Bundesvertrag vom 7. August 1815

Der Bundesvertrag vom 7. August 1815 zwischen den 22 Kantonen der Schweiz, die staatliche Grundlage der Schweizerischen Eidgenossenschaft zwischen 1815 und 1848. Rund um die Vertragsbestimmungen die Wappen der 22 Kantone mit den alten Wappen von Neuenburg und Graubünden (das ganze Bild ist unten nochmals abgebildet).

Die Schweiz und der Wiener Kongress

1815 teilte der Wiener Kongress das ehemalige Fürstbistum Basel den Städten Bern und Basel zu. Damit wurde das Birseck schweizerisch. Das BirsMagazin beleuchtet dieses historische Ereignis in mehreren Schwerpunktartikeln. In dieser Nummer geht der Historiker Ruedi Brassel der Frage nach, wie die Schweiz damals aussah.

 

Die Lektion von 1813

Das Jahr 1813 neigt sich dem Ende zu. Die Machtverhältnisse haben sich geändert. Der Kaiser Napoleon ist auf dem Rückzug – in jeder Hinsicht. Die Truppen der Alliierten – Österreich, Preussen, Russland und England – stossen nach. In der Schweiz beginnt man sich auf die neue Lage einzustellen. Die Tagsatzung tagt. Und am 15. November proklamieren die Vertreter der Kantone ein­stimmig und feierlich die Neutralität der Eidgenossenschaft und die Entschlossenheit, die Unabhängigkeit zu verteidigen. Eine Unabhängigkeit, die in den zurückliegenden Jahren der französischen Suprematie und der helvetischen sowie der Me­dia­tionsverfassung von Napoleons Gnaden eine wenig ruhmreiche Phase hinter sich hatte. 
Doch als im Dezember der diplomatische Druck auf die Schweiz steigt, die Truppen der Alliierten an der Nordgrenze stehen, bereit, durch die helvetischen Lande zu marschieren, traut selbst der schweizerische General Rudolf von Wattenwyl seinem improvisierten schweizerischen Heer nicht ganz. Es wird entlassen. Mehr als hunderttausend Mann der Alliierten strömen in der Nordwestschweiz, bei Basel, Grenzach, Rheinfelden, Säckingen und Laufenburg über die Grenze. Ein offenkundi­-ger­ Bruch der schweizerischen Neutralität, dem die Schweiz gleich auch noch bereitwillig zustimmt. Fürst Metternich, Stratege der Alliierten, begründet die Neutralitätsverletzung mit dem Wunsch, der Schweiz ihre Unabhängigkeit wieder zu geben. 
Diese Episode zeigt nicht nur, dass in der Geschichte Abhängigkeit und Unabhängigkeit durchaus auswechselbare Begriffe sein können. Sie dokumentiert, dass auch die Neutralität keine absolute Grösse ist. Ihre Ausformung und Durchsetzbarkeit ist stets bedingt durch die bestehenden Macht­verhältnisse. Die Ironie der Geschichte ist, dass diese Lektion zu jener Zeit erteilt wurde, in der die schweizerische Neutralität neuerer Prägung ihre Geburtsstunde erlebte: in der Zeit des Wiener Kongresses. 

Eine politische Agenda

Die Alliierten hatten im Gebiet der Schweiz nicht nur militärische Absichten, sondern auch eine politische Agenda. Und sie hatten Bündnispartner in der Schweiz. Vor allem bei jenen politischen Kräften, die eine Rückkehr zu den Zuständen des Ancien ­Régime wollten: Die Wiederherstellung der Herrschaft der alten Geschlechter, die Restauration der Macht- und Untertanenverhältnisse der alten Eidgenossenschaft. Diese war seit der Helvetischen Republik im Jahr 1798 doch erheblich erschüttert worden. So war die Gleichheit der politischen Rechte in Stadt und Land deklariert worden. Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, eine zentrale politische Verwaltung wurde etabliert. Seit der Mediation im Jahr 1803 war allerdings eine föderalistische Organisation wieder hergestellt worden. Immerhin aber wurden damals die einstigen Untertanengebiete im Oberaargau, in der Waadt oder im Thurgau zu eigenen Kantonen. Und das war den Vertretern der konservativen Kantone Bern, Luzern, Schwyz, Freiburg, Solothurn ein Dorn im Auge. Die Schweiz gab damals kein Bild der Geschlossenheit und der Einheit ab. Weil aber die Alliierten die Instabilität einer ungeeinten Schweiz fürchteten, drängten die konserva­tiven Kräfte auf dem internationalen Parkett darauf, dass auch die restaurativen Kantone – allen voran Bern – sich zusammenrauften und dass im September 1814 ein neuer Bundesvertrag angenommen wurde. 

Man stelle sich vor ...

Trotzdem bestanden die gegensätzlichen territorialen Interessen weiter. Hält man sich diese vor Augen, so hätte die Schweiz nach 1815 ganz verschiedene Ausgestaltungen erleben können. Man stelle sich vor, es wäre nach den Vertretern aus dem Wallis gegangen. Dann wäre das Wallis – das zusammen mit Genf und Neuenburg im September 1814 als neuer Kanton in die Eidgenossenschaft aufgenommen worden war – eine eigene Republik geworden. Die Berner hingegen wollten sich die früheren ­Untertanengebiete in der Waadt und im Oberaargau wieder aneignen. Forderungen, die im Sommer 1814 von veritablem Säbelgerassel begleitet wurden. Der Aargau und die Waadt, aber auch die anderen neuen Kantone wehrten sich gegen die Restauration der alten Untertanenverhältnisse und mobilisierten ebenfalls. Die Bündner wären am liebsten dem Drang nach Süden gefolgt und erhoben Anspruch auf das Veltlin. Die Urner wünschten, am Untertanengebiet im Tessin festzuhalten und in Genf spekulierte man auf eine Gebietserweiterung in Nordsavoyen. Auch die Stadt Konstanz wurde von der Schweiz beansprucht und der Kanton St. Gallen drohte zu zerfallen, aufgrund der Ansprüche, die von Seiten der Kantone Schwyz, Glarus und Graubünden erhoben wurden. Zudem gab es im Fürstbistum Basel Bemühungen, das Fürstbistum als neuen Kanton an die Schweiz anzuschliessen. Angesichts der verworrenen Lage erhoben sich gar Stimmen, die den Anschluss der Schweiz an das Deutsche Reich in Erwägung zogen. 

 

Karrikatur von 1815

«Wallfahrt auf die Tagsatzung nach Zürich.» Karikatur auf die erzwungene Teilnahme Berns an der Tagsatzung in Zürich. Der Berner Bär wird in Ketten und mit Maulkorb von einem Zürcher an der Kette geführt. Zwei Affen, die an ihren Fahnen als die verlorenen Untertanen Berns in der Waadt und im Aargau zu erkennen sind, reiten auf seinem Rücken. Getrieben wird der Bär von einem Kosaken, der für den russischen Druck auf Bern steht.

 

«Neue» oder «alte» Schweiz?

Kurzum – die Lage war verworren. Strittig waren nicht nur territoriale Ansprüche, sondern auch die Frage, ob man weiter den Weg zu einer «neuen» Schweiz gehen oder zur «alten» Schweiz zurückkehren wolle. Obwohl die nun 22 Kantone – unter mas­sivem Druck der Alliierten – im September 1814 doch noch eine gemeinsame Verfassung verabschiedeten, konnten sie die ­Klärung der territorialen Ansprüche nicht selber bewerkstelligen. Dies wurde dem Wiener Kongress überlassen, der in einem eigenen Ausschuss über die Schweizer Verhältnisse tagte. In Wien wurde denn auch die Schweiz in der heutigen geographischen Ausdehnung definiert: Die neuen Kantone blieben bestehen. Dem Kanton Bern wurde als Kompensation für die Gebietsverluste in der Waadt und dem Oberaargau die Stadt Biel und ein Teil des Juras, vorher Bestandteil des Fürstbistums Basel, zugesprochen. Dazu gehörte auch das Laufental. Das angrenzende Birseck und die Leimentaler Gemeinden sowie Allschwil erhielt der Kanton Basel. So beschloss es der Wiener Kongress am 20. März 1815. 

Restauration einer neuen Ordnung

Die Epoche nach 1813, die in der Geschichtsschreibung gemeinhin als Restauration ­bezeichnet wird, begann damit, dass ein Staatswesen neu geordnet wurde, das es so fünfzehn Jahre zuvor noch gar nicht gegeben hatte. Es entstand eine föderalis­tische Schweiz in den uns heute so ver­trauten geografischen Grenzen mit 22 gleichberechtigten Kantonen, mit der definitiven Abkehr vom System der Gemeinen Herrschaften. Der definitive Bundesvertrag vom 7. August 1815 hielt in § VII denn auch fest: «Die Eidgenossenschaft huldiget dem Grundsatz, dass so wie es, nach An­erkennung der XXII Cantone, keine Unter­thanen-Lande mehr in der Schweiz giebt, so könne auch der Genuss der politischen Rechte nie das ausschliessliche Privilegium einer Classe der Cantons-Bürger seyn.» 
Die Restauration war keine Rückkehr zur alten, vorrevolutionären Ordnung. Doch in den meisten Kantonen kehrte das alte ­Patriziat an die Macht zurück. Die Zunft­städte stellten die Vorherrschaft über das Land wieder her, alte Rechtsungleichheiten kehrten zurück. 
Gleichzeitig hielt die neue Zeit mit der Industrialisierung, der Verbesserung der Verkehrswege und dem Ausbau des Bildungswesens Einzug. Die Dynamik dieser Ent-
wicklung führte zu neuen Konflikten. Die bürgerlichen Freiheiten, die Grundsätze der Rechtsgleichheit, liessen sich nicht mehr zurückdrängen. Im Bürgertum regten sich die liberalen Geister und drängten aufs politische Parkett. So nicht zuletzt in Basel, wo die Landbevölkerung nach politischen Reformen rief. Das geringe Verständnis, das die städtische Obrigkeit dafür aufzubringen vermochte, führte dann in den 1830er-Jahren zur Basler Kantonstrennung. Es war dies die erste grössere Veränderung an den Grenzen, die 1815 festgelegt worden waren. Auch die weiteren Grenzveränderungen zwischen den Kantonen betrafen Gebiete des ehemaligen Fürstbistums Basel, das 1815 vom Wiener Kongress der Schweiz einverleibt worden war: 1978 die Schaffung des Kantons Jura und 1993 der Wechsel des Laufentals vom Kanton Bern zum Kanton Baselland. 

Und die Neutralität?

Abgesehen von diesen Grenzverschiebungen hat sich die territoriale Ordnung des Wiener Kongresses als äusserst stabil erwie­sen. Neben der Stabilität der Grenzen gilt vielen die Anerkennung der Neutralität als die zentrale Errungenschaft jener Epoche. Zwar wurde die immerwährende schweizerische Neutralität im März 1815 von den in Wien vertretenen Mächten anerkannt. Damals aber war diese Frage von untergeordneter Bedeutung. Das belegt nicht nur die eingangs erwähnte Episode im Winter 1813/14, als die Alliierten die Neutralität missachteten. Die Schweiz selber hob sie auf, als Schweizer Truppen im Juli 1815, nach dem Sturz von Napoleon, einen unrühmlichen Feldzug ins Burgund unternahmen. Und wie wichtig den Alliierten dieser Grundsatz war, zeigt die Tatsache, dass sie die Tagsatzung – gleichzeitig mit der Anerkennung der Neutralität im März 1815 – dazu einluden, der Koalition gegen Frankreich beizutreten. Erst die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat der Neutralität in der Schweiz jenen Stellenwert zukommen lassen, der ihr heute zugeschrieben wird.

 

Bundesvertrag vom 7. August 1815 (ganzes Bild)

Text: Ruedi Brassel, Bilder: wikipedia, sidonius