Der Salle Belle Epoque im Les Trois Rois in Basel ist der erste Schauplatz des Theaterstücks «Polarrot»; er steht quasi symbolisch für das mondäne St. Moritz. Foto: zVg

Der Salle Belle Epoque im Les Trois Rois in Basel ist der erste Schauplatz des Theaterstücks «Polarrot»; er steht quasi symbolisch für das mondäne St. Moritz. Foto: zVg

Patrick Tschans Romanheld  kehrt nach Basel zurück

Der Basler Autor Patrick Tschan hat in seinem Roman «Polarrot» den Helden Jacques Breiter erfunden, eine pfiffige Figur, die in den Dreissiger Jahren in Basel Karriere machte. Jetzt führt das Theater Basel das heitere Stück auf, das gleichzeitig ein düsteres Kapitel Schweizer Geschichte beschreibt, in einer Serie an drei städtischen Schauplätzen und einem im Baselbiet.

 

Eine schwere Kindheit, der alte Breiter ein Säufer und übler Schläger, seine Frau wird ihm davonlaufen und mittendrin der kleine Jakobli, ein geplagter Bub, aber ein aufgeweckter Schüler. Der Pfarrer holt ihn da raus und damit entrinnt der Jakob einer Zukunft, die er für sich auf keinen Fall will: Ein Toggenburger Geissbub, Melker und Bauer zu werden.
Dieser Bub Jakob ist der Rohstoff, den der Basler Autor Patrick Tschan zur Hand nimmt, aus ihm eine gewitzte, wenn auch nicht immer korrekte Figur macht und ihn zum sympathischen Helden seines Romans «Polarrot» werden lässt, eines Romans, der zu wesentlichen Teilen in Basel abläuft. Wohl nicht ganz zufällig hat das Theater Basel diesen Stoff aufgegriffen und ihn zu einer vierteiligen Serie «umgebaut», die nun an vier Schauplätzen gespielt wird (siehe Kästchen).

 

Der Allschwiler Autor Patrick Tschan. Sein Roman «Polarrot» wird nun zum vierteiligen Theaterstück. Foto: zVg

Der Allschwiler Autor Patrick Tschan. Sein Roman «Polarrot» wird nun zum vierteiligen Theaterstück. Foto: zVg


Es ist eine rasante Karriere, die Tschan seiner Figur verpasst, einer Figur übrigens, die der Autor in wenigen Details seinem geliebten Grossonkel anpasst. Der junge Jakob arbeitet in einem noblen Hotel in St. Moritz, nennt sich hochstaplerisch Jack, macht sich an eine reiche Russin ran, wird gefeuert, kommt auf Empfehlung des Kellners Vittorio – «gute Stadt, nicht so Schwiiz, weisch» – nach Basel, findet eine herzhafte Schlummermutter und einen guten Freund, nennt sich der Grenznähe wegen Jacques, lernt Autofahren, arbeitet als Senf-Vertreter für den Lebensmittelkonzern Thomy, lernt per Zufall einen Manager einer grossen Basler Chemiefirma kennen (damals gabs noch deren vier), verkauft fortan in Deutschland hektoliterweise die Farbe Polarrot, die für die Nazi-Embleme verwendet wird, verliebt sich in die Frau des Chefs, eine Halbjüdin, wird für sie zum Goldschmuggler, wird dabei erwischt, zwei Jahre harter Knast in Deutschland, Neustart in Solothurn, dann während des Kriegs in der Nähe des Doubs eine zweite Karriere als Schmuggler – mit einem grandiosen Finale.
Was in der Theaterserie wahrscheinlich ver­lorengeht: Die detailreiche Recherche-Arbeit, die Patrick Tschan für «Polarrot» geleistet hat; was hoffentlich stehenbleibt: Die temporeichen, witzigen, aber auch tiefsinnigen Dialoge, die Jack / Köbi / Jacques mit dem Kellner, einem Pfarrer, seinem Freund Willy, seiner Geliebten Charlotte, seiner Frau Elsie, einem französischen Widerstandskämpfer und dem Besitzer des Schmuggelgoldes führt.

Die Schweiz und der Krieg

Nun ist «Polarrot» keineswegs nur das ­Porträt eines schelmischen, einfallsreichen Grossmauls, Hochstaplers und Emporkömmlings, der sich an der Grenze zur Illegalität bewegt, manchmal darüber hinaus, um zu beruflichem und finanziellem Erfolg und gesellschaftlicher Anerkennung zu kom­men. Das allein wäre dem Historiker Tschan wahrscheinlich zu wenig ambitiös gewesen. Vielmehr beschreibt Tschan Geschehnisse aus den späten Dreissiger- und den Kriegsjahren, welche die wirtschaftlichen Beziehungen der Schweiz mit dem Na­zi-Regime erahnen lassen – ein wenig ruhmreiches Kapitel der Schweizer Geschichte. Hohe Anerkennung erhielt Tschans «Polarrot» diesbezüglich auch vom Literaturkritiker der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT.  Dieser schrieb: «Dass diese Geschichte das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg wunderbar leichtfüssig illustriert, ist ein weiteres Verdienst dieses erstaunlichen Romans.» Die Theaterleute sind jedenfalls gefordert, wenn sie mit der Vorlage Schritt halten wollen.

 

Text: Freddy Widmer, Fotos: zVg