Kontrollgänge stehen bei Roger Wyden täglich auf dem Arbeitsplan.

Kontrollgänge stehen bei Roger Wyden täglich auf dem Arbeitsplan.

Mehr als nur ein Bademeister

Schilfgras am Ufer, grosse Rasenflächen und ein wunderschöner Ausblick auf einen Fluss, alte Bäume und weite Wiesen. Das ist der Arbeitsplatz von Roger Wyden, Betriebs­leiter und Hauptbademeister im Naturbad Riehen, das heuer in die sechste Saison geht.

 

Ob der Sommer 2019 erneut ein grosser Erfolg wird, hängt nur teilweise vom Wetter ab, weil die kleine Oase am Rande Riehens seit der Eröffnung im 2014 sehr beliebt ist. Aufgrund der Besucherzahlen des alten Bades, das im 2007 geschlossen wurde, rechneten die Betreiber mit jährlich höchstens 35 000 Besuchern. Im ersten Jahr kamen 
42 000. «Wir dachten, der Grund sei der Gwunder auf das Neue, das Naturbad», erinnert sich Betriebsleiter und Hauptbademeister Roger Wyden (51). Die zweite Saison brachte einen kalten, nassen Sommer. Und 63 000 Besucher. Und schon tauchte die Frage auf, ob die technischen Einrichtungen die Wasserqualität auch mit dieser hohen Benutzerfrequenz gewährleisten können. «Nach fünf Jahren Betrieb und einem Besucherschnitt von 60 000 bis 65 000 ist diese Frage aber definitiv vom Tisch», so Wyden. 

 

Das Badebecken ist mit Pflanzen umrandet, die ihren Teil zur Wasserreinigung beisteuern.

Das Badebecken ist mit Pflanzen umrandet, die ihren Teil zur Wasserreinigung beisteuern.

 

Der Natur abgeschaut

Wasserqualität, technische Einrichtungen, Natur – wie passt das zusammen? Überlässt man bei einem Naturbad nicht einfach alles der Natur? Nicht ganz. Zwar werden in einem Naturbad keine Chemikalien – auch kein Chlor – eingesetzt, gereinigt werden muss das Wasser trotzdem. Aber eben so, wie es die Natur selber auch bewerkstelligen würde, nämlich biologisch. Ein kleiner Teil der Reinigung erfolgt in den Pflanzenflächen, die hinter einer Mauer unter der Wasseroberfläche um das Becken herum angelegt sind. Schilfgras und Konsorte verbrauchen einen grossen Teil des Phosphats, das die Besucher ins Wasser bringen und das Nährstoff ist für die Algen. Einige Pflanzen bauen über die Wurzeln Bakterien ab und liefern Sauerstoff ins Wasser. Eine Drainage saugt das Wasser über dem Kies rund um die Pflanzen ab und speist es wieder ins Becken ein. Der Grossteil der Reinigung erfolgt im «Neptunfilter», einem Naturfilter, der ausserhalb des Bades liegt und wie ein Reisfeld anmutet. Rund um das Badebecken ziehen sogenannte Skimmer das Wasser an der Oberfläche ab. Pumpen leiten es zum Filter aus Kies weiter, den es grossflächig durchläuft. Bei diesem Vorgang wird das Wasser von Mikroorganismen gereinigt, wie es in der Natur in einem gemächlicheren Tempo auch geschieht. Das gereinigte Wasser wird dann dem Badebecken wieder zugeführt. Wieviel Wasser umgewälzt wird, bestimmen hochmoderne Steuerungsanlagen auf­grund von Luft- und Wassertemperatur und der Wassertrübe. Tägliche, wöchent­liche und monatliche Wasserproben mit unterschiedlichen Tests kontrollieren die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben. «Naturbäder sind die meistgeprobten Bäder», erklärt Wyden.

 

Auch bei hohen Temperaturen und vielen Besuchern muss die Wasserqualität stimmen.

Auch bei hohen Temperaturen und vielen Besuchern muss die Wasserqualität stimmen.

 

Keine Sommerferien

Für viele ist der Sommer eine lockere Zeit mit viel Freizeit und Spass, für Wyden und sein Team ist er die strengste Zeit des Jahres. Wyden ist mit einer Jahresarbeitszeit von 80 % angestellt, ein weiterer Mitar­beiter zu 70 %, doch im Sommer arbeitet Wyden deutlich mehr. Im Hochsommer, etwa wenn das Nachtbaden auf dem Programm steht, wird auch schon einmal bis elf Uhr nachts gearbeitet. Dafür finden sich im Winter auf seiner Agenda nur wenige Einträge wie etwa Sitzungen oder Kontrollgänge. «Dann bin ich Hausmann», lacht der gelernte Gärtner mit einer Weiterbildung in der Rettung. Er hat schon immer saisonal gearbeitet, seine Familie kennt nichts anderes. Ab Mitte März beginnen die Vorbereitungen für die Eröffnung des Bades Mitte Mai. Becken und Filter müssen gereinigt und kontrolliert, das Grünzeug gepflegt und die Holzflächen hergerichtet werden. 

Sicherheit steht an erster Stelle

Strömen dann die Besucher in das kleine Paradies, stehen die Aufsicht und die Gäs­tebetreuung an erster Stelle. «Und das Schimpfen – das gehört ab und zu zu 
einem Bademeister», meint Wyden verschmitzt und fügt hinzu: «Schliesslich geht es um Sicherheit und Hygiene und dass alle aneinander vorbeikommen.» Bei dem kunterbunt gemischten Publikum nicht immer selbstverständlich. Zum Aufgabenbereich gehören auch viele Reinigungsarbeiten, die im Gegensatz zu herkömmlichen Bädern nicht mit Chemie, sondern von Hand erledigt werden. Der Unterhalt der Grünflächen, die Eintrittskontrolle, das Betreuen der technischen Anlagen und das Führen der Betriebsprotokolle stehen ebenfalls 
auf den Wochenplänen. Bei so viel Arbeit bleibt selber kaum Zeit zum Baden – das holt Wyden dann in seinen Ferien nach. Im Herbst.

 

Text: Sabina Haas, Fotos: Christian Jaeggi