Das kleine Theater im Hinterhof

Das kleine Theater im Hinterhof

Gänsehaut-Geschichten aus dem Hinterhof

Hinter einer Häuserzeile mitten in der Stadt Basel steht eine kleine Zeitmaschine: Hier erweckt Satu Blanc Historisches zum Leben. Hereinspaziert in das winzige Theater «Lo Studiolo»!

 

Weit und breit keine Klingel. Wir stehen vor der Kellertüre am St. Galler-Ring 160, in­mitten einer Baumallee, wo sich ein Mehrfamilienhaus ans nächste reiht. Hierhin führt nicht der Zufall, sondern ein Theaterticket. Wir werden also erwartet – und schon klimpern die Schlüssel, der Weg wird frei. Die Zeitreise beginnt.
Satu Blanc geht voraus. Ein dunkler Kellergang führt über eine Treppe in einen blühenden Hinterhof. Mittendrin ein kleines Häuschen, hinter einer Efeuwand versteckt. «Das ist es – mein ‹Lo Studiolo›». 15 Jahre lang hat die Schauspielerin von diesem eigenen kleinen Theater geträumt, vor drei Jahren wurde es Wirklichkeit. Seither erweckt sie hier Geschichte zum Leben. Das Konzept ist so einfach wie die Einrichtung: Vor zwanzig Zuschauerplätzen reduziert sie das Theater aufs Schauspiel und auf die Sprache. Kein Entertainment, keine aufwändigen Lichtshows. Lediglich ein Holzofen heizt im Winter die vier Wände auf. Der Inhalt ihrer Stücke: Wahre Geschichten, viele aus dem Mittelalter, aber auch aus den Zwanziger- und Dreissigerjahren. «Alles ist eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit.»
Die Historikerin inszeniert ihre Geschichten mit einem kleinen Team, steht allein auf der kleinen Bühne und spielt mehrere Fi­guren. «Manchmal ist es etwas einsam. Ich würde gerne wieder mit einem Bühnenpartner spielen. Aber ein Schauspieler kostet Lohn und ich kann mir dies momentan nicht leisten.» Dass sie Schauspielerin von Beruf ist, hat seinen Preis. Oft kommt sie in den Wintermonaten gerade so über die Runden. Während der Sommerpause wird es manchmal eng.

 

Satu Blanc: «Das ist es, mein ‹Lo Studiolo›».

Satu Blanc: «Das ist es, mein ‹Lo Studiolo›».

 

Ein Künstlername, der keiner sein will

Auch wenn man es kaum glauben mag – Satu Blanc ist der Name, wie er im Pass steht. Ihre Mutter kommt aus Finnland, der Vater aus der Romandie. «Satu ist in Finnland weder ein seltener noch ein sehr oft gehörter Name. Er ist eigentlich nichts Spezielles.» Aber in der Schweiz wird er zum perfekten Künstlernamen. Und übersetzt bedeutet er «Märchen». 
Die 47-Jährige kehrt seit der Kindheit jeden Sommer zurück zu ihren Wurzeln. Mehrere Wochen verbringt sie jährlich auf einer kleinen Insel in den finnischen Schären. «Ich brauche Ruhe und Weite.» Was sie mit ihrem «Lo Studiolo» geschaffen hat, ist ebenfalls eine kleine Insel, mitten im hektischen Treiben der Stadt. Platz ist allerdings etwas, das sie in dem Atelierhäuschen kaum findet. Eine kleine Fläche neben der Eingangstür wird zu ihrer Bühne und über eine einfache Holztreppe erreicht sie eine schmale Galerie. «Meine Regisseurin hatte die Idee, dass ich auch da oben spielen soll. Anfangs war ich total dagegen. Ich habe Höhenangst.» Aber man könne sich an alles gewöhnen, sagt sie und lächelt.
Es gibt allerdings eine kleine Ausnahme: Ho­sen kommen ihr nicht ins Haus. «Egal wann und egal wo, ich trage immer Kleider.» Es könne wie aus Eimern regnen, selbst dann trage sie auf dem Velo einen Rock – unter Regenhosen. «Mein einziges paar Jeans, das ich besitze, liegt in Finnland.» Doch letztes Jahr war die grosse Premiere: In «Christina von Schweden – Königin des Barocks» war sie in ihrer ersten Hosenrolle zu sehen.

Unglaubliches aus Riehen

Satu Blanc wirkt nervös. Denn die Neuerun­gen gehen im Oktober weiter. Nach elf Jahren wagt sie sich erstmals an eine Liebesgeschichte. Und sie traut sich ausserdem an eine für sie eher moderne Zeitepoche – die Situation in Basel und der Region während des zweiten Weltkriegs. Was sie bei der schwierigen Recherche herausgefunden hat, verblüfft: Ein Zaun trennte vom einen auf den anderen Tag die Riehener von der Lörracher Bevölkerung. Flüchtlinge strömten via grüne Grenze in die Schweiz und Grenzwächter versteckten Juden bei sich zuhause. «Geschichten, wie man sie aus Deutschland kennt», sagt die Historikerin, «aber nicht unbedingt aus Basel.»
Auch wenn Satu Blanc vor dem grossen Tag noch etwas zittert, ist eines sicher: Die Zuschauer erwartet eine grosse Geschichte in einem kleinen Theater.

 

Text und Fotos: Sarah Ganzmann