Zermatt Oktober 2015: Foto: Werner Thüring

Über den Herbst

Wir haben Stimmen zum Thema Herbst gesammelt, haben Männer, Frauen und Kinder auf der Strasse gefragt, was ihnen spontan zum Thema Herbst einfällt. Und wir haben literarische Zitate gesammelt. Zum Thema Herbst haben alle etwas zu sagen.

Drama

Sieh, der Himmel scheint gespalten:
Dort ein düstrer Wolkenstrom
geisterhafter Nachtgestalten;
hier: ein stolzer Sonnendom. –
Fluss und Fenster widerblitzen,
Gassen wiegen sich im Tanz,
und es lächeln selbst die Pfützen
silberklar im jähen Glanz.
(aus «Herbstlicher Ausschnitt» von Rose Ausländer)

 

Eine junge Mutter findet, der Herbst sei wie ein Abend in der Familie: dramatisch. – Prolog: Die Wolken balgen sich zwischen den letzten Sonnenstrahlen, leichter Wind. Es wird kühl und die frühe Dämmerung treibt Vater, Mutter und die Kinder ins Haus. – Erster Akt: Im Cheminée knistert das Feuer. Der Vater hat die dicke Brille aufgesetzt und liest ein gutes Buch, die Mutter beantwortet die letzten E-Mails. Anna und Max, schon im Pyjama, zeichnen auf dem Boden liegend. Max zeichnet ein Eichhörnchen, das eine Nuss vergräbt, und Anna zeichnet ein Kamel. – Zweiter Akt: Die Sonne ist untergegangen, die Wolken jagen über den Himmel, einzelne Windböen. Mutter schaltet das Licht ein, Vater gähnt. Anna bewundert Max’ Eichhörnchen. Max ist stolz. Dann klingt der Stolz ein wenig ab und Max mustert Annas Kamel. Ganz sachlich weist er darauf hin, dass ein Kamel zwei Höcker hat. «Mein Kamel hat einen Höcker», sagt Anna bestimmt. «Nein, es hat zwei», sagt Max. Er nimmt Annas Blatt und zeichnet den zweiten Höcker. Die Mutter verzieht den Mund. Der Vater schaut von seinem Buch auf und über den Rand seiner dicken Brille: «Beides ist richtig», doziert er, «das Dromedar hat einen Höcker, das Trampeltier zwei und beides sind Kamele.» – Dritter Akt: Es ist jetzt dunkel draussen, der Sturm peitscht den Regen ans Fenster. Anna ist zornig, sie will Max’ Eichhörnchen auch einen Höcker zeichnen. Max wehrt sie ab. Anna greift nach Max’ Blatt und zerreist es in der Mitte. Max reisst Anna an den Haaren. Anna schreit. Vater brüllt: «Max!» Max findet das ungerecht. Er rennt aus der Stube und stolpert über die Schwelle. «Hilfe! Ich blute», schreit Max. Die Mutter tröstet. – Epilog: Der Himmel ist klar, die letzten Wolkenfetzen verziehen sich, der Mond scheint aufs Haus. Die Kinder schlafen friedlich in ihren Betten, Vater schnarcht vor dem Fernseher und Mutter schaut 10vor10.

 

Kornfeld. Foto Werner Thüring

 

 

Ernte

Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.
(aus «Der September» von Erich Kästner)

 

«Im Herbst wird geerntet, was übers Jahr angepflanzt und liebevoll gepflegt, genährt und getränkt wurde», sagt der Bauer, «Kartoffeln, Kohl, Rettich, Äpfel, Zwetschgen und Trauben natürlich.» 
Die Winzerin und Gemeinderätin Monika Fanti öffnet ihr Winzerbeizli in der Klus in Aesch. Aber Achtung, man sollte nicht aufs Geratewohl hingehen, die Öffnungszeiten sind speziell. Es ist an manchen Abenden und an gewissen Sonntagmorgen geöffnet. Die genauen Zeiten findet man im Internet (siehe Kästchen auf Seite 6). 
Der Laden im Hofgut in Arlesheim ist im Herbst noch attraktiver als übers Jahr. Hier findet man neben Weinen, Zöpfen und Eiern saisonales Bio-Gemüse und Bio-Obst. Nur mit den Speisetrauben sei das so eine Sache, sagt Helene Rediger. «Seit einigen Jahren haben wir im Garten des Birseckschlosses Muscat-Trauben. Aber Fuchs und Dachs lieben diese Trauben über alles. Kein geschlossenes Tor und keine Mauer können sie fernhalten, und für die Menschen bleibt meist nichts übrig. Jetzt sind die Trauben aber gut eingepackt. Vielleicht gibt es dieses Jahr im Hofgut-Laden auch Speisetrauben.»

 

Marroni. Foto Werner Thüring

Resslirytti. Foto Werner Thüring

 

Feste

Denn d’Resslerytti locke
und d’Rosekiechliständ.
Me lullt e siesse Mogge,
und s’Gligg nimmt gar kai Änd.
(aus «Wenn’s Martinsgleggli lytet» von Anna Keller)

 

«Abnehmen im Herbst ist schwierig», sagt der dicke Mann. Die Tiere sammeln Vorräte für den Winter, die Pflanzen konzentrieren die Nährstoffe in den Wurzeln und der Mensch geht an die Basler Herbstmesse. Dort riecht es nach Raclette, Marroni und Würsten. Neuerdings kommen orientalische und afrikanische Düfte dazu. Und man sieht Mässmögge, Roseküechli, Marzipankartoffeln, gebrannte Mandeln, Magenbrot. Wer kann da widerstehen? Und vor der Herbstmesse besuchte der dicke Mann ein paar Oktoberfeste, denn diese sind offenbar nicht mehr auf die Münchner Wiesn ­limitiert und werden vermehrt auch in unserer Region gefeiert. Und dann kommen noch Halloween und Thanksgiving. Das ist auch eine Auswirkung der Globalisierung: Wir nehmen, was wir kriegen: Wir feiern die Herbstfeste aus aller Welt mit.

 

Melancholie

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
(aus «Herbsttag» von Rainer-Maria Rilke)

 

Niemand hat gesagt, er schreibe lange Brie­fe. Aber eine ältere Dame liest düstere Geschichten aus England, «Der Untergang des Hauses Usher» von Edgar Allan Poe und «Der seltsame Fall des Doktor Jeckyll und Mister Hyde» von Robert Louis Stevenson. Eine jüngere Dame schaut nordische Krimis («Die Brücke») und düstere Serien auf Netflix («Bloodline» und «Stranger Things»).

 

Poesie

Im Nebel ruhet noch die Welt,
noch träumen Wald und Wiesen;
bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
den blauen Himmel unverstellt,
herbstkräftig die gedämpfte Welt
in warmem Golde fliessen.
(aus «Septembermorgen» von Eduard Mörike)

 

Beim Stichwort Herbst denken die meisten Leute an bunte Wälder, an goldenes Licht, an die Farbenpracht, an erdige Gerüche. Kein Wunder, dass der Herbst ein Lieblingsmotiv für Malerinnen und Dichter ist, und natürlich auch für Fotografinnen und Fotografen. An den Abenden zieht man sich zurück in die gute Stube. Und es gibt mehr Leute, als man denken würde, die zeichnen und malen und die an Herbstgedichten ­feilen.

 

Text: Jürg Seiberth, Fotos: Werner Thüring