Heidi Happy

Baden für Harte


Bald fängt sie wieder an, die Badesaison. Für gewisse Leute hat sie nie aufgehört, die gehen übers ganze Jahr in der Limmat schwimmen. 4 Seasons Outdoor Swimmers Zurich nennen sie sich und halten sich an die Faustregel, maximal so viele Minuten zu schwimmen wie das Wasser Grade über Null hat. Auch an anderen ­Gewässern sieht man Leute, die sich im Winter mit Mütze ins kalte Wasser wagen. Das soll gut sein fürs Immunsystem und den Stoffwechsel, den Kreislauf anregen und erst noch den Geist beleben. Selbst als natürliches Antidepressivum wird es ausgeschrien, denn auch die mentalen Abwehrkräfte würden gesteigert und das Abenteuer in der freien Natur lasse die Glückshormone tanzen. Der einzige Haken daran ist wohl, dass man sich im Winter, vor allem an den kalten, regnerischen Tagen, mies fühlt. Dann sich aufzuraffen, die Badesachen aus dem Estrich zu holen, sich durch den kalten Regen ans nächste Gewässer zu kämpfen und dort ins eiskalte Wasser zu springen, ist wohl illusorisch. Der freundliche Vorsommer wäre also die ideale Zeit, damit zu beginnen. Zusätzlich motivieren könnte der Fakt, dass durchs Kaltbaden auch das braune Fettgewebe aktiviert wird. Dieses verbrennt Kalorien und so schafft man es womöglich sogar, im Hochsommer an den überfüllten Strän­den eine gute Figur zu machen. Um vor Eintreffen der versprochenen Effekte etwaige Blicke fernzuhalten, empfehle ich das Aufrichten eines Paravents. bekommt man im Internet ab 40 Franken. Für dessen Transport eignet sich ein Getränke­karren mit Gummizug.

Wem dies alles aber zu aufwändig ist, dem sei an dieser Stelle gesagt, dass erstens scharfes Essen die braunen Fettzellen auch aktiviert und zweitens auch Wechselduschen zum gewünschten Erfolg führen können. Damit kann man auch bereits im Winter beginnen, denn wenn man sich eh schon mies fühlt, kann eine kalte Dusche mit dieser Geschichte im Hinterkopf vielleicht guttun.

 


 

Rudolf Trefzer

Wassersnobismus

 

In einigen noblen Restaurants wird den Gästen neben der Menukarte und der Weinkarte neu auch eine Wasserkarte aus­gehändigt. Ja, Sie haben richtig gelesen: eine WASSERKARTE! Begründet wird dies mit der tiefsinnigen Erkenntnis, dass Wasser nicht gleich Wasser sei. Doch damit wird natürlich nicht auf die skandalöse Tatsache verwiesen, dass laut einem Monitoringbericht der UNICEF und der WHO 2,1 Milliarden Menschen zuhause keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Nein, gemeint sind vielmehr die erheblichen Geschmacksnuancen von Wässern verschiedener Provenienzen, die auf den unterschiedlichen Gehalt von Mineralien und Spurenelementen im Wasser zurückzuführen sind und die einen entschei­denden Einfluss auf das kulinarische Geschmackserlebnis haben können.

Mag ja alles richtig sein. Aber daraus die Notwendigkeit abzuleiten, neben einer Wein- auch eine Mineralwasserkarte zu führen, ist blanker Unsinn. Da manifestieren sich nicht Kennerschaft und gastronomische Kompetenz, sondern ökologische Ignoranz und ein lächerlicher Snobismus, der verkrampft nach Mechanismen sucht, um die feinen Unterschiede angeblicher Kennerschaft zu markieren und zu zelebrieren. 

Denn im Gegensatz zu den Weinen, die von Region zu Region und von Produzent zu Produzent verschieden sein können, sprudelt praktisch überall auf dem Globus genügend mineralienhaltiges Wasser aus der Erde, das allen Geschmacksnuancen zum Trotz in den jeweiligen Ländern auch gehobenen gastronomischen Ansprüchen zu genügen vermag. Einmal mehr lobe ich mir da die italienische Gastronomie, die es bis anhin verstanden hat, das Wesentliche im Auge zu behalten und Einfachheit mit Raffinesse überzeugend zu verbinden. Wasser wird da wie Brot als regionales oder lokales Grundprodukt betrachtet, das einfach auf jeden Esstisch gehört. Als Gast wird man lediglich gefragt, ob man es mit oder ohne Kohlensäure möchte. Basta!

 


 

Jürg Seiberth

Maus im Buch

 

Ungezähmt und regellos wie ein Gebirgsbach sprudelt die Schweizer Mundart, meinte ein früher deutscher Mundartforscher. Und Jacob Grimm, der Ältere der Gebrüder, schrieb vor über 150 Jahren in der Einleitung zu seinem gewichtigen «Wörterbuch der deutschen Sprache»: «Die schweizerische Volkssprache ist mehr als ein blosser Dialekt, wie es schon aus der Freiheit des Volkes sich begreifen lässt ...» Grimm wusste natürlich, dass die Schweizer Dialekte nicht ohne Regeln funktionieren, aber er fand, sie seien eine freie Sprache für ein freiheitsliebendes Volk – also doch ein wenig regellos.

Ganz anderer Meinung war da ein alter Freund von mir. Er war in Wien als Linzer in eine von schweizerischen, österreichischen und deutschen Alefrauen und Alemannen bevölkerte Wohngemeinschaft geraten und wollte sich deren Sprache aneignen. Die erste Regel erkannte er, als er uns «Isebahn» statt «Eisenbahn» sagen hörte. Bei Frühstück bestellte er «i I», «zwi I», «dri I» oder «veir I». Dann fuhr er unverdrossen fort, erkannte Regel um Regel und entwickelte seine Sprache weiter, bis ihn definitiv niemand mehr verstand. Es gibt schon Regeln in den Alemannendialekten, aber sie wurzeln tief in der Sprachgeschichte und sind eigentlich nur sehr professionellen Sprachforschenden geläufig. Lernen tut man unsere Mundarten lieber nicht aufgrund von Regeln, sondern durch Zuhören und Nachplappern.

Mit entsprechendem Imitationstalent kann man ein gutes Niveau erreichen, doch nur wahrhaft Hochbegabten gelingt es, mit Einheimischen verwechselt zu werden. Zum Glück sind wir Alemannen in der Regel tolerant. Auch ich bin im Prinzip tolerant, aber einen Feldzug führe ich: Wann immer ich in einer Frühstückskarte lese, es gebe ein «Müsli», weise ich darauf hin, dass ein «Müsli» eine kleine Maus und ein «Müesli» ein kleines Mus sei. Eine ausländische Tante hatte einst mein Anliegen beinahe verstanden und sagte nach dem Frühstück: «So, nun ist das Müsli im Büechli.»

 


 

Anita Fetz

Unser Wasserschloss

 

Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. In den Alpen gibt es nicht nur Gletscher, dort entspringen auch einige der grossen Flüsse Europas. Aus dem Gott­hardmassiv allein sind das der Rhein, die Reuss, der Ticino und die Rhone. Sie bringen Wasser nach halb Europa. Doch wie lange noch? Der Klimawandel betrifft die Schweiz weit mehr, als man lange vermutet hat, und direkter als andere Länder. Seit der ersten Messung im 19. Jahrhundert sind die Temperaturen bei uns durchschnittlich schon um 1,8 Grad angestiegen, doppelt so viel wie im globalen Mittel. Dies steht im Bericht «Brennpunkt Klima Schweiz», den die Akademie für ­Naturwissenschaften ein Jahr nach dem Pariser Klimaabkommen (2015) vorgestellt hat. Bis Mitte dieses Jahrhunderts werden viele Gletscher in den Alpen wegschmelzen, die Schneegrenze verschiebt sich weit nach oben, die sommerliche Wasserknappheit wird für Natur und Mensch gravierende Folgen haben. Geschockt von diesem Befund hat eine Gruppe von Par­lamentarierinnen damals Vorschläge zur massiven Reduzierung des CO2 eingereicht. Der Bundesrat vertröstete sie auf das geplante CO2-Gesetz. Im National- und Ständerat wurden sie abgelehnt, das dringend notwendige politische Handeln auf die lange Bank geschoben.

Dann kamen die Klimademonstrationen der Jungen: eindringlich, hartnäckig und friedlich. Und langsam aber sicher dreht sich auch die Stimmung im Bundeshaus, nicht bei allen, doch hoffentlich bei so ­vielen, dass es reicht, bis im Herbst ein griffiges CO2-Gesetz zu verabschieden. Das Engagement der Klima-Jugendlichen wird Wirkung haben. Dafür bin ich ihnen dankbar. 

Ich wünsche ihnen die Hartnäckigkeit, dran zu bleiben und sich nicht durch dümmliche Provokationen ungehobelter Politiker irritieren zu lassen. Es gibt viele Erwach­sene, die froh sind, dass die Jungen die 
Gesellschaft aufrütteln und ihre Ziele unterstützen.

 


 

Zeichnung: Andreas Thiel

Zeichnung: Andreas Thiel

 

Andreas Thiel

Die Lachslaus

 

Wenn ich Wein trinke, fallen mir die Ideen wie reife Trauben in den Mund. Wenn ich Champagner trinke, sprudeln die Gedanken. Und wenn ich Grappa trinke, denke ich mir gar nichts dabei, sonst würde ich ja nicht Grappa trinken. Aber wenn ich Wasser trinke, habe ich klare Gedanken, und zwar immer die gleichen, nämlich dass die Gedanken, die ich mir gestern nach der zweiten Flasche notiert habe, nicht wirklich schlüssig sind. Deshalb mache ich erneut eine Flasche auf, denn mit dem Wein kommt vielleicht auch der Zusammenhang wieder. Wasser macht zwar einen klaren Kopf, verkalkt aber die schönen Trinkgläser. Als gestern Abend zum Champagner Wildwasserlachs serviert wurde, dachte ich, dass man nur so lange Champagner trinken sollte, wie man Wildwasserlachs fehlerfrei buchstabieren kann. Wildlachs wäre mir natürlich lieber gewesen als Wildwasserlachs, und zwar nicht, weil man Wildlachs besser buchstabieren kann als Wildwasserlachs, sondern weil es sich beim Wildwasserlachs um einen Etikettenschwindel handelt. Denn der Wildwasserlachs suggeriert, ein Wildlachs zu sein, ist aber ein Zuchtlachs. Als solcher verfügt er zwar über mehr Omega-3-Fettsäuren als der Wildlachs, hat aber auch mehr Lachsläuse. Ich frage mich, ob die Zuchtlachslaus ebenfalls mehr Omega-3-Fettsäuren aufweist als die Wildlachslaus, denn wenn dem so wäre, hätte auch die Wildwasserlachslaus mehr Omega-3-Fettsäuren als die Wildlachslaus, da die Wildwasserlachslaus eine Zuchtlachslaus ist. Ich denke mir, dass die Wildwasserlachslaus ein gutes Thema wäre für das BirsMagazin, da die Birs ja durch Lausen fliesst. Aber beim ersten Schluck Wasser am anderen Morgen fällt mir ein, dass die Birs gar nicht durch Lausen fliesst, sondern durch Laufen. Und wie ich von der Wildwasserlachslaus zum Wildwasserlachslauf komme, wird mir dann erst wieder beim Wein klar, als mir in den Sinn kommt, dass in der Birs neulich Junglachse ausgewildert wurden in der Hoffnung, dass sie nach einem Abstecher nach Grönland wieder den Rhein in die Birs hochwandern, womit der Wildlachslauf wieder durch Laufen liefe und – oje – jetzt ist auch diese Flasche leer.