spass. Es ist eine persönliche, mentale sowie physische Herausforderung, die die Beweglichkeit und Kraft fördert und auch die Konzentrationsfähigkeit. Denn während des Kletterns existiert nur der Moment. Man ist voll und ganz auf das Jetzt konzentriert, auf den nächsten Griff oder Tritt, die nächste Sicherung. Der schnellere Atem während einer Schlüsselstelle, die freche Echse, die neugierig näher kommt, die Wolke, die sich vor die Sonne schiebt und die flirrende Hitze etwas erträglicher macht, nehmen wir nicht mehr wahr. Wir befinden uns im Flow. Wir verschmelzen mit der Bewegung am Felsen und sind glücklich dabei. 

 

Gemütlicher Ausklang nach dem Klettern an der Feuerstelle bei der «Tüfleten», ganz links mein Vater. Foto: Karin Amsler

Gemütlicher Ausklang nach dem Klettern an der Feuerstelle bei der «Tüfleten», ganz links mein Vater. Foto: Karin Amsler

 

Ein Lob auf die Kameradschaft

Und was gibt es Schöneres, als diese Erlebnisse und einen solchen Kletterabend mit Kameraden aus dem Alpenclub zu teilen: Nach dem Bezwingen der Felswände gemeinsam am Lagerfeuer sitzen, «Klöpfer» braten, plaudern und lachen, den Sonnenuntergang beobachten und die zahlreichen Stechmücken verwünschen.
Mein Vater klettert heute mit seinen 75 Jahren nicht mehr, aber er hockt jedes Mal mit seinen alten Kletterkameraden gemütlich am frisch entfachten Feuer, und sie warten geduldig auf uns – die Jungen, die sich mit dem Fels noch messen müssen –, um den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Klettern ist nicht nur Bergsport in der Region, es ist auch Kameradschaft, ein Austausch der Generationen und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur.

 

Text: Karin Amsler, Fotos: Werner Amsler (alt) und Karin Amsler (neu)