Die rüstige Claire Parks-Bärfuss hat viel aus ihrem Leben zu erzählen.

Die rüstige Claire Parks-Bärfuss hat viel aus ihrem Leben zu erzählen.

Die eindrückliche Geschichte der Claire Parkes-Bärfuss

Linard Candreia: Claire Parkes-Bärfuss wur­de als Klara in Zwingen in eine Arbeiter­familie hineingeboren. Wie muss man sich die ersten Jahre ihrer Kindheit vorstellen?

Simone Müller: Die ersten Lebensjahre waren einerseits von Armut und Krankheit geprägt, anderseits aber auch von Geborgenheit. Acht von 14 Geschwistern und auch die Mutter starben an Tuberkulose, der Vater 1919 an der Spanischen Grippe. Trotz äusserst schwieriger Umstände hat Klara sich zuhause in Zwingen gut aufgehoben gefühlt.

Was erzählt Claire Parkes-Bärfuss über ihre Mutter, die schon früh Witfrau wurde?

Die Trennung von der Mutter war vielleicht die einschneidendste Zäsur in ihrem Leben. Als Sophie Bärfuss an Tuberkulose erkrankte, musste sie 1921 auf Drängen der Behörden ihre Kinder weggeben. Klara und zwei ihrer Schwestern kamen in das katholische Kinderheim Mariazell im Kanton Luzern. Sie hat die Mutter nach dem Abschied in Mariazell nie mehr gesehen.

Wie musste man sich früher einen Heimaufenthalt vorstellen?

Claire Parkes-Bärfuss hat enorm unter der emotionalen Kälte im Kinderheim Mariazell gelitten. Sie hat immer wieder versucht, zu den Klosterfrauen, die das Heim geführt haben, eine nahe Beziehung aufzubauen und vielleicht wieder etwas von der Geborgenheit zu finden, die sie in Zwingen erlebt hat. Aber das war unmöglich, da im Heim ein sehr strenges Regime geführt wurde und die Atmosphäre von Angst geprägt war. 

 

Claire in jungen Jahren  Foto: Privatarchiv Claire Parks-Bärfuss

Claire in jungen Jahren  Foto: Privatarchiv Claire Parks-Bärfuss

 

Claire Parkes-Bärfuss’ Leben ist gekennzeich­net von vielen Stellen- und Ortswechseln.

Claire Parkes hat von frühester Kindheit an immer wieder erlebt, dass diejenigen Menschen, die ihr am nächsten standen, plötzlich nicht mehr da waren. Viele Geschwister und der Vater starben früh, und mit dem Eintritt ins Kinderheim verlor sie von einem Tag auf den andern nicht nur die Mutter, sondern alles, was ihr bis dahin vertraut gewesen war – auch die ganze Umgebung, den Wald in Zwingen zum Beispiel, der für sie immer sehr wichtig ge­wesen war. Später in ihrem Leben hat sie diese Erfahrung wiederholt, ist immer wieder aufgebrochen und weitergegangen, auch – oder gerade – wenn es ihr an einem Ort gefallen hatte.

Im Buch wird der Leser immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen es um den vom Krieg traumatisierten Ehemann Stanley Parkes geht ...

Die Erfahrungen, die Stanley an der Front, vor allem auch im Koreakrieg, gemacht hat, haben sein späteres Leben geprägt. Zum Beispiel hat er in der Nacht im Schlaf immer mit den Zehen am Leintuch geschabt, um die Füsse warm zu halten. Oft hat er im Schlaf auch weitergekämpft und so sehr um sich geschlagen, dass Claire am andern Morgen blaue Flecken hatte.

Claire Parkes-Bärfuss kehrt als 99-Jährige aus England in ihren Bürgerort Eggiwil im Emmental sozusagen heim. Eine Art Happy End?

Eben nicht! Claire Parkes sagt oft, dass sie gerne wieder nach London zurück möchte. Eine gewisse Sehnsucht nach Bewegung, nach dem Aufbruch ist ihr wohl bis heute geblieben.

Sie recherchieren weiterhin über Schweizer Frauen, die nach England ausgewandert sind. Kommen in Ihrem nächsten Buch wiederum Laufentalerinnen vor?

Ja! Ich porträtiere eine 97-jährige Laufentalerin, die 1939 nach England ging und unter abenteuerlichen Umständen vorzeitig in die Schweiz zurückkehren musste, weil der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war. Ich suche aber auch immer noch nach weiteren Frauen, die vor oder unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nach England gegangen und dort geblieben sind, und bin froh um diesbezügliche Hinweise.

Claire Parkes-Bärfuss wird am 12. November 2016 103-Jährig. Wie geht es ihr heute?

Claire Parkes ist seit vielen Jahren fast blind und ihr Gehvermögen ist sehr eingeschränkt. Aber sie ist nach wie vor eine ausgezeichnete Erzählerin und ihr Gedächtnis ist ungewöhnlich: Sie erinnert sich an Ereignisse, die 100 Jahre zurückliegen, und an Dinge, die erst vor wenigen Tagen passiert sind.
 

Text: Linard Candreia, Fotos: Mara Truog