Blick über das Swissmetal-Areal nach Norden: Die Industrie begegnet der Umnutzung solcher Areale zu Mischquartieren mit Skepsis.  Foto: Gemeinde Reinach/zVg

Blick über das Swissmetal-Areal nach Norden: Die Industrie begegnet der Umnutzung solcher Areale zu Mischquartieren mit Skepsis.  Foto: Gemeinde Reinach/zVg

«Raumkonzept ist ein Meilenstein in der Raumplanung des Kantons»

Was denkt die Öffentlichkeit über das Raumkonzept Birsstadt? Der Mitwirkungsbericht artikuliert erstmals Lob und Tadel von verschiedenen Interessengruppen zur raumplanerischen Vision der Birstal-Gemeinden.

 

In der letzten Ausgabe des BirsMagazins wur­de das Raumkonzept Birsstadt ausführ­lich besprochen. Im Frühling dieses Jahres fand dazu eine öffentliche Mitwirkung statt. Zwischenzeitlich liegt der Bericht zum Mitwirkungsverfahren vor. Er offenbart, was die interessierte Öffentlichkeit über die nach wie vor unverbindliche, aber wegweisende, gemeindeübergreifende Zukunftsplanung des Birstals denkt. Im Nordwestschweizer Kontext ist das abstrakte Gebilde Birsstadt immer noch ein Zukunftslabor. Noch bevor der Kanton Baselland den Gemeinden die nötigen Planungsinstrumente an die Hand gegeben hat, um über ihre Grenzen hinaus gemeinsam ihre Siedlungs-, Arbeits- und Er­holungsräume zu gestalten, haben die sie­ben Birstal-Gemeinden Aesch, Arlesheim, Birsfelden, Dornach, Münchenstein, Pfeffin­gen und Reinach gemeinsam eine Antwort auf diese Fragen gesucht. Als stadtnahe Gemeinden innerhalb des gleichen Korridors sind sie gemeinsam mit den Herausforderungen der Zukunft konfrontiert. Die Bevölkerung der Stadt Basel und ihres Umlandes wird stärker wachsen als die ruralen Gebiete. Entsprechend hoch wird der Siedlungsdruck sein. Aber schon heute stösst die Verkehrsinfrastruktur an ihre Grenzen. Das Raumplanungsgesetz des Bundes schliesst zudem die Neu-Einzonung von Bauland praktisch aus. Das Raumkonzept Birsstadt ist der Versuch einer gemeinsamen Zukunftsplanung mit dem Ziel, die Qualität des Lebensraums trotz aller Herausforderungen zu verbessern.
Die Arbeit der Raumplanungsgruppe Birsstadt erntete im Rahmen der Mitwirkung viel Lob. Der Kanton Baselland bezeichnet sie gar als «Meilenstein in der Raumplanung des Kantons». Die Gemeinde Muttenz, die zwar nicht an der Planung beteiligt war, weil sie sich aus der Birsstadt zurückgezogen hat, sieht sie ebenfalls als «hervorragende Basis für die nachhaltige Entwicklung der Birsstadt». Auffallend ist, dass sich grossmehrheitlich nur Gemeinden, Parteien und Verbände zum Raumkonzept ge­äussert haben. Von den 23 Eingaben stammen nur gerade drei von Privatpersonen. Das wirft Fragen auf, mit denen das BirsMagazin den Reinacher Gemeindepräsidenten Urs Hintermann konfrontierte, der quasi als Sprecher der Birsstadt auftritt (siehe separates Interview auf Seite 10). 

Skepsis gegenüber ungebremstem Wachstum

Ein Mitwirkungsverfahren ist nicht nur ein Gefäss für salbungsvolle Lobreden, sondern vor allem eines für Kritik. Es wird deutlich, dass die Wachstumsprognosen, mit denen das Raumkonzept operiert – bis 2035 sollen die sieben Gemeinden 12000 Einwohner mehr beherbergen – auch Anlass zu Sorgen gibt. Mehr Verkehr, mehr Strassen, mehr Siedlungsflächen, davor fürchten sich vor allem Naturschutzverbände. «Dieser Kreislauf muss endlich durchbrochen werden», schreiben mehrere Naturschutzvereine. Sie deuten auch das klare Nein des Stimmvolks zur ELBA-Planungsfinanzierungsvariante Ausbau im November 2015 als klares Votum der Bevölkerung gegen ein allzu expansives Wachstum. Das Bevölkerungswachstum als solches können die Birstal-Gemeinden natürlich nicht steuern. «Aus übergeordneter Sicht ist es aber wichtig, dass dieses in den Kernstädten und in den Agglomerationsgebieten wie der Birsstadt untergebracht wird. Denn nur so wird vermieden, dass immer peripherere Landschaftsgebiete zersiedelt werden», hält die Raumplanungsgruppe fest. Auch die Stadt Basel, die in die Birsstadt-Planung miteinbezogen wurde, bemüht sich mit Hochdruck, mehr Wohnraum zu schaffen. Der Leiter der Abteilung Stadtentwicklung, Thomas Kessler, hielt Mitte August 2016 fest, dass die Stadt das beste Mittel gegen Zersiedelung sei. «Jede nicht gebaute Wohnung in der Stadt führt zu einem höheren Landverbrauch im Umland», sagte er an einer Medienorientierung zur Wohnraumentwicklung. Dennoch: Die Wachstumsszenarien sind nicht in Stein gemeisselt und hängen von vielen Unwägbarkeiten ab. Die Arlesheimer «Frischluft» kritisiert denn auch, dass «unhinterfragt» die Wachstumsvorgaben des Kantons über­nommen wurden, die notabene auf dem Szenario «Hoch» des Bundesamts für Statistik beruhen. Besser vom Schlimmsten ausgehen, als dann die böse Überraschung zu erleben, haben sich die Birsstadt-Planer wohl gesagt. Man könne sich dem Wachstumsdruck nicht einfach entziehen, «... um das Wachstum zu lenken, muss heute schon vorausschauend geplant werden», heisst es denn auch im Mitwirkungsbericht.

Industrie fürchtet Verdrängung

Das grosse Thema der modernen Siedlungs­entwicklung ist Wohnen und Arbeiten. In einer «Stadt der kurzen Wege», die die Birsstadt sein will, sind Mischquartiere das Gebot der Stunde. Im Birstal gibt es gleich mehrere Areale, die vor einer grossen Trans­formation stehen. Angefangen bei der ehemaligen Swissmetal in Dornach über Aesch Nord, das Stöcklin-Areal im Grenzgebiet von Aesch, Dornach und Reinach sowie das Van-Baerle-Gelände in Münchenstein. Hun­derttausende von Quadratmetern werden hier in den kommenden zehn Jahren um­genutzt. In den neuen Quartieren soll die Trennung von Gewerbe und Wohnen aufgehoben werden, wobei die Schaffung von Wohnraum Priorität geniesst. «In der Birsstadt sind insgesamt sehr viel mehr Arbeitsplätze geplant als Wohnraum», sagt Reinachs Gemeindepräsident Urs Hintermann. Das sei nicht gut, weil es zu mehr Pendlerverkehr führe. Das hören nicht alle gern, gerade produzierende Industriebetriebe und Wirtschaftsverbände. So macht sich etwa die Baselbieter Wirtschaftskammer Sorgen, dass in Zukunft zu wenig ange­messene Gebiete für die Industrie übrigbleiben. Die Münchensteiner Müller Grup­pe, die nahe des Van-Baerle-Areals ihr Domizil hat, geht sogar dezidiert in die Opposition. Die Strategie der Mischquartiere biete Raum für Konflikte um Lärm, Geruch oder Verkehr. «Wohnen und Arbeiten sollten räumlich klar voneinander getrennt sein.» Gut möglich, dass der Hersteller von Industrieverpackungen befürchtet, dass er verdrängt werden könnte. Das Unternehmen wünscht sich, dass der Kanton deshalb Industriebrachen übernehmen solle, um diese wiederum an einen industriellen Investor zu verkaufen. Ähnlich verläuft der Diskurs auch in Basel, wo die anstehende Transformation des Lysbüchel-Areals ebenfalls den Widerstand des Gewerbes provozierte, weil es die Verdrängung fürchtet. Die grösseren Areal-Transformationen geniessen für die Planer der Birsstadt derzeit höchste Priorität. «Die Arbeit in diesen Koordinationsgebieten ist vordringlich», erklärt Hintermann. Als nächstes sollen sich die Birsstadt-Gemeinden vertraglich zum Raumkonzept be­kennen. So wolle man Verbindlichkeit herstellen. Die Zeit drängt nämlich für die grossen Würfe. Etwa die Tramverbindung zwischen Dornach und dem Reinacher ­Kägen. «Da muss man sich festlegen, was man eigentlich will, und einen Korridor de­finieren. Sonst ist dann alles verbaut», so Hintermann.
Die neuen Quartiere und ganz allgemein die forcierte Verdichtung nach innen in den Gemeinden bieten auch anderweitig ganz neue Perspektiven. Schweizweit leiden klei­nere Städte und Dörfer daran, dass ihre Zentren absterben, die Läden leer stehen und veröden. Der Online-Handel hat diesen Trend noch beschleunigt. «Besonders problematisch sei hier auch die mangelnde Koordination zwischen den Gemeinden in raumplanerischen Fragen», sagte der Ökonom Daniel Müller-Jentsch vom Think Tank Avenir Suisse Anfang August in der «Sonntagszeitung». Attraktive Zentren bräuchten, verkürzt gesagt, auch eine attraktive Infrastruktur. «Eine wichtige Massnahme ist die Stärkung des Wohnens im Zentrum, denn mehr Bewohner bedeuten auch Belebung und mehr Kunden für die ansässigen Geschäfte», schreibt die Raumplanungsgruppe Birsstadt im Mitwirkungsbericht. Für die ge­beutelten Ladengeschäfte ist das Raumkon­zept Birsstadt also eine gute Nachricht.

 

Text: Lukas Hausendorf