Walzwerk - Das urbane Biotop

Das urbane Biotop im Grenzgebiet von Arlesheim und Münchenstein

Das Walzwerkareal wurde nach dem Konkurs der Aluminium Münchenstein vor sechzehn Jahren zu einem urbanen Experimentierfeld und hat sich zu einem der lebendigsten und spannendsten Orte des Birstals entwickelt. 

Prolog

Mitte des letzten Jahrhunderts arbeiteten bis zu 600 Menschen in der Fabrik der Aluminium Münchenstein. Es war eine gute Zeit für die Industrie. Hohe Zölle schützten sie vor der Konkurrenz aus dem Ausland. Als in den 1990er-Jahren aber der Globalisierungsschub einsetzte und die Märkte dereguliert wurden, schlitterte das Werk in die Krise. 1995 musste die Belegschaft auf fortan noch 126 Mitarbeiter reduziert werden. Die Öffnung des Weltmarkts und das Wegfallen hoher Schutzzölle führten in der Schweiz zu einem Strukturwandel in der Wirtschaft, der für viele Industriebetriebe das Ende bedeutete. Auch für die Aluminium Münchenstein war 1999 Schluss. Am 8. September meldete das Unternehmen den Konkurs an. Um 11 Uhr jenes Spätsommertags versammelten sich die Angestellten in der Kantine, wo sie aufgefordert wur­den, an ihre Arbeitsplätze zurückzukeh­ren, die Maschinen abzustellen und ihre persönlichen Gegenstände mitzunehmen. Eine Stunde hatten sie Zeit. Dann nahm die Kon­kursverwaltung ihre Arbeit auf. «Wir haben alles versucht», sagte der damalige Verwaltungsratsdelegierte der Alu Münchenstein, Lorenzo Giulini, der «Basler Zeitung».

Sechzehn Jahre später schmerzt ihn die ­Erinnerung an jenen Tag immer noch. «Es wäre nicht nötig gewesen», sagt er. Aber damals sahen die Banken, an deren Tropf auch die Alu Münchenstein hing, für die Industrie keine Zukunft mehr in der Schweiz. Als die Umlaufmittel für das Unternehmen gekündigt wurden, konnte die damalige Muttergesellschaft Sabemo, der auch die Schwesterfabrik Aluminium Martigny SA gehörte, die Ausstände nicht mehr decken. «Für die Industrie gab es einfach kein Geld mehr. Dabei hat die Bank mit uns nie auch nur einen Franken verloren», so Giulini. Zudem habe die Firma zu diesem Zeitpunkt wieder Boden unter den Füssen gewonnen. «Wir sahen Land.» Doch Giulini, der nach wie vor in der Aluminiumindustrie tätig ist, war auch klar, dass die Zukunft schwierig geworden wäre. Die damaligen Konkurrenten sind noch da, aber auch in Schwierigkeiten. Die Alu Laufen und die Alu Menziken mussten im Zuge der Eurokrise dieses Jahr massiv Personal abbauen. Die Walliser Algroup wurde um die Jahrtausendwende zuerst von Christoph Blocher und Martin Ebner filettiert und 2000 schliesslich vom Multi Alcan gekauft. Die Aluminium Martigny musste 2002 schliessen.

Das Ende der Alu Münchenstein 1999  löste im Dorf allerdings kein Erdbeben mehr aus. Nur 13 Mitarbeiter wohnten noch in der Gemeinde. Ein Grossteil der Belegschaft war Grenzgänger. Die finanzielle Bedeutung des Werks für das Dorf war bereits in den mageren Jahren zuvor geschwunden. Steuergeld verdiente die Gemeinde mit der schlin­gernden Firma schon länger nicht mehr.

 

Skulptur auf dem Walzwerkareal

Brache mit Raum für neue Ideen und neues Leben

Aber jedes Ende ist auch ein Neuanfang. Allerdings passierte nach dem Konkurs mit dem heutigen Walzwerkareal, das zuletzt eigentlich nur noch ein Standpresswerk war, nicht das, was sich die Gemeinde wünschte. Sie hätte es gerne gesehen, wenn sich ein potenter Investor des 42 000 Quadratmeter grossen Grundstücks angenommen hätte. Ein Szenario, das vom Theater ex/ex 2007 im Theater-Rundgang «Wäre da nicht Ida Kramer» thematisiert wurde. Stattdessen wurde das Areal nach Abschluss des Liquidationsverfahrens 2004 an die Sefer Foundation nach Liechtenstein verkauft. Die Kantensprung AG, die mit ihrer Offerte, die sie mit der Pensionskasse Abendbrot einreichte, unterlegen war, wurde mit der Umnutzung und Verwaltung des Areals betraut. «Wir haben der Sefer Foundation unsere Ideen präsentiert und einen Vertrag für die Entwicklung des Areals erhalten», erklärt Kantensprung-Verwaltungsratspräsidentin Barbara Buser. Die Architektin hatte zuvor schon mit der Umnutzung der ehemaligen Sulzer-Fabrik auf dem Gundeldingerfeld bewiesen, dass sie das Know-how für eine erfolgreiche Transformation hat. Dort gab Sulzer ebenfalls 1999 die Produktion überraschend auf. Die liechten­steinische Stiftung liess Buser in Münchenstein freie Hand. Laut Giulini hatte die mysteriöse Stiftung das Areal unter Marktpreis erwerben können. Mysteriös insofern, weil niemand weiss, wer hinter der Stiftung steht. Weder Buser noch die Gemeinde Münchenstein noch die heutige Verwalterin Wohnplus hatten je direkten Kontakt zur Familienstiftung mit Sitz in Mauren (FL). Kommuniziert wurde stets via Anwalt. 

 

Skulptur auf dem Walzwerkareal


Das Gundeldingerfeld war die Blaupause für das Walzwerkareal. Eine bunte Mischung von Handwerkern und Unternehmern, ergänzt durch kulturelle Aktivitäten zur Be­lebung des Areals, schwebte Buser vor. Den neuen Mietern konnten langfristige Verträge angeboten werden. Viele fanden hier einen Ort, an dem sie nicht nur Räumlichkeiten nutzen, sondern auch gestalten konnten. «Man konnte einfach frei wirken», sagt Felix Bossel, der im Westen des Areals mit Freunden zuerst die Kulturbar 1. Stock und dann 2008 die Handwerksgenossenschaft Schoolyard gründete. Unter den mittlerweile rund 60 Mietern finden sich zahlreiche Handwerksbetriebe, aber auch Kreativgewerbe, Softwareschmieden, eine Kunstschule, Betriebe des Vereins für So­zialpsychiatrie und der Tierschutz beider Basel. Die Gastronomiebetriebe auf dem Areal, sei es die Kantine des VSP, die Fahrbar oder der 1. Stock sind soziale Knotenpunkte, wo Kontakte innerhalb der Mieterschaft gepflegt werden und vor allem auch Gemeinschaft entsteht. Man kennt sich, man trifft sich, man hilft sich. «Das Zusammenleben auf dem Areal funktioniert», sagt Bossel. In den mittlerweile 16 Jahren seit dem Konkurs der Alu ist auf dem ehemaligen Fabrikgelände ein einzigartiges Biotop entstanden. «Alteingesessene und Jungun­ternehmen, grosse und kleine, alternative und konventionelle, innovative und tradi­tionelle Betriebe und Organisationen haben ihren Platz gefunden und bilden eine grosse Familie», sagt Barbara Buser. Das Ergebnis sei so, wie sie es sich erträumt habe. Das Areal lebt wieder und es verändert sich ständig. Das erzeugt Dynamik, aber auch Aufbruchstimmung. 

 

Skulptur auf dem Walzwerkareal


Für die Gemeinde ist das Walzwerk heute ein wichtiger Baustein für die Entwicklung und Umnutzung des Gstad, das nördlich ans Areal anschliesst. Die «kleinmaschige und langfristige Entwicklung», wie es ­Barbara Buser nennt, war und ist auch ein Urbanisierungs-Labor, wo städtebaulich und planerisch neue Ideen erprobt werden können. Gleichzeitig ist es auch zur urbanen Speerspitze am südlichen Rand von Münchenstein geworden. Das benachbarte Chemieunternehmen van Baerle wird Mün­chenstein in den kommenden Jahren verlassen. «Mit dem Verkauf dieses Areals stehen der Gemeinde rund fünf Hektaren Industrieareal für eine städtebauliche Entwicklung zur Verfügung», sagt Gemeindepräsident Giorgio Lüthi (CVP). Ihm schwebt eine Aufwertung des Gebietes zwischen Walzwerk und Bahnhof vor. Die hervorragende Erschliessung mit Tram und S-Bahn sowie die Möglichkeit, grossflächig neue Strukturen für die bauliche Nutzung zu schaffen, seien Voraussetzungen für eine qualitativ hochwertige Entwicklung, sagt er. Eine, die der Gemeinde langfristig auch zu grösserem Wohlstand verhelfen wird. Das Walzwerkareal selbst ist für die Gemeinde auf den ersten Blick noch keine Cashcow geworden. Die 17 auf Münchensteiner Boden angesiedelten Firmen auf dem Areal entrichteten 2014 Steuern in der Höhe von rund 32 000 Franken. «Das ist im Vergleich zur Arealfläche sehr wenig. Aber zusätzlich generieren die dort arbeitenden Leute Steuererträge an ihrem Wohnort», sagt Lüthi. Weiter gilt es auch zu beachten, dass ein grosser Teil des Areals auf Arlesheimer Boden steht und einige der Walzwerk-Mieter ihre Steuern in der wohlhaben­den Nachbargemeinde entrichten. Auch wenn nach dem Ende der Alu nicht der grosse Investor gekommen ist, darf die ­Gemeinde heute mit der Entwicklung zufrieden sein. Mehr noch: Mit der sanften Transformation des Areals blieb auch ein Stück Schweizer Industriegeschichte erhalten, das mit dem Fortbestand der alten Gebäude und mit der Präsenz zahlreicher Arte­fakte des alten Standpresswerks eine spannende Geschichte des wirtschaftlichen Wandels in der Schweiz zu erzählen vermag. Im Zwischennutzungsleitfaden des Bundesamts für Umwelt (BAFU) wird es heute als Best-Practice-Beispiel aufgeführt.

Epilog

Es hätte auch anders und doch gut kommen können. Und das ist die bittere Ironie der Geschichte für die ehemaligen Eigentümer der Aluminium Münchenstein. «Was mit dem Areal passiert ist, das hätten wir auch selbst machen können», sagt Lorenzo Giulini. Schon 1999 gab es ein Umnutzungsszenario. «Uns schwebte genau das gleiche vor, was jetzt geworden ist.» Der Schicksalsentscheid der Bank nahm ihm jedoch diese Möglichkeit. Dieses Schicksal hat er bis heute nicht ganz verwunden. Er meidet das Areal noch immer. Einmal sei ihm ein Fitnessabo offeriert worden. «Das passte für mich dort einfach nicht. Ich sehe immer noch die ganze Geschichte.»


Text und Fotos: Lukas Hausendorf