Maire André Linder an der Wolschwiller Quellenfassung des Birsig

Maire André Linder an der Wolschwiller Quellenfassung des Birsig

Die Geschwister Birsig und ihre beiden Quellen

Zwei Quellen speisen den Bach Birsig: die eine oberhalb des Sundgauer Dorfs Wolschwiller, die andere am Galgenfels hinter der Baselbieter Gemeinde Burg im Leimental. Das ergibt 20 Kilometer Flussverlauf bis zur Mündung in den Rhein beim «Les Trois Rois» an Basels Schifflände. 

 

Beim Bahnhöfli in Rodersdorf wendet die gelbe BLT-Linie 10. Auf ihrer 26 Kilometer langen Fahrt von Dornach via Theaterschlaufe am Basler Steinenberg verbindet die längste Tramlinie Europas das Birstal mit dem Birsigtal. Beim Dorf Leymen, das dem Tal den andern Namen gab, Leimental, macht das Tram einen Abstecher nach Frankreich.
Die beiden Flüsse Birs und Birsig verbindet der keltische Wortstamm «Bersikos», was soviel wie «Schnelle» heisst. Die eine Bir­-sig-Quelle entspringt im Sundgauer Dorf Wolschwiller. André Linder, der Maire des 500-Seelendorfs, fährt mit uns über holp­rige Feldwege zum «Birsigbrunnen», am Sumpf vorbei, wo nachts die Wildschweine suhlen. Mit einem massiven Vierkantschlüs­sel hebt er den schweren Deckel der Quellfassung und steigt hinab in den Hades des reinen Wassers. Das köstliche Nass wird über die «Brunnstub» zum Dorf geführt und speist die Trinkwasserleitungen der Gemeinde. 
Nördlich des Dorfes fliesst der zweite Bach, der Elsässer Birsig, dem «Börsengraben» oder «Birsigraben» entlang und mündet an der Landesgrenze bei Rodersdorf in den andern Birsig-Oberlauf. Dieser entspringt am Galgenfels beim Remelsberg südlich von Burg im Leimental. 
«Ich hört eine Bächlein rauschen» dichtet Wilhelm Meister. Das zarte Gewässer hört man rauschen, bevor es im Talboden als sprudelnder Quell sichtbar wird. Am Schloss­­felsen und an der Chlus vorbei strebt das Bächlein dem schattigen Dorf mit der trutzigen Burg zu, wo der 69er-Bus aus dem Solothurnischen an seinem Endpunkt noch das Baselbiet besucht.

Abstecher nach Leymen

Nach Bad Burg mutiert der Birsig frankophon zu «La Birsig». In sanften Wellen wiegt sich die Wassermaid. Hinter den Geranien am Geländer des «Village fleuri» blüht sie auf wie eine junge Rheintochter. Eine idyl­lische Dorfszenerie mit den renovierten Steinhäusern am Strassenzeilendorf Biederthal. Unvermittelt biegt die Birsig unter der Strasse ab und läuft zielstrebig ihrem Bruder entgegen. Beim Zusammenfluss vereinen sich die beiden Flüsse am Grenzstein zum männlich deutschen Birsig. 

 

Der weibliche Birsig-Bach – Schild an der Hauptstrasse von Biederthal im Leimental

Der weibliche Birsig-Bach – Schild an der Hauptstrasse von Biederthal im Leimental


Bei Leymen überfliesst der Bach nochmals die Grenze zu Frankreich, um nach der ­Neuen Mühle in Benken endgültig den Schweizer Pass zu erlangen. Am Bernhardsberg vorbei steuert er gen Oberwil. Verstärkung erhält er durch den Binnbach aus Bättwil und den Marchbach aus Ettingen. Der Zusammenfluss unter der Brücke an der Hallenstrasse hat historische Bedeutung. Hier, im Dreieck des einstigen Sumpfgebiets, entstand ein Weiher. Daraus wurde im Winter Eis gewonnen, das mit dem Eiswagen per Birsigtalbahn den Brauereien in Basel zur Kühlung des Biers zugeführt wurde. Der Eisweiher war auch eine Natureisbahn, auf der man mit den «Schruubedämpferli» seine Pirouetten drehen konnte. Im Eiskeller produzierte Xaver Feigenwinter aus Reinach ab 1885 das Eis. Es gab auch ­einen Musikpavillon für eine Kapelle, die zum Schlittschuhtanz aufspielte. Heute ist der Pavillon ein Jugendhaus und die Oberwiler bekämpfen die drohende Überbauung des Eisweiher-Areals. 
Ab Oberwil fliesst der Birsig der Tramlinie entlang zum Bottminger Wasserschloss und über die Mühle zum Binninger Schloss. Unter der SNCF-Bahnbrücke erhält er bei der Mündung des Doren- und des Rümelinbachs nochmals einen Zustupf an Wasser. Kalt lässt ihn der Geruch von Seelöwen und Hängebauchschweinen vom benachbarten Zolli. Zu neuem Leben erwacht er beim lichten Nachtigallenwäldchen, wenn er nach dem Viadukt renaturiert wird und sein kurviges Bett von neuen Fussgängerbrücken aus bestaunen lässt. 

 

Das Rinnsal Birsig bei der Mündung in den Rhein (Schifflände)

Das Rinnsal Birsig bei der Mündung in den Rhein (Schifflände)

 

Unterirdisch

Bei der Heuwaage, nach dem aufgehobenen Parkplatz am Lohweg, verschwindet der Bach unter dem Birsigparkplatz, der Falknerstrasse, dem Marktplatz und dem Fischmarkt. Erst an der Mündung bei der Sternenküche des Hotels «Les Trois Rois» an der Schifflände erblickt er wieder das Licht der Welt und ergiesst sich in den Rhein, ohne dass der Vater vom Zustrom seines Sohnes überrascht wäre.  
20 Kilometer weit fliesst der Birsig in sanften Wellen und geordneten Bahnen, so­lange ihn keine Überschwemmung aus der Ruhe bringt. Nirgends ist das Wasser still und gründet tief. Es freut sich vielmehr seines ewig feuchten Wandererlebens, woran die Anrainer ihre helle Freude haben. Trefflich beschreibt der Dichter im Schubert-Lied den steten Fluss: «Vom Wasser haben wir’s gelernt, das hat nicht Rast bei Tag und Nacht, ist stets auf Wanderschaft bedacht.» Ein treffendes Bild für unsere Leimentaler Gewässer.
 

Text und Fotos: Jürg Erni