Rhätische Bahn

Höhenrausch in einem Zug

Eine Fahrt mit dem langsamsten Schnellzug der Welt durch die Schweizer Alpen erzeugt Hochgefühle am laufenden Band.

Wir fahren nach Zermatt, um am folgenden Tag die legendäre Bahnreise mit dem Glacier Express nach St. Moritz zu unternehmen. Unser Hotelzimmer mit Blick auf das Matterhorn versetzt uns bereits in Hochstimmung. Viel einheimisches Material haben die Julens in ihrem Romantik­hotel verarbeiten lassen. Morgens um fünf Uhr hält es mich nicht mehr unter der kuscheligen Decke. Das Matterhorn oder «s’Horu», wie die Einheimischen es nennen, hat bereits seine sanftrote Morgenmütze übergezogen. 
Am Bahnhof steht die schmucke Komposition des Glacier Express mit fünf Panorama- und einem Barwagen zur Abfahrt ­bereit. Schnell noch ein Foto für die japanische Reisegruppe und los gehts talwärts. Die komfortablen Wagen mit Tisch in jedem Sitzabteil bieten eine exzellente Sicht auf die beschaulich vorüberziehende Land­schaft – schöner als in jedem Film. In Brig steigt eine deutsche Reisegruppe zu. Klaus aus Ulm, der Nachbar im Nebenabteil, hat sich die Reise mit dem Glacier Express auf seinen runden Geburtstag gewünscht. Er setzt sich ans Fenster und sagt in seinem breiten schwäbischen Dialekt «sodele, jetz ben e heppy». Klaus verlässt seinen Fensterplatz bis St. Moritz nicht mehr.

 

Rhätische Bahn

Die totale Entspannung

Dieser legendäre Zug fährt bereits seit 1930 durch die Walliser, Urner und Bündner Alpenwelt. Damals führte die Strecke noch über Gletsch, vorbei am Rhonegletscher: daher der Name Glacier Express. Heute gehts von Oberwald durch den Furkatunnel nach Realp. Doch vorerst fahren wir durch das liebliche Goms, vorbei an blühenden Alpwiesen, schmucken Lärchenholzhäusern und dichten Bergwäldern. Nach dem Tunnel wähnen wir uns in einer anderen Welt. Das Urserental – eine karge Landschaft und im Zentrum der aufstrebende Ferienort Andermatt, wo statt Bäume die Häuser wachsen. Die Zugbegleiter servieren uns ein veritables 3-Gang-Menü an den Platz. Spätestens jetzt realisieren wir, wie weit wir vom Alltag weg sind. 
Der Glacier Express nimmt nun die Kehren, um den effektiven Höhepunkt der Reise zu erreichen: den Oberalppass (2033 m ü. M.). Links an den Hängen blühende Alpenrosen. Rechts auf den Weiden staunende Kühe. Nach der Wasserscheide geht es dem neu geborenen Vorderrhein entlang in die Surselva. Eine imposante Kloster­anlage thront über Disentis. Zeit um innezuhalten, nicht um zu beten, sondern für einen Personal- und Lokwechsel. Hier endet das Streckennetz der Matterhorn-Gotthard-Bahn und beginnt dasjenige der Rhätischen Bahn. Die beiden Unternehmen betreiben den Glacier Express zu gleichen Teilen. Nach Ilanz wird im Panorama­wagen der Geräuschpegel merklich höher: aah – ooh – eeh! Die Rheinschlucht mit ­ihren schroffen Felswänden zieht alle in ihren Bann. Über Kopfhörer erfahren wir jeweils Informatives zu den Orten und ­Sehenswürdigkeiten. Nun weiss auch ich, dass die Bündner Kantonshauptstadt Chur die grösste Beizendichte der Schweiz aufweist. 

 

Rhätische Bahn

Wie aus dem Bilderbuch

Die Albula-/Berninalinie der Rhätischen Bahn gehört seit Sommer 2008 zum UNESCO Welterbe. Der Glacier Express befährt den Teil zwischen dem Domleschg und dem Oberengadin. Ein absolutes Hoch­gefühl im doppelten Sinne löst die Fahrt über das Landwasserviadukt kurz vor ­Filisur aus. Das 142 m lange und 65 m hohe Bauwerk ist das technische Wahrzeichen des Glacier Express. Die Fenster zur Kurven­innenseite werden von den Fahrgästen gestürmt, dass man fast Angst um die Standfestigkeit der Wagen haben muss. Nichts ist passiert und die Fotos aus dem fahrenden Zug sind im Kasten. Über weitere Viadukte, durch Kehrtunnel und den Albuladurchstich erreichen wir nach acht Stunden entspannter und kurzweiliger Fahrt St. Moritz. Das Oberengadin mit seinen Seen, Gipfeln, Wäldern und Wiesen ist ein letzter Auslöser für einen Höhenrausch, bevor es am nächsten Tag wieder nach Hause geht.

 

Text: Werner Thüring; Fotos: Rhätische Bahn