Klinik Arlesheim Maltherapie

Ausgleich ermöglichen

Künstlerische Therapien (Malen und Plastizieren, Musik und Sprache) können neue Wege zur Problemlösung aufzeigen, als Ausdrucksraum, zur Selbstfindung, zum Entdecken neuer Potentiale. Im Vordergrund steht immer der therapeutische Prozess, der im Menschen die Selbstheilung mobilisiert. Dass für den Einzelnen manchmal doch kleine Kunstwerke entstehen, ist ein schöner Nebeneffekt.

 

«Ich soll malen?!», ruft Frau Jermann irritiert aus, als ihr Arzt nach Abschluss aller Untersuchungen die Therapieempfehlungen mit ihr bespricht. «Schon mein Zeichenlehrer in der Primar hat mir künstlerische Unfähigkeit attestiert!» Ihr Arzt vermag sie davon zu überzeugen, dass von ihr keine Kunstwerke erwartet werden. Es geht um den therapeutischen Prozess, um die Auseinandersetzung mit Farben und Formen, mit Licht und Schatten. Wie bei vielen Erkrankungen geht es auch bei der von Frau Jermann darum, wieder in ein Gleichgewicht zu kommen, den Organismus zu harmo­nisieren. Die Übungen in der Maltherapie können lösende, aber auch strukturierende und stabilisierende Prozesse anregen. Sie sprechen direkt unsere Gefühle an und beeinflussen unsere Körpervorgänge wie Puls und Atem, sie beschleunigen oder verlangsamen, aktivieren oder entspannen. 
Die verschiedenen Techniken des Malens und Zeichnens – sei es das Aquarellmalen mit Pflanzenfarben oder das Zeichnen mit Kohle, Wachs oder Pastell – betonen entweder das Lichthaft-Durchscheinende, das Wässrig-Bewegliche oder das Verdichtend-Befestigende. Formenzeichnen wiederum übt in vielfältigen linearen Bewegungen das Zusammenspiel von Führungskraft und phantasievollem Schwung. Immer geht es um den Entstehungsprozess und sein Wirken auf den gesamten Organismus, auf Körper, Seele und Geist.

Heilsame Klangwelt

Ähnlich erstaunt zeigt sich Herr Müller, dem aufgrund seiner Atemwegserkrankung Mu­siktherapie verordnet wird. Er betont, dass er völlig unmusikalisch sei und nicht singen könne. Selbst in der Familie hält er sich diskret im Hintergrund, wenn es an das Singen von Weihnachtsliedern geht. Doch seine Ärztin ist überzeugt von den Möglichkeiten dieser Therapie. Aufgrund ihrer Argumente lässt er sich auf einen Versuch ein und wird überrascht. Musik ist eine universelle Sprache, die alle verstehen. Mit Klängen, Rhythmen und Melodien lassen sich seelische Stimmungen ansprechen und ver­ändern. Die feinen Schwingungen der verschiedenen Instrumente wecken seelisches Erleben und wirken ebenso auf die körperlichen Vorgänge ein. «Ich kam nach einem Burnout in die Klinik Arlesheim und habe dort die Musiktherapie kennengelernt. Seit­her gehe ich in die ambulanten Therapiestunden, da ich dort jedes Mal neue Lösungs­perspektiven für meine aktuelle Situation finde. Dafür bin ich dankbar», berichtet ein 57-jähriger Patient. «Ich spüre, wie ich durch diese Therapiestunden wieder zu mir selbst, zu meiner Identität und auch zu meiner Lebensquelle finden kann», bestätigt auch eine andere Patientin. «Ich kann meine gesundheitliche Schwäche ausgleichen, wieder etwas bewältigen.»

 

Klinik Arlesheim Musiktherapie

 

In der Sprache lebt der ganze Mensch

«Sprachtherapie? Ich kann doch sprechen!», wundert sich ein anderer Patient, dem sein Arzt eine ambulante Sprachtherapie empfiehlt. Die innere Befindlichkeit ist an der Sprache hörbar: Wenn wir vor Aufregung keinen Ton herausbekommen, wenn uns vor Ergriffenheit die Stimme zittert, wenn wir verärgert plötzlich losdonnern. Umgekehrt können wir über die Sprache nach
innen zurückwirken. Therapeutische Sprach­gestaltung kann sowohl bei Sprech-, Stimm- und Atemstörungen eingesetzt werden, als auch bei vielen anderen Erkrankungen. Sie kann die Wärmebildung verbessern, die kör­pereigenen Abwehrkräfte stärken sowie die bewusste Lebensführung und menschliche Autonomie unterstützen. 
Laut-, Gesten-, Stimm- und Atemübungen sowie gezielt angewandte dichterische Elemente aus Lyrik, Epik und Dramatik wirken direkt auf Haltung, Atmung, Stimme, Artikulation und Kognition des Menschen. Oft sind wir sprachlos vor unserem Schicksal. In der Begegnung mit der Sprache lassen sich Antworten auf tiefe Lebensfragen finden. Oder wie es vor einigen Jahrzehnten der Logopäde Frederik Husler formulierte: «Stimme ist in umfassendem Sinne das Ja zum Leben, die Antwort auf die Herausforderung Leben.» 

Vielfältige Möglichkeiten

Die Therapien kommen den stationären Pa­tientinnen und Patienten zugute. Häufig setzen sie den an der Klinik begonnenen Weg ambulant fort. Neben der Behandlung akuter Krankheitszustände werden die Therapien auch ambulant vorsorgend, kurativ, rehabilitierend und palliativ eingesetzt. Ausserdem werden regelmässig Kurse zu verschiedenen Themen angeboten, die sowohl für Patienten geeignet sind als auch für Menschen, die bewusst vorbeugend für ihre Gesundheit künstlerisch aktiv sein wol­len. So gibt es zum Beispiel in regelmässigen Abständen das therapeutische Singen für Menschen mit Atemwegsproblemen oder Kurse mit Pflanzenbetrachtungen und künstlerischem Gestalten.

 

Text: Verena Jäschke, Fotos: zVg