Karrikatur von Mischa Kammermann

Vater schwimmt in der Birs

Schäumender, gurgelnder Fluss. Schön bist du. Aus grünen Tälern kommst du. 
Deine Fluten möchten sich lieber unbehindert mit dem Rhein vereinen, der deine Wasser bis zum Meer mitnimmt. Aber du wirst von Eisenschwellen gebändigt und zu einer Behäbigkeit genötigt, die nicht deinem Wesen entspricht. 
Vaters Kopf erhebt sich hoch aus dem Wasser, als ob er übers Wasser schweben würde. Er schwimmt mit regelmässigen Bewegungen. Ohne Hast und mit ernstem Gesicht. Er pflügt durch dein ruhig fliessendes Wasser. Die Schwellen weichen. Deine Wasser sind über Nacht tiefer geworden. Sein Kopf ist wie aufgepumpt. So prall wie die Autorad-Schläuche, die wir in der Saurer Garage erbetteln und mit denen wir als Entdecker auf dir hinuntersegeln. 
Ich rufe ihn. Er antwortet nicht. Er schwimmt weiter. Ich lege meine Hände als Trichter um meinen Mund und rufe, so laut ich kann. Er antwortet nicht. 
Nach langen Gewittern und heftigen Regengüssen im Tal schwillst du an und wirst trotz der Schwellen ein wilder Fluss. Dann spritzt die Gischt und um die Schwellen schäumt das Wasser weiss. 
Manchmal auch gelblich. 
«Da hat wohl wieder jemand aus Versehen den falschen Hahn aufgemacht», meint dann Vater. 
Er weiss solche Sachen, denn er arbeitet in der Chemischen. Wir dürfen dann nicht in dir baden, bis dein Wasser wieder grün ist. Dann spielen wir an deinem breiten Ufer. Die rosaroten Blumen, die schäumen auch, wenn man die Blüten kurz in dein Wasser taucht und zwischen den Händen zerreibt. 
Die Starkstrommasten mit ihren mächtigen Steinsockeln sind unsere Burgen. Mein Bruder besetzt die eine, ich die andere. Wir greifen einander an und verteidigen sie. Die hohen Eisenmasten sind die Türme. Sie sind lebensgefährlich. Es ist angeschrieben. Gelbe Schrift auf schwarzem Blech. Am Nachmittag bringt Mutter das Zvieri. Danach geht der Kampf weiter. Zwischendurch ruhen wir uns aus. Dann liege ich auf dem warmen Steinsockel, höre das Zirpen der Insekten, das Rauschen des Flusses und stelle mir meine Burg mit meinen Rittern und Pferden vor. Das ist am Schönsten. Ich träume gerne. Das stand auch in meinem Schulzeugnis: Urs träumt zu viel. 
Träume sind Schäume. Das stand auf einem Kalenderblatt. Mutter liest jeden Tag die Sprichwörter vor. 
Mein Vater schwimmt immer noch in deinem grünen Wasser. Er lächelt. Vor seinen ruhigen Schwimmbewegungen weichen die Schwellen und dein Wasser scheint noch tiefer. Und grüner denn je.
Das Kästchen, auf dem das schwarze Je­su­lein steht, hat dieselbe grüne Farbe mit weis­sen Verzierungen, die wie Wellen aussehen. Jeden Sonntag kann ich kaum den Augenblick erwarten, bis die Sonntagsschul­leh­re­rin mit dem Kässeli zu mir kommt und ich das Zwanzigrappenstück in den Schlitz stecken kann. Ich zögere, lasse dann die Münze fallen und das allerliebste Köpfchen beginnt zu nicken. Sein Gesichtchen strahlt. Ich wür­de alle meine Spielsachen gegen die­ses Käst­chen eintauschen. Ausser der Holzkuh.
Seit gestern weiden die Kühe wieder auf un­serem Territorium. Sie versperren uns mit ihren mächtigen Hörnern den Zugang zu den Burgen. Ich sitze an deinem Bord und beobachte, wie sie mit ihren rauen Zungen Büschel um Büschel ausreissen. Sie be­obachten mich auch. Dann und wann trotten sie zur kleinen Furt und trinken dein Wasser.
Da ist Vater wieder. Jetzt schwimmt er gegen die Strömung. Ich reibe meine Augen. Die Kühe sind verschwunden. Ich renne zum Ufer und frage ihn laut rufend, wie das denn möglich sei. Keine Antwort. Ein langer Ast kommt in deinem Wasser angeschwommen. Ich fische ihn heraus. Es ist ein dicker Ast und doch so leicht, dass ich ihn mit einer Hand halten kann. Der Ast wird länger und länger, bis er Vaters Kopf berührt. Ich stupse ihn an. Er reagiert nicht. Ich stosse stärker. Er reagiert nicht. Ich kriege es mit der Angst zu tun, packe den Ast mit beiden Händen und schlage auf den grossen Kopf. Er reagiert nicht. Ich gerate in Panik und schlage und schlage – bis ich schweissüberströmt erwache.


Text: Urs Schaub, Illustration: Mischa Kammermann, Foto: Yvonne Böhler