Kronleuchter

Der Tag geht, der Leuchter kommt ...

 

Es war Onkel Gustav, der mich in die Welt der Kristalle einführte. Onkel Gustav war so etwas wie das lebende Duplikat der ­Comic-Figur Gustav Gans. Ein erfolgreicher Goldschmied, der mit seiner Kunst die Berner Bourgeoisie erfreute und das Glück gepachtet zu haben schien. Zugleich war er ein passionierter Strahler, der mir bei seinen Besuchen zum Erntedankfest von der Reinheit der Bergkristalle vorschwärmte. Ich schwärmte ihm von der TV-Serie Bonanza vor, die mir als Knirps weitaus wichtiger erschien als irgendwelche «Steine», was Onkel Gustav mit einem tiefen Seufzer quittierte. 
Meine zweite Begegnung mit diesen «Steinen» war bedeutend aufregender. Mein Cousin Roland und ich spielten an kalten Herbsttagen oft bei ihm zuhause König und Hofnarr. Wer als König lachte, hatte verloren und musste den Hofnarr mimen. Mit Kopf oder Zahl legten wir fest, wer als Erster was spielte. Mein Cousin hatte das Talent zur Komödie ..., die an diesem Tag in der Tragödie endete. Zuerst biss sich Roland an mir die Zähne aus. Ich lachte nicht. Auch dann nicht, als er ein Zierkissen unserer Oma Rosa wie wild um seinen Kopf schlug. Ich lachte nicht, bis zu jenem Moment, als er mit dem Kissen den Kristallleuchter aus der Verankerung hob und das Erbstück von Grosstante Emma krachend auf dem Parkett landete. Ich gab mich geschlagen und lachte. Allerdings nicht für lange. Roland machte sich aus dem Staub, ich hinterher. Mein Cousin öffnete die Gartentüre, überlegte es sich anders und rannte in den Keller, ich hinterher, wo wir uns, völlig ausser Atem, in einer grossen Holzkiste versteckten. Nach sechs Stunden wurden wir von Rolands Vater, meinem Götti Ernst, mit ernster Mimik entdeckt. Was in diesem Moment zählte, war aber nicht das Fiasko im Esszimmer, sondern die Tatsache, dass wir nicht abgehauen sind. Die offene Gartentüre war unsere Rettung. Haue gab es keine, dafür kein Nachtessen. Das Esszimmer wurde für uns zur Sperrzone, was an diesem Abend eh egal war. 
Meine spezielle Beziehung zum Kronleuchter ist seitdem geblieben. Und ja, bei mir hängt auch so einer – im Badezimmer, wo er, finde ich, gut hinpasst und vor jeglichen Zierkissen meiner Grosskinder sicher ist.
Gut, eigentlich wollte ich hier über den Herbst im Binntal und das Hotel Ofenhorn schreiben. Über Strahler, Kristalle und Kron­leuchter, was gut in diese Jahreszeit passt. Aber das «Ofenhorn» ist gar weit weg vom Lese-Radius des BirsMagazins. Und ich will mit meiner Kolumne den Herausgeber ja auch nicht weiter unnötig irrtieren, was ich mit meiner Geschichte (BirsMagazin Sommer 2014) über Badeferien in England ja bereits getan habe. 
Also habe ich das von «swiss historic hotels» veröffentlichte Buch «Zeitreisen» nach kristallenen Kronleuchtern durchstöbert und tatsächlich auch einen gefunden, den ich Ihnen und vornehmlich allen Genussrauchern speziell ans Herz lege. Er thront im Fumoir des Hotels Krafft in Basel. 
Die Gebrauchsanweisung zum Haus liefere ich hier gleicht mit: Beginnen Sie den Abend gegenüber dem Hotel im hauseigenen «Consum». Gönnen Sie sich einige Appetitanreger, trinken Sie ein Glas Wein oder gleich eine ganze Flasche und amüsieren Sie sich über das Geplauder der Basler Trendsetter. Danach setzen Sie sich an die Tafel des Hotels Krafft, die sich in einem unprätentiösen, eleganten Raum mit Ausblick auf Rhein und Münster abspielt. Geben Sie der Küche eine «carte blanche», legen sie das Budget fest und freuen Sie sich über die regionalen Speisen des Hauses. Danach begeben Sie sich ins Fumoir zu «meinem» Kronleuchter, der über Ihnen funkeln wird. Im Kamin knistert an kühlen Abenden das Feuer, Sie nippen am Single Malt oder am würzigen Gin Tonic, lümmeln sich im bequemen Sessel oder Sofa und freuen sich mit einer Montechristo über Ihre Rauchzeichen und über die zelebrierte Leichtigkeit des Seins. Danach geben Sie sich im Hotelzimmer dem letzten Glas und anderen schönen Dingen hin. Im Rhein glitzern die Stadtlichter ... Cheers, und träumen Sie süss.

 

Text: Martin Jenni