Mr. Biber.  Fotos: Christian Jaeggi

Mr. Biber.  Fotos: Christian Jaeggi

«Mr. Biber» und die Goldwurst

Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter von Pro Natura Schweiz, besitzt kein Auto und hat in seinem Leben das Flugzeug erst dreimal als Transportmittel benutzt. Lesen Sie, warum er «Mr. Biber» genannt wird und was das alles mit der Goldwurst zu tun hat.

 

Als sich 1997 ein Biber im Rechen des Kraftwerks Augst verfing – er kam mit dem Schrecken davon –, war für Urs Leugger (55) klar, dass diese putzigen Gesellen ins Baselbiet zurückkehren wollten. Oder, wie er es ausdrückt, «bei uns anklopften». Leugger war damals Projektleiter im Bereich Artenschutz bei Pro Natura Schweiz und setzte sich bei der Sektion Baselland auch ehrenamtlich ein. «Schon als Bub war ich viel in der Natur», erzählt Leugger, während er in seiner Arlesheimer Parterre-Wohnung in der Küche Kartoffeln viertelt, sie salzt und mit Olivenöl beträufelt. Den Ofen hat er schon vorgeheizt und so funktioniert das Multitasking mit Zubereiten und Reden fast problemlos. Das Wochenendhaus seiner Eltern war so abgelegen, dass er im 
nahen Wald Rehe und Jungfüchse beobachten konnte. Dass er sich dann doch für ein Biologie- und Geographie-Studium entschied, war nur noch eine logische Folge. Er wollte mehr über die Zusammen­hänge in Natur und Umwelt erfahren und hegte schon damals die Absicht, sich im Beruf für die Erhaltung der Natur zu engagieren.

 

«Mr. Biber» legt auch in der Küche Wert auf nachhaltig produzierte Produkte aus der Region.

«Mr. Biber» legt auch in der Küche Wert auf nachhaltig produzierte Produkte aus der Region.

 

Geradliniger Werdegang

Seine Karriere verlief dann auch geradlinig und ohne Brüche. Nach dem Studium verdiente er sich die ersten beruflichen Sporen bei BirdLife ab, einer Partnerorganisation von Pro Natura. Mitte der 90er-Jahre erhielt er bei Pro Natura eine Projektleitungsstelle im Artenschutz. Und dann tauchte der Biber auf.
Die Kartoffeln sind fast bereit für den Ofen, es fehlt nur noch der Rosmarin, doch den hat der Fotograf entführt für das Zuta­tenbild. Also huscht Leugger schnell in den kleinen Garten und knipst noch einen Zweig vom Strauch. Weiter gehts mit der Bibergeschichte: Nach dem Biber im Rechen war für Leugger klar, dass sich Pro Natura hier engagieren sollte – und zwar richtig; «Kleckern» kam für ihn nicht in Frage. Vor rund 200 Jahren wurde der letzte Biber in der Schweiz gesichtet – an der Birs notabene – und auch in Europa existierte der Nager nur noch an vier Orten. In den 50er-Jahren setzte man einige Tiere in der Romandie aus, mit geringem Erfolg. So etwas war für Leugger keine Option. Nachdem eine Studie bestätigt hatte, dass die Wiederansiedelung der Biber in der Region eine Chance habe, arbeiteten Leugger und einige Engagierte von Pro Natura Baselland ­einen Vorschlag für ein Projekt aus. Der Vorstand hiess ihn gut – «Hallo Biber!» war geboren. Und da das Projekt zu umfangreich war, um neben- oder ehrenamtlich betreut zu werden, wurde Leugger auch gleich als Projektleiter engagiert. Das war der Anfang von «Mr. Biber». 

 

Vom Biber sieht man oft nur seine Spuren.

Vom Biber sieht man oft nur seine Spuren.

 

Sympathieträger Biber

Bei solchen Projekten ist es wichtig, die Bevölkerung auf seiner Seite zu haben. «Der Biber ist ein Sympathieträger und punktet auch mit seinem putzigen Aussehen – das kam uns bei der Öffentlichkeitsarbeit sehr entgegen», erklärt Leugger, während er die Kartoffeln in den Ofen schiebt und sich nun den Goldwürsten widmet. «Auch bei den Direktbetroffenen wie Kraftwerkbetreibern oder Bauern mit Land an Fliessgewässern haben wir fast überall Zuspruch erhalten.» Als erste praktische Massnahme im Projekt wurden den Bibern «die Barrieren geöffnet»; sie bekamen Bibertreppen und -stege, mit deren Hilfe sie die Kraftwerke überwinden konnten. Aber auch Biber-Lebensräume mussten geschaffen wer­den. Von einer Renaturierung der Flüsse profitieren alle Tiere und Pflanzen, die auf lebendige und natürliche Flüsse angewiesen sind. Solche revitalisierten Flussabschnitte sind aber nicht nur artenreiche Lebensräume, sondern auch ein Stück zusätzliche Lebensqualität für den Menschen.
Aber wie ist das mit den schönen, alten Bäumen, die der Biber fällt? Der Experte erklärt, dass Biber sich im Sommer von Kräutern und Krautpflanzen im und am Wasser ernährten. Da diese im Winter rar bis gar nicht vorhanden seien, würden die Nager im Herbst einen physiologischen Vorgang durchlaufen, damit sie sich im Winter von Rinde ernähren könnten. Da die Biber weder fliegen noch klettern können, müssten sie, um an die Rinde zu kommen, eben Bäume fällen. «Wichtig ist hier aber», betont Leugger, «dass sich Biber im Normalfall höchstens fünf bis zehn Meter vom Wasser wegbewegen, weil sie an Land relativ schwerfällig und unbeholfen sind.» Will heissen, der Bereich, in dem sie Bäume fällen, ist begrenzt. Ausserdem braucht ein Fluss diese fünf bis zehn Meter sowieso, wenn er sich einigermassen natürlich bewegt und auch selber einmal Land oder Bäume mitreisst und andernorts Kies ablagert. Der Biber verstärkt diese Dynamik nur und schafft ganz nebenbei Lebensräume für Fische und Vögel. Denn in Regionen, in denen sich wieder Biber ansiedeln, nimmt die Biodiversität erwiesenermassen zu. 

 

Über renaturierte Flussabschnitte freuen sich Jungbiber auf der Suche nach ihrem eigenen Revier.

Über renaturierte Flussabschnitte freuen sich Jungbiber auf der Suche nach ihrem eigenen Revier.

 

Biber können aus einem langweiligen Kanal eine paradiesische Feuchtgebietslandschaft gestalten.

Biber können aus einem langweiligen Kanal eine paradiesische Feuchtgebietslandschaft gestalten. 

 

Und was kommt nach dem Biber?

Leuggers Engagement für «Hallo Biber!» dauerte bis 2007, in dieser Zeit absolvierte er eine Management-Ausbildung für NPOs (Non-Profit-Organisation) und wechselte dann zur Stadtgärtnerei, um auch einmal eine Verwaltung von innen zu sehen. Als im 2013 der Geschäftsleiter von Pro Natura in Pension ging, bewarb sich Leugger und erhielt den Zuschlag. Er sieht es als Privileg, sich beruflich für An­liegen einsetzen zu können, die ihm am Herzen liegen. Oder einfacher gesagt: «Es ist mein absoluter Traumjob.» Doch wie das mit Traumjobs so ist – sie bringen auch viel Engagement und Zeitaufwand mit sich. Als Ausgleich betreibt Leugger Ausdauersport und ist viel in der Natur unterwegs, denn beruflich verbringt er nun mehr Zeit am Schreibtisch und in Sitzungszimmern und beschäftigt sich mit Themen, an denen auch Naturschutzorganisationen nagen. Da wäre zum Beispiel die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Bevölkerung und dem effektiven Zustand der Biodiversität. Oder die Tatsache, dass in der Politik Naturschutz viel zu ­selten ein Thema ist. Vor allem wenn die bürgerlichen Parteien zulegen, wird der Gegenwind rauer. Da muss Leugger dann auch einmal der Unbequeme sein. Er geht dabei aber immer von einem positiven Menschenbild aus und zählt auf respektvollen Umgang. Statt auf Konfrontation zu gehen, versucht er, die Menschen für etwas zu gewinnen. Dass er mit seinen Themen nicht immer auf Gegenliebe stösst, gehört dazu. «Damit kann ich umgehen, denn ich bin überzeugt, dass unsere Arbeit langfristig für die Gesellschaft extrem wichtig ist.» Keine leeren Worte, denn Leugger und seine Familie sind mit Velo und öV unterwegs und verbringen ihre Ferien nur an Orten, die mit Bahn oder Schiff erreichbar sind – und das geht auch. 

Die Kartoffeln sind knusprig, der Wurst-Käsesalat ist angerichtet und dazu gibts ein Arli-Brau aus der Region.

 

Text: Sabina Haas, Fotos: Christian Jaeggi