Das Mädchen aus der Schweiz

Das Mädchen aus der Schweiz

Lotti Verhagen spielt Wasserball im Schwimmverein beider Basel. Weil es kein Frauenteam gibt, trainiert sie mit den Herren der Nationalliga A. Die 17-Jährige reist für Trainings- und Meisterschaftsspiele auch nach Holland – mit Erlaubnis der Schule.

 

Vom Schulzimmer ins Schwimmbecken: Lotti Verhagen hat vor rund acht Jahren ihre Liebe zum Wasserball entdeckt. Schnell war die Randsportart mehr als nur ein Zeitvertreib – Wasserball wurde Lottis Leidenschaft. «Es ist für mich ein Ausgleich zum Alltag. Wenn ich Wasserball spiele, ver­gesse ich alles andere.» Und so verbringt sie mittlerweile fast jede freie Minute im Schwimmverein beider Basel. Dort trainiert sie mit dem Herrenteam der Nationalliga A, wo auch ihr Bruder spielt. Ob Tore schiessen, sich freistellen oder dem Gegner den Ball wegnehmen – man kritisiert und verbessert sich gegenseitig.
Eine Damenmannschaft gibt es zurzeit im Schwimmverein beider Basel nicht. «Ich komme ganz gut mit, in den Trainings schiesse ich jedenfalls Tore», sagt Lotti. Natürlich, sie habe weniger Kraft als die Männer. Aber wenn es die Zeit erlaubt, macht sie Aufbautraining. Und sie hat ihren eigenen Weg gefunden: «Ich will schneller sein als die Herren.» Was ihr auch gelingt und den einen oder anderen Mann regelmässig wurmt.

 

Zusammen mit ihrem älteren Bruder Max trainiert  Lotti Verhagen im SV Basel. Inmitten der Männer kommt sie gut mit.

Zusammen mit ihrem älteren Bruder Max trainiert Lotti Verhagen im SV Basel. Inmitten der Männer kommt sie gut mit.

 

Traum von Olympia

Jeder Sportler will das, was er kann, an einem Wettkampf zeigen. Lotti Verhagen bekommt diese Chance in Holland, einer Wasserballnation. «Lotti musste alle überzeugen, es gab Probetrainings und Probespiele. Und nur, weil sie da gut genug war, gehört sie heute dazu», sagt ihr Vater, ein gebürtiger Holländer. Vielen ist sie dort bekannt als «das Mädchen aus der Schweiz». Lotti geniesst das Neue, das sie in Den Haag lernt und die spannenden Matches. Geht es nach Lotti, wird sie irgendwann Olympia-Teilnehmerin, so wie ihr aus Ungarn stammender Trainer Istvan Pinter. «Ihm habe ich sehr viel zu verdanken, er ist sowohl Wasserballikone als auch ein toller Trainer», schwärmt Lotti. Trotzdem meint ihr Vater zu Olympia: «Wir schauen einfach mal, wie weit sie kommt», und: «Hauptsache, es macht ihr Spass», fügt er an.
Die Familie Verhagen unterstützt Lotti, wo es nur geht. «Wir schaffen das!», lautet das Familienmotto. Jedes zweite Wochenende fahren sie von Donnerstag bis Sonntag nach Den Haag. Dort gibt es mehrere Trainings und Wettkämpfe. Fährt Lotti mit ihrem Vater, bleibt ihr im Auto viel Zeit für Hausaufgaben und den einen oder an­deren SMS-Austausch mit Freunden. Die Schule stellt Lotti für diese Zeit zwar frei, knüpft daran aber Bedingungen: «Nur wenn meine Leistungen stimmen, wenn ich also klar befördert bin, dann darf ich zu den Trainings nach Holland.»

 

Lotti hat weniger Kraft als ihre Trainingspartner, dafür kann sie schneller schwimmen.

Lotti hat weniger Kraft als ihre Trainingspartner, dafür kann sie schneller schwimmen.

 

Eine gute Lebensschule

Sie dürfte auch auf den Sportunterricht verzichten, um mehr Zeit für den Wasserball zu haben. Doch das will sie nicht. In Sport ist sie gut, Sport macht Spass – und grinsend erklärt sie: «Mit diesen Noten kann ich relativ einfach Fächer kompensieren, wo ich nicht so stark bin, zum Beispiel Französisch.» Nächstes Jahr hat sie Abschlussprüfungen, danach möchte sie studieren, vermutlich etwas in Richtung Psychologie und Wirtschaft. «Aber es sollte sicher auch etwas mit Sport und Menschen zu tun haben.»
Der Wasserball lehrt Lotti Verhagen eine Menge. Nicht nur Technik, sondern auch Sozialkompetenz, Teamgeist, Kämpferwille, Disziplin und Eigenverantwortung. Im SV Basel ist man sich einig: Die Sportart mag in der Schweiz vielleicht wenig Popularität geniessen, aber es ist eine Lebensschule. Der deutsche Bundestrainer sagte dazu einmal: «Wasserball ist keine Verschlechterung des Schwimmstils, sondern eine Verbesserung des Charakters.»

 

Text: Sarah Ganzmann, Fotos: Christian Jaeggi