Rundgang in Reinach

Eintauchen ins alte Reinach

In Reinach, der «Stadt vor der Stadt», lebt noch immer das alte Reinach, wenn man seine Spuren zu lesen versteht. Dies fällt besonders leicht, wenn man sich der kundigen Führung von «Wiedergängern» anvertraut, die beim «Rynacher Rundgang» in Spielszenen von «ihrem» Dorf berichten.

 

Die Reinacher «Galerie Werkstatt» an der Brunngasse 4/6, integriert im Freizythuus, füllt sich mit Leuten, jüngeren wie älteren. Sie kommen nicht nur von Reinach, aber ­sicher auch. Sie alle verbindet das Interesse an einer Reise in die Reinacher Geschichte, das «Eintauchen in das alte Reinach», das nicht nur für Reinacherinnen und Reinacher äusserst spannend und aufschlussreich ist, sondern für alle, die hier und jetzt leben. Ein bisschen fragend, vor allem gespannt, begutachten sie die Galerie, in der seit über 40 Jahren der Verein «Kultur in Reinach» Ausstellungen durchführt – eine Geschichte für sich.
Da erscheint eine junge Frau mit knallgelbem Koffer. Sie blickt verwundert um sich, dann stellt sie sich vor: «Ich bi d Elisabeth Fygewinter. Wow ...! Zrugg in Rynach, am Ort, wo-n-i 1799 gebore worde bi – als ­Franzosemeitli. He jo, wo unsere Fürscht­bischof wäge dr französische Revolution gflüchtet isch, sin syni Ländereie do in dr Region vo französische Truppe anneggtiert worde (...).» Geschichte zum Greifen nah und doch so fern. Die junge Frau erzählt, wie sie nach der kurzen Franzosenzeit und der darauffolgenden letzten Hungersnot in unserer Gegend nach Amerika auswandern wollte. Da unterbricht sie der Tauner-Joggi barsch: «Het öpper Arbet für mi?», ruft er missmutig in die Runde. Niemand reagiert.

 

Rundgang in Reinach

Rundgang in Reinach

Rundgang in Reinach

Rundgang in Reinach

Rundgang in Reinach

 

Alte und junge Geschichte

Die junge Frau erbarmt sich und engagiert ihn als Kofferträger auf dem Weg durch das alte Reinach, in das die Gruppe von maximal 40 Personen beim szenischen Rundgang eintauchen darf. Möglich wird das durch die «Wiedergänger» Elisabeth Feigen­winter und Fridolin Kilchherr. Weitere Persönlichkeiten melden sich später zu Wort, wie etwa die forsche Frau Alioth aus Arlesheim oder der geschäftstüchtige Wirt des Schlüssels. Selbst die jüngere Reinacher Geschichte mit der spannungsgeladenen Beziehung zwischen dem legendären Pfarrer Sieber und dem berühmten Reinacher Lehrer und Autor Heinrich Wiesner, wird angesprochen.
Recherchiert und geschrieben wurde der «Rynacher Rundgang» mit dem Titel «Gschicht und Gschichte zwüsche geschter und morn» vom in Muttenz lebenden Lehrer, Autor, Schauspieler und Regisseur Danny Wehrmüller. Er setzte den Rundgang auch in Szene und übernimmt beim szenischen Rundgang die männlichen Rollen. Den weiblichen Part übernehmen, je nach terminlicher Verfügbarkeit, die Arlesheimer Schauspielerin Andrea Pfaehler oder die in Basel lebende Schauspielerin Dominique Lüdi. Alle drei schlüpfen gekonnt in diverse Personen, um sie zum Leben zu erwecken. Auf diese Weise wird die Geschichte zum reinen Vergnügen.
Nach Reinach gebracht, realisiert und finanziert wurde der «Rynacher Rundgang», der im September 2015 erfolgreich startete, von «Kultur in Reinach». Der Verein organisiert sowohl die offiziellen Rundgänge, die jeweils an einem Dienstagabend stattfinden, wie auch private Rundgänge, die nach Absprache jederzeit gebucht werden können. «Kultur in Reinach» ist es ein grosses Anliegen, allen den Blick ins alte Reinach zu ermöglichen, ebenso wie in die Geschichte des Birsecks und der weiteren Region, die noch immer nachklingt. Damit, so hofft der Vorstand, kann er auch einen Beitrag zur stärkeren Verbundenheit der Bevölkerung mit Reinach leisten.
Der szenische Rundgang lädt zum Flanieren durch das Reinacher Zentrum ein, ausgehend von der «Galerie Werkstatt» durch das Taunerquartier, zum Gemeindehaus, zum Kuryhus und ins Strytgässli. Danach geht es zum alten Dorffriedhof, der Dorfkirche und dem Gasthaus Schlüssel. Der letzte Halt ist beim Heimatmuseum. Hier erfährt man auch, wie es um die Geschichte von Elisabeth und Fridolin steht und ob das alte «Schuelhuusglöggli» läuten wird. Mit einem Apéro beim geschichtsträchtigen Heimatmuseum klingt nach rund 90 Minuten der «Rynacher Rundgang» aus. Er ist auch für Gehbehinderte, Rollstuhlfahrer etc. geeignet. Und wenn alles rund läuft, dann werden Elisabeth und Fridolin schon bald wieder mit neuen Einblicken in Geschichte und Geschichten aus Reinach zurückkehren.

 

Text und Fotos: Heiner Leuthardt